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Album-Tipp der Woche "A Brief Inquiry Into Online Relationships" von The 1975

The 1975 heißt eine junge Popband aus der nordenglischen Industriestadt Manchester. Über vier Millionen Exemplare hat das gefeierte Quartett um Sänger Matthew Healy bisher verkauft. Jetzt haben The 1975 ein drittes Studiowerk am Start. Markus Mayer über das Konzeptalbum "A Brief Inquiry into Relationships".

Von: Markus Mayer

Stand: 04.12.2018

Illustration: CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Es beginnt spannend, das neue Studioalbum von The 1975, der Band, die von Manchester aus die Welt erobert hat mit gefälligem Dream Pop. Matthew Healy, der Sänger ist jetzt nach London gezogen. Längere Zeit hat er in einer Entzugsklinik auf Barbados verbracht, um seine Heroinsucht zu überwinden. Der Titel des neuen, des dritten Studioalbums seiner Band The 1975 verheißt jedenfalls Großes: A Brief Inquiry Into Online Relationships ist ein Konzeptalbum: eine kurze Untersuchung von Online-Beziehungen. Ein hochaktuelles, brisantes Thema also. In Interviews erklärt der 29-jährige Healy, dass ihn der Umgang seiner Generation mit der dotcom-Welt an die Abhängigkeit von harten Drogen erinnere.   

In einigen Liedern spielen Internet-Bekanntschaften eine Rolle, es geht aber auch um Ruhm und Sucht. Die Songs auf dem neuen Album sind unterschiedlich instrumentiert, klingen aber alle gleich süßlich und überproduziert: Als hätte man den Sänger mittels Autotune-Effekt in übergroße, kitschige Modellbau-Landschaften geworfen. Das hört sich mal nach Klavier-Ballade vor Sonnenuntergang an, mal wie harmlose Weltmusik aus der Karibik, wie abstrus aufgeblasener Combo-Jazz oder dick aufgetragenen, klebrigen Emo-Gothic-Rock - muss man mögen, sowas, jedenfalls.

Nicht, dass es nicht abgehen würde, aber es suppt und bretzelt, es rieselt, rauscht und tüddelt ganz gewaltig auf dieser angeblichen Untersuchung von Online-Bekanntschaften. Die Erzählidee verläppert sich, was bleibt, sind die Klangflächen dieses Mega-Dream-Pop, aufgepeppt mit viel 80er Jahre Synthie-Schmalz, auf Hochglanz poliert wie von Kanye West. Rockmusik-Fans dürften eine einsam scheppernde E-Gitarre vermissen, das im Grunde scharf umrissene Klangprofil von Gitarre, Bass und Schlagzeug, den präzisen Sound einer kleinen, störrischen Rock-Band.

Es gibt auch eine traurig-ironische spoken word-Geschichte, die von der britischen siri-Stimme vorgetragen wird.  Ein Mann, dessen bester Freund das Internet ist, verschwindet gewissermaßen in dieser Parallelwelt. The 1975 sehen zwar aus wie eine Rockband, klingen aber wie Michael Jackson. Mick Jagger hat die Gruppe jedenfalls als Vorband für die Rolling Stones engagiert. Sir Mick tanzte zu ihrer Musik am Bühnenrand, während das Publikum buhte. So muss es wahrscheinlich sein.

"A Brief Inquiry Into Online Relationships", das dritte Album von The 1975 ist zu lang und arg inkohärent. Es gibt mit Sicherheit viele Menschen, die diese Art von Plastic-Phantastic-Pop lieben, alle anderen seien gewarnt: Man muss nicht jedem Hype folgen. Erschienen bei Polydor/Universal.


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