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Zafer Senocak "Das Fremde, das in jedem wohnt"

Die Erfahrung von Fremdheit, die Begegnung mit unterschiedlichen Nationalitäten löst häufig Abwehr und Furcht aus. Der deutsch-türkische Schriftsteller Zafer Senocak setzt gegen diese Angst eine bewusste, biografische Auseinandersetzung mit dem Fremden in uns selbst.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 05.10.2018

Zafer Senocak | Bild: Körber-Stiftung / David Ausserhofer

Die  Widersprüche in sich selbst zu akzeptieren, sich aktiv damit auseinanderzusetzen, kann dazu beitragen die Angst vor dem Fremden zu verlieren, so der deutsch-türkische Autor in seinem neuen Buch "Das Fremde, das in jedem wohnt. Wie Unterschiede unsere Gesellschaft zusammenhalten". Zafer Senocak thematisiert darin Widersprüchliches in der türkischen und in der deutschen Gesellschaft, im Miteinander der Kulturen und vor allem in der eigenen Biographie: In Ankara als Sohn eines Verlegers und einer Lehrerin geboren, kam Zafer Senocak mit acht Jahren nach München. Ein kleiner Kulturschock. Auch in der eigenen Familie sind die Unterschiede lebendig: Während seine politisch engagierte Mutter eine säkular-moderne Lebensweise verkörpert, fühlt sich der Vater dem spirituellen Islam und der Liebe zur Poesie und Sprache verbunden.

"Meine Eltern haben sich sehr geliebt und da war natürlich die Liebesklammer stärker als alles andere. Für mich selber war es interessanter, weil ich musste sozusagen von den verschiedenen Einflüssen meine Persönlichkeit herausbilden."

Zafer Senocak

Eintauchen in das jeweilige Anderssein

Vater und Mutter, Frommheit und Skepsis, die Türkei und Deutschland, München und Berlin, die deutsche und die türkische Sprache. Grenzen immer wieder zu überschreiten, mache heute seine Identität aus, sagt Zafer Senocak. In seinem Buch beschreibt er in kleinen persönlichen Geschichten das fast schon lustvolle Eintauchen in das jeweilige Anderssein. In die Geschichten, Rituale und die Literatur beider Kulturen. Vom Bierzelt und Koranunterricht bis hin zu Karl Mays Werken und dem Lieblingsbuch seiner Kindheit über die osmanischen Sultane. Widersprüche zwar, doch es können auch zwei Herzen in einer Brust schlagen und reizvolle Töne erzeugen, so Zafer Senocak. Das zu vermitteln sei:

"Eine gesellschafltiche Aufgabe, eine Aufgabe in der Bildung, in der Schule, dass man Gegensatzpaare akzeptiert und nicht immer in kriegerische Stellung zueinander bringt. Das find ich wichtig und das ist auch eine Botschaft aus diesem Buch."

Zafer Senocak

Auch den Gegensatz zwischen Orient und Okzident und deren Wertesystemen, thematisiert das Buch. Wobei die Werte der Aufklärung, auf die sich Europa so gerne beruft, derzeit in vielen europäischen Ländern wanken. Auch hierzulande wird von Vielen wieder die deutsche Kultur als Abgrenzung gegen das Fremde verstanden. Das war nicht immer so:

"Meine Generation, zum Beispiel, hat sich sehr schnell und sehr gut integriert in den 1970er Jahren. Wir hatten eine sich öffnende Gesellschaft, eine neugierige Gesellschaft. Wir hatten im Grunde genommen die Möglichkeit, ohne immer auf die Herkunft angesprochen zu werden, uns hineinzufinden in diese Gesellschaft, die sich auch noch grad in der Jugendkultur stark internationalisierte. Das waren gute Voraussetzungen und leider machen wir aus diesem Erfahrungsschatz nichts."

Zafer Senocak

Vielmehr fördern Vorurteile und ethnische Engstirnigkeit derzeit steigenden Nationalismus. Die Furcht vor dem Fremden hat sich zu einem starken politischen Antrieb entwickelt.

Diversität als menschliche Grunderfahrung

In "Das Fremde, das in jedem wohnt" plädiert Zafer Senocak dafür, Diversität als menschliche Grunderfahrung zu akzeptieren. Erst wenn wir gelernt haben, Diversität in uns und anderen anzunehmen, können wir zu einem modernen Verständnis von Gesellschaft gelangen, sagt der 57-Jährige.

"Meine These ist, dass es nichts ausser Unterschieden gibt, dass im Grunde genommen alles, was wir vermeintlich als gleich wahrnehmen vollkommen fragmentiert ist, wenn man genau die Sachen anschaut. Und die Frage ist, ob wir damit leben könnnen oder nicht. Ob wir davon irritiert sind, verängstigt sind, Strategien dagegen entwickeln, das bekämpfen oder es akzeptieren und daraus das Beste machen."

Zafer Senocak


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