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Album-Tipp der Woche "Freezing in Giesing" - Sampler von Trikont

Eigentlich hatte man für den Winter noch ein Outdoor-Festival geplant. "Freezing in Giesing" sollte es heißen, denn im Sommer hatte es bereits an 14 Freitagen geheißen: "Giesing is a feeling", Münchner Musikerinnen und Bands spielten open air am Giesinger Grünspitz. Jetzt haben sich Bands, Künstlerinnen und Stagehands, die beteiligt oder für das abgesagte Winter-Festival engagiert waren, zusammengetan und einen Benefiz-Sampler zusammengestellt. "Freezing in Giesing" umfasst 14 Stücke der Münchner Szene. Für Markus Mayer das Album der Woche.

Von: Markus Mayer

Stand: 15.12.2020

Illustration: CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Angela Aux

Wer darf was? Wer darf wann? Wer darf mit wem? Grundlegende Fragen stellt schon mal Angela Aux. Oder ist das doch nur heiliger Blödsinn à la Karl Valentin? Angela Aux ist natürlich ein Künstlername. Eigentlich heißt der Mann Florian Kreier, ist im Chiemgau aufgewachsen, hat in München studiert und eine Abschlussarbeit über die linke Rockband Ton Steine Scherben und die Subkultur der 70er-Jahre geschrieben. Als Songschreiber und Musiker nennt sich Kreier Angela Aux. Er ist als Solokünstler unterwegs oder als Sideman in Sepalots Jazz-Quartett. Cut-Up-Gedichte bringt er unter dem Pseudonym Heiner Hendrix heraus. Das Stück, das er zum Benefiz-Sampler "Freezig in Giesing" beisteuert, heißt "Hidden Track". Aufgenommen hat er es schon 2017, in Wien überarbeiten lassen, dann aber auf einer CD versteckt.  

Unterbiberger Hofmusik

"Ja, seid’s etz narrisch worn?" Die Unterbiberger Hofmusik ist vor zwei Jahren nach Kairo gereist, die Metropole des Nahen Ostens, die eine ähnliche Bedeutung hat, wie, sagen wir, New York für den Westen. Jedenfalls haben sich die Unterbiberger ein traditionelles Stück draufgeschafft, das eigentlich von 16 Sängern mit zwei Harfen und viel Percussion vorgetragen wird. Und weil es dem Trompetenanarchist Matthias Schriefl so gut gefallen hat, hat er sich ein Arrangement für Blaskapelle ausgedacht. Witzig, schräg und überaus charmant ist es jedenfalls.

Inga

Inga nennt sich eine weitere Künstlerin aus München, die sanfte Elektronik, Geschichten aus der Echokammer und Texte, in denen die eigene Befindlichkeit erkundet werden, kombiniert. Die Zeilen für das nokturnale Chanson "Come Along" hat sie, so steht es auf dem Cover, nachts um drei ein einziges Mal eingesungen. Geändert wurde daran nichts mehr. Weil es perfekt war, weil es einfach gepasst hat. Alles andere wäre falsch, unecht und aufgesetzt gewesen für diese kleine Soundskizze über das Überleben in Zentraleuropa.

Philip Bradatsch und Evi Keglmaier

Und so geht es weiter mit tollen Sachen. Der Songschreiber Philip Bradatsch beeindruckt mit einem Song, den er in einem Giesinger Keller geschrieben und gespielt hat. Evi Keglmaier, die bei Zwirbeldirn und der Hochzeitskapelle die Bratsche gestrichen hat, spricht uns aus dem Herzen mit einem Lied über Freud und Leid der Kommunikationsneuzeit.

"Freezing in Giesing"

Songschreiber-Pop, Elektronik-Kram, schräge Volxmusik und Alternativ-Folk-Rock. Fast könnte man meinen, dass es bestens bestellt ist um die Münchner Musikszene. Ist es aber nicht. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass während der Corona-Pandemie vor allem Hochkultur unterstützt wird. Die Szenehelden und Pop-Bohemiens aber, die umtriebigen Musikmenschen, die zumindest gelegentlich für Farbe, Sound und Klang, für Lieder und Soundlandschaften sorgen, die haben das Nachsehen: "Support Your Local Underground".

"Freezing in Giesing", das Gemeinschaftsprodukt verschiedener Produzenten, Tontechniker und Kulturinitiativen ist erhältlich bei den einschlägigen Münchner Plattenläden sowie beim Label Trikont, Giesings ewiger und einziger unabhängiger Plattenfirma.


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