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Mehr als Theaterleidenschaft Unterschleißheimer Gymnasium unterstützt Partnerschule in Südafrika

Sechs Jahre lang bestand ein überaus erfolgreicher Theateraustausch zwischen dem Unterschleißheimer Carl-Orff-Gymnasium und der Secondary School im südafrikanischen Eesterivier. Doch dann kam Corona - und mit dem Virus der Hunger in Südafrika. Um die Not vieler Familien ihrer südafrikanischen Partnerschule zu lindern, hat das Carl-Orff-Gymnasium eine spontane Spendenaktion gestartet.

Stand: 23.09.2020

Theaterprojekt des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheimer und einer Partnerschule in Südafrika | Bild: Carl-Orff-Gymnasium Unterschleißheim

Die schamlose Ausbeutung von Flüchtlingen durch Schlepper, das stumpfsinnige Warten in Flüchtlingslagern, endlos lange Telefonate voller Heimweh mit der Familie, Vorurteile und offener Fremdenhass. Es sind Szenen aus dem Alltag von Geflüchteten, die Schüler des Carl Orff Gymnasiums gemeinsam mit Schülern aus Südafrika auf die Bühne gebracht haben. Insgesamt acht Mal haben sie das Stück "Scenes of Migration" im letzten Jahr aufgeführt. Entstanden ist es im Rahmen eines Theater-Austauschs zwischen dem Unterschleißheimer Gymnasium und der Eesterivier Secondary School aus Südafrika.

"Wir haben jeder unter sich erst mal Texte, Originalbiographien oder Geschichten von Leuten gesammelt und haben diese Texte dann in Szenen umgesetzt, so dass sich dann im Endeffekt zwei Hauptstränge von einem Syrer, der nach Deutschland auswandert, und einem Somalier, der nach Südafrika auswandert, gezeigt haben."

Stefanie Höcherl, Lehrerin am Carl-Orff-Gymnasium

Szene aus dem Stück

Migration und Fremdenhass sind Themen, die in beiden Ländern aktuell sind sagt Lehrerin Stefanie Höcherl, die das Projekt zusammen mit ihrem Mann Michael Blum - ebenfalls Lehrer am Carl Orff Gymnasium - ins Leben gerufen hat. In beiden Gruppen seien darüber hinaus auch Schüler mit Migrationshintergrund, die ihre eigenen Erfahrungen im Stück verarbeitet haben. Den bayerisch-südafrikanischen Schüleraustausch gibt es seit zehn Jahren. Auslöser für das erste Theaterstück sei damals die WM in Südafrika gewesen, erinnert sich Stefanie Höcherl.

"Meine Idee hinter dem Stück war, dass wir zeigen, dass Südafrika mehr ist, als das, was man im Fernsehen normalerweise sieht, dass da einfach eine schwierige und mehrschichtige Geschichte dahintersteckt."

Stefanie Höcherl

Als Stefanie Höcherl und Michael Blum während einer Privatreise nach Südafrika Lehrer und Lehrerinnen einer Schule in Eesterevier kennenlernten, die ebenso theaterbegeistert waren wie sie selbst, entstand die Idee eines Austausches. Zunächst nur auf digitaler, später auf persönlicher Ebene. Sechsmal haben sich seitdem die Schüler und Schülerinnen aus Unterschleißheim mit den südafrikanischen SchülerInnen für mehrwöchige Theatercamps in beiden Ländern getroffen.

"Besonders gut daran hat mir gefallen, dass wir sehr nah mit unseren südafrikanischen Freunden gewohnt haben und uns dadurch auch sehr nah gekommen sind, einfach auch auf emotionaler Ebene und wir uns austauschen konnten."

Miriam, Schülerin

Gleichberechtiung, Rassismus und globale Gerechtigkeit

Begegnung der Kulturen

Miriam war im letzten Jahr in Südafrika dabei. Sie habe viel dabei gelernt, sagt die 18jährige. Sie habe nicht nur hautnah die sehr anderen Lebensbedingungen der afrikanischen jugendlichen erlebt, sondern sich auch viele Gedanken gemacht über Gleichberechtigung, Rassismus und globale Gerechtigkeit. Die neuen Schüler für den nächsten Südafrika Aufenthalt standen schon fest, dann kam Corona. In beiden Ländern schlossen die Schulen. Die Schüler und Lehrer beider Schulen blieben aber in Kontakt. Fast täglich wurden WhatsApp-Nachrichten ausgetauscht.

"Zu sehen wie schlecht es dem ganzen Land mit der Pandemie geht, trifft mich sehr, auch zu wissen, dass die Armut sehr groß ist und wirklich sogar das Essen knapp wird, das tut sehr weh."

Miriam

Mit dem Lockdown sei für viele Südafrikaner die Situation lebensbedrohlich geworden, sagt Lehrer Michael Blum:

"Das hat die großen Konsequenzen, dass die sehr instabilen Arbeitsverhältnisse zusammenbrechen, gerade von den Leuten die wenig verdienen und das, was sie verdienen, unmittelbar zum Überleben in der Familie ausgeben. Das heißt Hunger war tatsächlich ein Topthema. Dazu kam dann natürlich, dass in Südafrika der Winter anbrach und die Wohnverhältnisse nicht so sind wie bei uns. Wenn es kalt ist, dann regnet es auch mal rein."

Michael Blum, Lehrer am Carl-Orff-Gymnasium

Über 10.000 Euro an Spenden

Das Carl Orff Gymnasium beschloss zu handeln. Über ein Rundschreiben erfuhren Eltern und Lehrkräfte von der Situation in Südafrika. Über Spenden und Schulaktionen kamen so innerhalb kürzester Zeit über 10.000 Euro zusammen. Damit konnte die Schule in Eesterevier über 100 Essenspakete kaufen und an besonders bedürftige Schüler und ihre Familien verteilen.

Theaterleiterin Jill Makram von der Eesterevier Secondary School war sichtlich beeindruckt:

"Diese großzügige Spende des Carl-Orff-Gymnasium wird buchstäblich das Leben von Kindern retten. Die Spende hat nicht nur zur Linderung der Nahrungsmittelkrise der Lernenden beigetragen, sondern auch dazu, die Moral der Mitarbeiter zu stärken und so einen positiven Geist in der Schule zu schaffen."

Jill Makram, Eesterevier Secondary School

Mit Hilfe eines kleinen Vereins der kürzlich auf die Schulpartnerschaft aufmerksam geworden ist, könnte es in Zukunft sogar gelingen, Schüler mit einem Studienstipendium zu unterstützen, freut sich Michael Blum. So ist aus der ursprünglichen Theaterfreundschaft eine Völkerverständigung ganz besonderer Art geworden. Von einer Begegnung auf Augenhöhe, bei der die Schüler beider Seiten vor allem gelernt haben, Unterschiede durch gemeinsames Theaterspielen zu überwinden, tolerant zu sein und eigene Vorurteile zu reflektieren, bis hin zum Teilen und gemeinsamen Handeln. Michael Blum und Stefanie Höcherl träumen schon wieder davon:

"Schüler von beiden Seiten zusammen zu bringen, natürlich erst mal virtuell, die sich austauschen auch über ihre Erfahrungen jetzt in dieser Covid- Zeit und dann anzupeilen, dass man spätestens 2022 auch wieder einen Austausch mit Schülerinnen und Schülern macht."

Michael Blum


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