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Album-Tipp der Woche Die Kerzen: True Love

Rockmusik mit deutschen Texten - auch in diesem Genre tut sich etwas. Nach Jahrzehnten, in denen sich nur wenige Rocksänger an deutsche Texte wagten, gibt es mittlerweile erstaunlich viele Gruppen, die kein Problem haben mit ihrer Muttersprache. Eine dieser jungen Bands ist die Gruppe Die Kerzen, die vor kurzem aus Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin gezogen sind. Markus Mayer über ihr Debutalbum "True Love".

Von: Markus Mayer

Stand: 09.07.2019

Illustration: CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Klavier, Schlagzeug und Gitarre knallen rein, der Gesang dagegen ist konsequent in den Hintergrund gemischt. Man muss sich anstrengen, will man den Text verstehen. So geht‘s auch - typisch für die Popmusik der 80er Jahre und die Produktionen des Berliner Indie-Rock-Labels Staatsakt.

"True Love" heißt das Debut der Wahlberliner Band Die Kerzen. Auch wenn das Klangbild dieser Gruppe stark an das von Die Türen und International Music erinnert, weitere Zugpferde aus dem Staatsakt-Stall, das Quartett, das sich in Ludwigslust zusammengefunden hat, einem Landkreis südlich von Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern, Die Kerzen sind durchaus eigenständig mit ihrer Melange aus wohltemperierten 80er Jahre Sounds und abgeklärtem Pop-Rock.

"Kleinstadt-Paralyse und Großstadt-Tristesse" schrieb ein österreichisches Blatt, kennzeichnet Texte und Musik von Fizzy Blizz, der Katze, Jelly Del Monaco und Super Luci, die Macher, die hinter dem Bandnamen stehen. Die Kerzen sind offenbar Kleinstadt-Romantiker, Leute aus der Provinz also, die vom großen Leben anderswo träumen, draußen, in der berühmten "großen weiten Welt" - ein Ort, an dem man irgendwie doch nie ankommt, weil er Gefühle von Verlorenheit erzeugt, wie es sich auch in den Stücken von Ödön von Horvath zeigt, dem Dramatiker des sog. Neuen Volkstheaters. Kontroverse Lebensgefühle suggerieren die Lied-Texte der Kerzen, die ebenso bemerkenswert poetisch wie unpeinlich sind.  

In dem Lied "Saigon" etwa erzählt der Sänger von einer Begegnung im Berghain, Berlins berühmtesten Club, bei der die Angebetete von Asien schwärmt. Wie der Typ in "Saigon", heisst es dann im Refrain. Kleinstadtflucht und Großstadtkälte – das ist die antagonistische Erzählidee dieses Debutalbums. Die Kerzen haben jedenfalls ein Thema, das sie in leicht schlagerhaften Songs aus verschiedenen Blickwinkeln abhandeln.

Die Lieder stammen übrigens nicht aus der Feder eines einzigen Songschreibers, sie entstehen laut Autorenangaben im Team. Dieser Gemeinschaftsgeist ist ganz klar eine große Stärke dieser Gruppe aus der Provinz, die ihren Weg machen dürfte. Davon ist auszugehen nach dem gelungenen Debut.

Felix Keller heisst der Sänger der Kerzen – wird man sich merken müssen. Irgendwo zwischen Alphaville und Prefab Sprout - "True Love" von Die Kerzen ist beim Berliner Label Staatsakt erschienen.  


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