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Robin DiAngelo "Wir müssen über Rassismus sprechen"

Bestseller-Autorin Robin DiAngelo wendet sich explizit an weiße Leser und appelliert an sie, den versteckten Rassismus in uns allen wahrzunehmen und ihn auch zu benennen.

Von: Gabriele Knetsch

Stand: 21.08.2020

Robin DiAngelo | Bild: Gabriel Solis

Der Rassist in uns allen steht im Fokus von Robin DiAngelos aktuellem Buch "Wir müssen über Rassismus sprechen - Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein". Das Buch scheint sich auf die weltweiten Black Lives Matter-Proteste zu beziehen und erhält durch sie große Aktualität. Doch die amerikanische Soziologin und Antirassismus-Trainerin Robin DiAngelo befasst sich schon seit vielen Jahrzehnten mit dem Rassismus in der Gesellschaft. Dabei wendet sich die weiße Rassismus-Forscherin explizit an Leserinnen und Leser ihrer eigenen Hautfarbe. Sie definiert "Weißsein" als die Kehrseite von "Schwarzsein".

"All der Rassismus, der mir in meinem Leben begegnet ist, ist weder bewusst, noch absichtlich, dennoch schadet er anderen. Aus der Perspektive weißer Menschen stellt sich die Frage: Will ich das überhaupt wissen? Sollte man sich nicht darum bemühen, eine Antwort zu bekommen, um den anderen besser zu verstehen und es in Zukunft besser zu machen? Aber dieses: 'Ich bin doch nicht rassistisch!' funktioniert als Abwehrmechanismus, nicht wissen zu wollen."

Robin DiAngelo

"Es gibt keine Weißen ohne Schwarze"

Kurz nach der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten sagte Robin DiAngelo in einem Interview mit dem amerikanischen Internet-Sender Family Action Network:

"Weiße brauchen Schwarze, die ihnen unterlegen sind. Dadurch können wir Weißen überlegen sein. Es gibt keine Weißen ohne Schwarze. Schwarze Menschen sind im Bewusstsein Weißer der ultimative Andere."

Robin DiAngelo

Robin DiAngelos Rassismus-Analyse ist nur eingeschränkt auf die Verhältnisse in Deutschland zu übertragen. Selbstverständlich gibt es auch hierzulande weit verbreiteten, auch häufig unbewussten, Rassismus. Gegenüber Flüchtlingen, Menschen mit Migrationshintergrund und natürlich auch gegenüber Menschen anderer Hautfarbe. Doch Robin DiAngelos Buch liest sich buchstäblich wie eine Schwarz-Weiß-Analyse amerikanischer Gesellschaftsverhältnisse. Sie hat den schwarzen Teil der amerikanischen Bevölkerung im Fokus und konzentriert sich auf Abwertungsmechanismen aufgrund der Hautfarbe. Diskriminierung wegen Sprachdefiziten, Islamophobie oder auch Geschlecht spielen bei ihr so gut wie keine Rolle.

Je höher die Schicht, desto stärker profitieren Weiße von ihren Privilegien

Genau diese Faktoren begründen aber in Deutschland oft, warum Menschen mit Migrationshintergrund diskriminiert werden. Eine Schwäche des Buches ist es, dass DiAngelo zu wenig mit der Schichtzugehörigkeit argumentiert. Schwarze Menschen in Amerika haben ja nicht nur schlechtere Chancen im Leben aufgrund ihrer Hautfarbe, sondern auch, weil sie oft zu einer sozial schwachen Schicht gehören. Deutlich ist DiAngelo hingegen in einem zentralen Punkt: Es sind die Weißen, die aus dem Rassismus gegenüber Schwarzen handfeste Vorteile ziehen und zwar je höher die Schicht, desto mehr profitieren sie.

"Eine meiner kontroversesten Aussagen ist: Weiße fortschrittlich denkende Menschen, wahrscheinlich die meisten, die uns zuhören, schaden Schwarzen am allermeisten."

Robin DiAngelo

Farbenblindheit und "White Fragility"

Der Autorin geht es in ihrem Buch "Wir müssen über Rassismus sprechen" darum, weiße Leserinnen und Leser dafür zu sensibilisieren, inwiefern es rassistisch ist, wenn eine weiße Lehrerin einem schwarzen Kind weniger zutraut als einem weißen, warum ein weißer Mittelschichtsbürger rassistisch handelt, wenn er Vorbehalte hat, in ein Viertel mit einem großen Anteil an Afroamerikanern zu ziehen. Dieser Alltagsrassismus vollzieht sich häufig nicht bewusst. Mehr sogar: Weiße leugnen häufig, rassistisch zu sein, oder behaupten, Hautfarbe spiele für sie gar keine Rolle.

"Farbenblind" nennt die Soziologin dieses Verhalten. Dafür führt sie zahlreiche Belege aus ihren Antirassismus-Trainings an, die in den US-amerikanischen Firmen oder Schulen häufiger auf der Tagesordnung stehen als in Deutschland. Robin DiAngelo schildert detailreich das Arsenal von Abwehr-Mechanismen, in denen sich deutsche Leser teils wiedererkennen können, die sich aber für Deutsche teilweise auch übertrieben ausnehmen. Etwa wenn weiße Seminar-Teilnehmerinnen in Tränen ausbrechen, weil eine schwarze Kollegin sie auf verletzende Sprüche im Büro hinweist.

"Rassismus ist ein Problem der Weißen, wir sind dafür verantwortlich, weil wir ihn geschaffen haben. Wir halten ihn am Laufen. Wir profitieren davon."

Robin DiAngelo

"White Fragility" nennt die Autorin dieses Verhalten. "Weiße Fragilität", wie der Begriff etwas holprig ins Deutsche übersetzt wird. DiAngelo meint damit überempfindliche Reaktionen weißer Mittelschichtsvertreter, die eine echte Auseinandersetzung mit Rassismus im Alltag verhindert, weil Rassismus dadurch ein Tabu bleibt. Das will Robin DiAngelo mit ihrem Buch ändern. Rassistisches Verhalten muss benannt werden, so lautet ihr Ansatz. Die weiße Bevölkerung muss lernen, durch welche Worte, durch welches Verhalten sie Menschen schwarzer Hautfarbe schaden, damit sie ihr Verhalten ändern können.


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