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Album-Tipp der Woche Chrissie Hynde with The Valve Bone Woe Ensemble: Valve Bone Woe

Die britische Sängerin und Gitarristin Chrissie Hynde ist bekannt als Frontfrau der Rockband The Pretenders - und als deren einziges ständiges Mitglied. Jetzt hat Chrissie Hynde ein Jazzalbum aufgenommen. Das haben andere Rockstars wie Rod Stewart, Paul McCartney, Bob Dylan und Iggy Pop auch schon gemacht, aber niemand hat dabei einen so eigenen Sound entwickelt wie Chrissie Hynde, findet Bernhard Jugel.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 10.09.2019

Illustration: CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Mit einem Chanson von Charles Trenet fing alles an. Vor ein paar Jahren wurde Chrissie Hynde gebeten, eine englische Fassung für einen Filmsoundtrack aufzunehmen. Seitdem spukte ihr die Idee eines Jazzalbums im Kopf herum. Auch, weil, wie sie in einem Begleittext zum neuen Album schreibt, in den 60ern der Jazz vom Rock'n'Roll an den Rand gedrängt wurde, jetzt aber mit dem Niedergang der Rockmusik als kreativster und innovativster Musikstil des 20. Jahrhunderts neue Aufmerksamkeit bekäme. Auf diesen Zug springe sie gerne auf.

Allerdings hat Chrissie Hynde viel mehr getan, als einfach nur ein paar alte Standards rauszukramen und zu aufgeplusterten Big-Band-Arrangements zu singen. "Valve Bone Woe" enthält zwar nur Coverversionen, ist aber ihre sehr persönliche, handverlesene Musikauswahl, ist gleichzeitig eine Verneigung vor der Tradition und lustvolles Herumexperimentieren. Dem Nancy Wilson-Hit "How Glad I Am" verpasst sie ein fettes Bläser-Riff und bei "Caroline, No", einst die erste Solo-Single von Beach Boy Brian Wilson, wird das Orchester mit Echo- und Hall-Effekten traktiert.

Den Aufwand, der für dieses Album betrieben wurde, kann sich wohl nur ein großer Star wie Chrissie Hynde leisten. Sie hat eigens eine Band zusammengestellt, hat ein bis zu 40-köpfiges Orchester ins Studio geholt, mit Marius de Vries und Eldad Guetta zwei jazzaffine Produzenten beschäftigt, als Multiinstrumentalisten auch bei den Aufnahmen dabei und sie erlaubt sich zwischendurch auch mal, nicht zu singen, etwa wenn ihr Valve Bone Woe Ensemble die im Original über 20 Minuten lange Charles-Mingus-Komposition "Meditation on a pair of wire cutters" auf die Pop-Song-Länge von 3 Minuten bringt.

"Valve Bone Woe" von Chrissie Hynde und dem Valve Bone Woe Ensemble ist bei BMG erschienen. Ein Vocal-Jazz-Album mit Überraschungen, mit Ausflügen in Richtung Pop, mit überraschenden Elektroniksounds und Dub-Effekten und mit ganz traditionellen Jazzballaden, denen Chrissie Hynde aber mit ihren Rock'n'Roll-Kieksern die Ernsthaftigkeit meistens austreibt.


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