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Streit um Islamunterricht Muslimische Verbände kritisieren neues Wahlpflichtfach

Zum neuen Schuljahr startet in Bayern "Islamischer Unterricht" als Wahlpflichtfach. Doch die muslimischen Verbände sind höchst verärgert. Der Lehrplan wurde ohne sie erstellt. Der Unterricht soll Wissen über den Islam und das Grundgesetz vermitteln.

Von: Ulrike Lefherz

Stand: 25.03.2021

Bildschirm eines Computers mit Bild einer Videokonferenz | Bild: BR/Ulrike Lefherz

Bei der Live-Diskussion in den sozialen Medien am 18.3.2021 findet Mohamed Abu El-Qomsan aus Erlangen deutliche Worte. "Wie sollen wir im Nachhinein mitwirken? Wir erfahren aus der Presse, was aus dem Islamischen Unterricht geworden ist", schimpft der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Bayern. Viele Jahre lang hat er die Anfänge des Islamischen Religionsunterrichtes in Erlangen begleitet. Jetzt habe das Kultusministerium im Alleingang Fakten geschaffen, so die Kritik.

Islamischer Unterricht wird als Wahlpflichtfach eingeführt

Ab September wird "Islamischer Unterricht" in Bayern als Wahlpflichtfach eingeführt, an 350 Schulen. Was bisher mehr als zehn Jahre Modellversuch war, wird nun als reguläres Fach angeboten. Nach dem vom Kabinett abgesegneten Gesetzentwurf soll der Unterricht allerdings kein "bekenntnisorientierter" Unterricht sein. Den Schülern soll Wissen zum Islam vermittelt werden, außerdem Werte der Bayerischen Verfassung.

Islamischer Unterricht nur reine Infoveranstaltung?

Dies sei ein Kompromiss, versucht der evangelische Pfarrer Rainer Oechslen zu vermitteln. "Der Staat sagt mit Recht, wir können keine religiösen Inhalte bestimmen. Also ermöglichen wir eine Information über den Islam." Ist der "Islamische Unterricht" also nur eine Art Ethikunterricht mit Schwerpunkt auf dem Islam? Vertreter der Muslime befürchten Akzeptanz-Probleme in der muslimischen Community. "Islamischer Unterricht bringt nichts, wenn keiner hingeht", sagt Ali-Nihat Koc von der Nürnberger Begegnungsstube Medina.

Langer Streit um Ansprechpartner der Muslime

Seit vielen Jahren ringen die bayerischen Muslime mit dem Kultusministerium um den islamischen Unterricht. Es gebe auf der Seite der Muslime keine anerkannte Religionsgemeinschaft als Verhandlungspartner, argumentiert die Staatsregierung. "Das ist einfach Fakt", erklärte Fischer-Brendel. Die muslimischen Gemeinschaften haben allerdings in den vergangenen Jahren Einiges unternommen, um den Anforderungen der Staatsregierung entgegen zu kommen.

Muslime kooperieren viel mehr als früher

Es wurden Verbände gegründet, Satzungen von Moscheegemeinden verändert, Kooperationen geschlossen. Seit 2020 gebe es eine Arbeitsgruppe aller Verbände, sagte deren Sprecher Aykan Inan. Darunter ist als größter Verband die türkische Ditib, der Islamrat sowie bosnische, albanische und marokkanische Muslime. In den letzten Jahren habe sich die Organisationsstruktur stetig weiterentwickelt und professionalisiert, so eine gemeinsame Erklärung. "Dabei kamen die Schritte immer von der muslimischen Seite", so Inan.

Frustriert: keine Anerkennungen der Bemühungen

"Der fehlende Ansprechpartner war von Anfang an ein Totschlag-Argument", wettert Ali-Nihat Koc. Es sei kein politischer Wille vorhanden, die Muslime als Partner anzuerkennen. "Was müssen wir noch tun, um teilzunehmen an der Gesellschaft?" Die muslimischen Verbände fordern nun wenigstens Mitsprache in Form eines Gremiums. "Wir wollen bei der Benennung von Lehrern mitreden oder wenn es um Weiterentwicklung von Inhalten geht", sagt Mehmet Sapmaz vom Beirat des Departments für Islamisch-Religiöse Studien an der Uni Erlangen.

Islamischer Unterricht nicht flächendeckend

Schützenhilfe bekommen die Muslime von der Evangelischen Kirche. Es gebe künftig keinen Rechtsanspruch auf islamischen Unterricht, kritisiert der Beauftragte für den religiösen Dialog, Rainer Oechslen. Und es sei auch keine Rede davon, den Unterricht flächendeckend einzuführen. Schulämter seien angehalten, den Bedarf zu erheben und zu bewerten. "Das kann doch nicht dem Schulamtsdirektor überlassen werden!", kritisiert Oechslen. In Bayern gibt es rund 4.600 allgemeinbildende Schulen. Islamischer Unterricht wird zunächst an 350 Schulen erteilt.

Integrationsbeauftragte mit schwerem Stand

Die Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Gudrun Brendel-Fischer warb in der Live-Diskussion für das Wahlpflichtfach. "Ich sehe es als Neustart und dieses Gespräch als Einstieg dazu", sagte sie. Der Lehrplan sei wissenschaftlich fundiert, erklärte sie. Und integrative Entwicklungen seien derzeit nötiger denn je, so Brendel-Fischer.

Informationen über den Islam als Extremismus-Vorbeugung

Vor zwölf Jahren wurde in Erlangen "Islamischer Unterricht" als Modellprojekt gestartet. Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern verlässliche Informationen über den Islam zu bieten. Damit soll verhindert werden, dass Jugendliche auf der Suche nach Informationen im Internet an Extremisten geraten. Inzwischen wurden am Department für Islamisch-Religiöse Studien (DIRS) der Uni Erlangen zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer für Islamischen Unterricht ausgebildet.


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