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Historische Verbindungen Syrische Flüchtlingsbewegungen im Libanon und in Jordanien

Die amerikanische Anthropologin Dawn Chatty ist exzellente Kennerin des Nahen Osten. Sie forschte über die historischen Beziehungen zwischen Syrien und seiner Nachbarregion, untersuchte die Situation syrischer Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon. Dass 80 Prozent von ihnen in den Nachbarstaaten Zuflucht suchen, führt Dawn Chatty auf historische Verbindungen der Menschen aus der Zeit des Osmanischen Reiches zurück.

Stand: 03.08.2018

Flüchtlingslager in Zaatari/Jordanien | Bild: picture-alliance/dpa

"Bilad asch-Scham" ist der arabische Name des historischen "Groß-Syrien", einem Gebiet, das neben dem heutigen Syrien auch den Libanon und Jordanien umfasste. Von 1850 bis in 1950 nahm Syrien immer wieder mehrere Millionen Flüchtlinge aus den umkämpften Grenzgebieten des Russischen und Osmanischen Reiches auf. Tataren, Tscherkessen und Tschetschenen wurden mit offenen Armen empfangen, man gab ihnen Land, das sie bewirtschaften konnten, und damit eine Existenzgrundlage. Aus dieser Zeit rühren auch enge soziale und wirtschaftliche Verbindungen zwischen den Einwohnern Syriens, des Libanon und Jordaniens, die sich bis heute gehalten haben. So gab es im Libanon bis 2010 etwa eine halbe Million syrische Gastarbeiter. Mit Ausbruch des Krieges in Syrien im Jahr 2011 holten diese ihre Familien nach, erklärt die Anthropologin und Nahostexpertin Dawn Chatty von der Universität Oxford.

"Die Syrer haben sich in dem Tal nahe der libanesisch-syrischen Grenze niedergelassen. Sie wurden unter anderem deswegen so gut aufgenommen, weil syrische Gastarbeiter seit langem die Bauwirtschaft und die Landwirtschaft des Libanon tragen."

Dawn Chatty

Dawn Chatty

Die meisten syrischen Flüchtlinge gehören der Mittelschicht an, haben eine gute Schulbildung und waren zumindest anfangs als Fachkräfte geschätzt, sagt Dawn Chatty. Ursprünglich wollten sie nach dem erhofften baldigen Ende des Krieges wieder nach Syrien zurückkehren. Doch mittlerweile dauert der syrische Bürgerkrieg länger als der Zweite Weltkrieg. In Teilen des Libanon hat sich inzwischen die Haltung der Behörden gegenüber den syrischen Flüchtlingen verändert.

"Einige Kommunen fahren inzwischen einen harten Kurs und haben Ausgangssperren für Syrer verhängt, mit der Begründung, dass sie für die steigende Kriminalität im Land verantwortlich seien. Doch die libanesische Bevölkerung blieb nach wie vor sehr aufgeschlossen gegenüber den Syrern. Ehrenamtliche engagieren sich für die Bildung der Flüchtlingskinder und für einen besseren Zugang zum Gesundheitssystem."

Dawn Chatty

Syrische Flüchtlinge im Libanon

Das Engagement der libanesischen Zivilgesellschaft führt Dawn Chatty auf gewachsene Netzwerke aus der Zeit des Osmanischen Reiches zurück. Auch aus jüngerer Zeit gibt es Beispiele für Solidarität unter Syrern und Libanesen. So fanden hunderttausende Libanesen während des Bürgerkrieges, der von 1975 bis 1989 in ihrem Land tobte, Zuflucht in Syrien. Von Anfang an schwierig war die Situation für die syrischen Flüchtlinge dagegen in Jordanien, wo 600 000 Syrer leben, immerhin zehn Prozent der Bevölkerung.

"In Jordanien hat die Regierung ein Lager für 180.000 Menschen eingerichtet. Doch das ist schwer zu managen. Es gibt keinen Sicherheitsdienst im Lager. Und dennoch kann man das Camp nicht verlassen."

Dawn Chatty

Die Lager in Jordanien werden vom UNHCR geleitet. Dass die internationale Flüchtlingshilfe ihre Strategie überdenken muss, nach der Flüchtlinge in Camps zur Untätigkeit verdammt sind und am Tropf der Helfer hängen, habe die humanitäre Krise in Syrien gezeigt, sagt Dawn Chatty mit Blick auf die Menschen in den Lagern in Jordanien.

"Die meisten wollen die Lager verlassen, aber sie dürfen es nicht. Die Mehrheit ist gut gebildet, aus der städtischen Mittelschicht. Sie wollen nicht als hilfsbedürftig gelten. Sie wollen temporären Schutz an einem sicheren Ort. Sie wollen selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen, bis sie zurückkehren können."

Dawn Chatty

Große Gastfreundschaft

Doch im internationalen Flüchtlingsmanagement des UNHCR werden die Bedürfnisse der Syrer in der Region ebenso wenig berücksichtigt wie die große Gastfreundschaft, mit der Syrien im Lauf der Jahrhunderte immer wieder selbst Flüchtlinge aufgenommen hat, bedauert die Ethnologin Dawn Chatty.

"Die Lektion, die wir lernen können aus der Geschichte Syriens ist die der 'moralischen Ökonomie'. Die Neuankömmlinge wurden akzeptiert. Auf die Krisenhilfe in Not folgte sehr bald eine Phase der Integration, so dass sie sehr schnell wirtschaftlich unabhängig wurden. Die Flüchtlinge haben dem Land, das sie so aufgenommen hat, etwas zurückgegeben. An dieser 'moralischen Ökonomie' wie auch an der Gastfreundschaft, die Syrien damals gezeigt hat, sollten wir uns heute ein Beispiel nehmen."

Dawn Chatty


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