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Kinderkopftuch Terres des Femmes kämpft gegen die Verschleierung von Mädchen

"Den Kopf frei haben!" So hat Terre des Femme die Petition überschrieben, mit der die Frauenrechtsorganisationen auf die negativen Folgen des Mädchenkopftuchs aufmerksam machen will.

Von: Rebecca Hillauer

Stand: 24.08.2018

Kind mit Kopftuch | Bild: picture-alliance/dpa

In der Regel tragen muslimische Mädchen erst ab der Pubertät ein Kopftuch. Doch nach Beobachtungen von Erzieherinnen und Lehrkräften steigt die Zahl der Mädchen, die es bereits in Kindergarten und Grundschule tragen. Als Antwort auf das in Nordrhein-Westfalen diskutierte Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren, starteten die Gruppierungen Generation Islam und Realität Islam eine Online Petition. "Deine Stimme gegen das Kopftuchverbot" - sie zählt bisher gut 130.000 Unterschriften.

"Unter dem Hashtag 'Nicht ohne mein Kopftuch' werden im Internet Videos veröffentlicht, die bereits Babys mit Hijab, also Kopftuch, zeigen. Hier geht es nicht mehr um die Ausübung der eigenen Religion, sondern um den Missbrauch von Kindern für fundamentalistische Zwecke. Für Terre des Femme ist das Kinderkopftuch eine Kinderrechtsverletzung."

Christa Stolle, Geschäftsführerin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femme

Unter dem Titel "Den Kopf frei haben!" fordert die OrganisationTerres des Femmes in einer Petition nun das Kopftuchverbot für Mädchen unter 18. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte unterstützt sie dabei. Sigrid Peter, stellvertretende Vorsitzende, erklärt, dass durch verminderte Sonneneinwirkung auf den Körper weniger Vitamin D produziert würde.

"Vitamin D ist ein Multitalent in der Versorgung des Knochenstoffwechsels. Und es gibt Untersuchungen von Mädchen und Frauen, die verschleiert sind, wo die Vitamin D-Spiegel deutlich reduziert sind. Mädchen, die verschleiert sind, machen viel weniger Sport. Und sie sind meistens nicht im Schwimmunterricht."

Sigrid Peter, Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte

Keine eindeutige religiöse Verpflichtung zum Tragen des Kopftuchs

Tatsächlich gäbe es keine eindeutige religiöse Verpflichtung zum Tragen des Kopftuchs – weder vor noch nach der Pubertät, sagt Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam.

"Im Koran steht zum Beispiel überhaupt nichts zum Kopftuch. Und in der Sunna, die zweite große religiöse Quelle für Muslime, da ist es eben auch theologisch umstritten. Es gibt durchaus Wissenschaftler, Theologen, die das als kulturelles Symbol betrachten. Für den politischen Islam sieht man, dass das Kopftuch als Pflicht bezeichnet wird."

Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam

Rebecca Sommer von der Arbeitsgruppe „Freiheit statt Haram-Kultur“, einem Bündnis von Frauenrechtlerinnen mit und ohne Migrationshintergrund, meint:

"Da ist ein wahnsinniger Druck, auch von den Mitschülern: 'Du bist keine gute Muslima, wenn Du kein Kopftuch trägst'. Wenn sich das Mädchen aber gar nicht entscheiden muss, weil in der Schule darf sie einfach kein Kopftuch tragen: Dann verbleibt ein Schutzraum, wo das Mädchen Selbstbewusstsein erlangen kann - und dann kann sie sich entscheiden, am besten erst nach 18."

Rebecca Sommer, Arbeitsgruppe „Freiheit statt Haram-Kultur“

Für die Ethnologin Susanne Schröter stellt das Kopftuch vor der Pubertät eine Frühsexualisierung von Mädchen dar.

"Das hieße, dass man einem minderjährigen Kind schon zuschreibt, Männer sexuell zu reizen. Wenn man das weiter denkt, dann würde man unterstellen, dass die Männer, die davon gereizt werden, allesamt pädophil sind. Und von daher würde ich erwarten, auch von den Konservativen, dass sich die Muslime selbst dezidiert aussprechen gegen das Kopftuch von Minderjährigen."

Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam


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