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Migrantische Protestbewegungen Simon Goeke: "Wir sind alle Fremdarbeiter!"

In den 1960er- und 70er-Jahren protestierten in Deutschland nicht nur die Studenten, auch in den Fabriken wurde rebelliert. Der Münchner Historiker Simon Goeke hat die migrantische Protestbewegung in der Bundesrepublik von 1960 bis 1980 erforscht, welche Rolle die Gewerkschaften dabei spielten, wie damals Studenten und Arbeiter zusammen Politik machten und inwiefern das die Alternativkultur in Deutschland bis heute prägt.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 15.07.2020

Kundgebung Marienplatz 1978 | Bild: privat

1972 standen in München die Bänder von BMW still, weil die italienischen Gastarbeiter für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn streikten. Unterstützt wurden sie dabei von linken Studentengruppen.

"Es gab einige Gruppen, wie zum Beispiel hier in München die Gruppe 'Arbeitersache', die ganz speziell darauf spezialisiert waren, ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für den Kampf zu gewinnen und das hat vermittelt durch ausländische Studenten auch ganz gut funktioniert. In München waren das griechische Studenten, die man aus den Protesten gegen die Militärjunta in Griechenland kannte, die auch bei BMW gearbeitet haben."

Simon Goeke

Dass Studenten und Arbeiter, in dem Fall Gastarbeiter, gemeinsame Sache machten, war damals neu. Doch auch bereits vorher gab es schon Proteste seitens der ausländischen Arbeiter. Das widersprach dem Klischee vom braven Gastarbeiter, der vor allem in die Bundesrepublik kam, um möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen, um sich in der alten Heimat eine neue Existenz aufzubauen, sagt Simon Goeke.

"Sehr viele der Arbeiterinnen und Arbeiter aus Südeuropa hatten durchaus auch einen Beruf gelernt hatten, hatten Erfahrung in Industriebetrieben, im Kohlebergbau. Dementsprechend hatten viele auch schon Erfahrungen mit Arbeitskämpfen, mit Gewerkschaften gemacht."

Simon Goeke

Was die ausländischen Arbeitnehmer nach ihrer Anwerbung durch die Bundesrepublik in Deutschland vorfanden, sowohl in den Betrieben als auch bei der Unterbringung, lag weit unter ihren Erwartungen. Ihre Unzufriedenheit darüber entlud sich in den 1960er Jahren in sogenannten "wilden Streiks", ohne Ankündigung und unabhängig von den Gewerkschaften. Wie etwa 1962 bei VW in Wolfsburg oder im selben Jahr in zwei Bergbau-Unternehmen im Ruhrgebiet, wo unzureichende Information über das Lohnabrechnungssystem zu Protesten der türkischen Arbeitnehmer führte. Die Gewerkschaften standen den ausländischen Arbeitnehmern skeptisch gegenüber. Schon bei deren Anwerbung in den 1950er Jahren äußerten sie die Befürchtung, dass mehr Arbeitskräfte es den Unternehmern erlauben würden, die Löhne klein zu halten und die schlechten Arbeitsbedingungen nicht zu verbessern.

"Allerdings stellt man fest, dass es in den 1960er und 1970er Jahren sehr stark zu Reallohnsteigerungen kommt und auch die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Die Gewerkschaften stellen fest, Migranten quittieren schlechte Arbeitsbedingungen mit Protest und sie solidarisieren sich mit gewerkschaftlichen Kämpfen und man kann tatsächlich trotz Migration Verbesserungen durchsetzen."

Simon Goeke

Durch die teils erfolgreichen Proteste, erkannten die ausländischen Arbeitnehmer, dass sie für die deutschen Unternehmen zum Teil unentbehrlich waren. Gleichzeitig sei vielen von ihnen klargeworden, dass sie wohl so bald nicht in die Heimat zurückkehren würden, sagt Simon Goeke. Um auch in der Stadtgesellschaft vertreten zu sein, entstanden die ersten Ausländerbeiräte. Sie waren die Antwort auf eine Forderung, die Anfang der 1970er Jahre immer lauter wurde, nämlich die Forderung nach Wahlrecht.

"1972 wird das neue Betriebsverfassungsgesetz verabschiedet, das erstmals ausländischen Arbeitern auch ein passives Wahlrecht zugesteht. Davor durften ausländische Arbeitnehmer zwar den Betriebsrat wählen, aber nicht selbst in den Betriebsrat gewählt werden."

Simon Goeke

Nicht nur die Einrichtung von Ausländer- beziehungsweise Migrationsbeiräten waren in vielen Städten eine Folge der migrantischen Proteste in den 1960er und 1970er Jahren, auch ein Großteil der Alternativkultur in deutschen Städten sei darauf zurückzuführen, so der Historiker. So fand etwa in den Stadtteilen wesentlich mehr Sozialarbeit statt, multikulturelle Stadtteilfeste wurden regelmäßig abgehalten und es entstanden Treffpunkte wie etwa im Münchner Stadtteil Westend das "Griechische Haus", und das "Multikulturelle Jugendzentrum". Doch die migrantischen Proteste von damals hätten noch weitreichendere Folgen bis in die heutige Zeit hinein, sagt Simon Goeke. Sie markieren den Beginn der antirassistischen Bewegung in Deutschland, so das Fazit seiner Dissertation "Wir sind alle Fremdarbeiter!". Denn der Protest gegen Ungleichheit geht weiter, wenn es heute auch weniger um Arbeitsbedingungen geht, sondern vielmehr um andere Themen wie etwa das Bleiberecht.

"Menschen müssen plötzlich dafür kämpfen, bleiben zu dürfen, obwohl sie seit mehreren Jahren in Deutschland leben, obwohl sie sogar in Deutschland geboren sind, in Deutschland zur Schule gegangen sind. Das ist bis heute so, dass es in der antirassistischen Bewegung das wichtigste Thema ist: Nämlich die Diskriminierung die durch das Staatsbürgerschaftsrecht, durch das Bleiberecht, ausgeht zu bekämpfen und auch die Auswirkungen zu bekämpfen."

Simon Goeke


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