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"Wir sind hier" Eine Anthologie mit Geschichten über das Ankommen

Unter dem Motto "Meet your Neighbours" stellt eine Gruppe Münchner Kulturschaffender regelmäßig KünstlerInnen aus aller Welt vor, die es aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Deutschland verschlagen hat. Daraus ist nun die Anthologie "Wir sind hier" entstanden.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 30.11.2018

Flüchtlinge kommen 2015 am Bahnhof Schönefeld an | Bild: picture-alliance/dpa

"Die Sonne in Süddeutschland wurde immer heißer und ich verdrängte das Gedicht: Die Sonne des fremden Himmels wird nicht so warm sein wie die der Heimat."

Aus 'Der Aufgang des Morgenabends oder das Unterland des Abendrots' von Denijen Pauljevic

Es ist das Gedicht eines jugoslawischen Poeten, das dem jungen Serben 1993 zuallererst einfällt, als er in Deutschland ankommt. Er war geflohen aus seinem Heimatland, um einem Krieg zu entkommen, der ihn gezwungen hätte, auf Angehörige von Brudervölkern zu schießen. Denijen Pauljevics Geschichte "Der Aufgang des Morgenabends oder das Unterland des Abendrots" handelt vom Verlust und Neuanfang. Einem Neuanfang, der für den gebürtigen Belgrader in einem Münchner Asylheim begann. Vier Jahre verbrachte er dort. Heute arbeitet der 44-Jährige an verschiedenen Literatur-, Drehbuch- und Theaterprojekten.

"Man ist nirgendwo zuhause, das ist ungefähr die Aussage meiner Geschichte, aber das ist nicht unbedingt ein schlechtes Gefühl."

Denijen Pauljevic

Eine Idee der Gruppe "Meet your neighbours"

Insgesamt 38 Erfahrungsberichte, Geschichten und Gedichte haben die drei Münchner Kulturschaffenden Katja Huber, Silke Kleemann und Fridolin Schley für die Anthologie gesammelt. Sie stammen von Künstlern und  Künstlerinnen aus aller Welt, die es aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Deutschland verschlagen hat. Manche flohen vor aktuellen Kriegen, wie der syrische Dichter Yamen Hussein, andere kamen schon vor Jahrzehnten, wie etwa die in Russland geborene Schriftstellerin Lena Gorelik. Die Idee zur Anthologie entstand in der Gruppe "Meet your neighbours", einem losen Zusammenschluss Münchner Autoren, die seit über zwei Jahren einmal im Monat in einer Veranstaltung neuangekommene Münchner vorstellt. In diesem Zusammenhang kam die Frage auf, wie sich das Ankommen verändert hat, sagt Herausgeberin Katja Huber.

"Eigentlich ist doch jetzt im Jahr 2018 die Frage des Ankommens auch noch eine ganz andere, als beispielsweise 2016 als wir angefangen haben. Die politische Situation hat sich sehr verändert, verschärft. Deswegen haben wir gesagt, wir müssen jetzt eigentlich eine Anthologie machen, auch  von Autoren, die hier schon immer beheimatet sind, weil sich eben auch durch das  Ankommen der anderen, der Neuen sich bei einem selber auch sehr viel verändert."

Katja Huber

Denn Ankommen funktioniere nur, wenn beide Seiten bereit seien, Veränderungen einzugehen, sich an neue Umständen anzupassen und mit ihnen zurechtzukommen, so Katja Huber. Die aktuelle Wirklichkeit drängt sich oft auch in ältere Texte, wie etwa den Bericht aus dem Nachlass von Rudolf Ohlbaum über den Besuch eines Flüchtlingslagers in München-Allach im Jahr 1949.

"Wie er das beschreibt, da bedarf es eigentlich keines Kommentars, das sind ganz ganz ähnliche Zustände, wie da mit Geflüchteten umgegangen wird, wie die hygienische Situation ist. Das ist zum Beispiel so ein Fundstück, das ein Zeitdokument ist, was sehr viel über heutzutage auch aussagt."

Katja Huber

Ein Buch über das Ankommen muss über die Geschichten reiner Ankunft hinausgehen, sagt Katja Huber. Denn manche kommen nie an, obwohl sie längst da sind oder vielleicht sogar schon immer da waren. Ankommen ist ein langer Prozess, schreibt auch Denijen Pauljevic in seiner Kurzgeschichte:

"18 Jahre später durfte ich wieder nach Serbien fahren. Der Krieg war längst vorbei. Dort sprach ich serbisch mit deutschem Akzent, konnte mich an meine Kindheit nicht erinnern und erkannte keinen einzigen Menschen. Ich fuhr zurück nach Deutschland und sprach Deutsch mit serbischem Akzent. Auch hier erkannte ich keinen Menschen und fragte mich, was ich in den 18 Jahren eigentlich gemacht hatte."

Denijen Pauljevic


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