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Lea Schneider In den Metropolen Chinas unterwegs

Made in China - mit diesen drei Worten verbinden wir meistens Billigprodukte und Raubkopien. Wie wenig wir aber wirklich wissen über das Land, das führt uns Lea Schneider in ihrem Buch "made in china" vor Augen.

Von: Constanze Alvarez

Stand: 18.06.2020

Lea Schneider | Bild: Mück Fotografie

Es ist eine außergewöhnliche Publikation, schon wegen der Form der Texte: In sechs essayistischen Gedichten beschreibt die Sinologin und Schriftstellerin Lea Schneider das Leben in sechs chinesischen Metropolen, wobei sie Vergangenheit und Gegenwart, Alltagsbeobachtungen, Sinneseindrücke und Gesprächsfetzen geschickt miteinander verwebt.

Mit der Akribie einer Ethnologin und der Sprache einer Dichterin schreibt sie im Kapitel über Nanjin:

"also: alles sammeln, weil alles gesehen werden soll
die ingwerscheiben und die muskatbrühe,
die 20x20 cm großen gehwegplatten, je 1 kreis,
4 schwünge und 16 quadrate am rand - ca. 3000
augen mit sehr viel schlaf in den winkeln."

Lea Schneider, made in china

Lea Schneider - das gibt sie ganz offen zu - ist in die chinesische Sprache verliebt. Und diese Liebe hat sie früh erwischt: Mit 15 Jahren belegte sie einen Sprachkurs in Chinesisch. Zufällig, wie sie sagt. Darauf folgte ein Schüleraustausch, sie fuhr nach Beijing und entdeckte dort ein Land, das mit den westlichen Vorstellungen, die sich auch in ihrem im Kopf verankert hatten, nichts zu tun hatte. Sich davon zu befreien war nicht einfach. Auch nicht nach einem längeren Aufenthalt in China, 2016, als writer in residence am Goethe Institut in Nanjing.

"Als ich angefangen habe, Schriftstellerin zu sein, Lyrikerin, habe ich mich immer gefragt, warum es mir nicht gelingt, über China zu schreiben. Ich habe das jahrelang versucht, und alles, was dabei rauskam waren die schlimmsten Klischees. Ich habe dabei gemerkt, dass meine Sprache, die deutsche Sprache, sehr wenig Bilder und wenig Worte dafür hat, wie komplex und interessant und ebenbürtig die chinesische Gegenwart ist zur deutschen. Deswegen war die Arbeit an diesem Buch auch ganz stark die Suche nach einer neuen Sprache, nach einer Sprache, mit der ich irgendwie respektvoll von China erzählen kann."

Lea Schneider, Lyrikerin und Schriftstellerin

Lea Schneider möchte jegliche besserwisserische Pose vermeiden. "Ich habe das nicht gewusst." Dieser Satz taucht immer wieder in den Texten auf. Etwa, wenn sie über das Massaker von Nanjing schreibt, 1937, im zweiten chinesisch-japanischen Krieg. Gleichzeitig lässt die Autorin möglichst viele verschiedene Stimmen zu Wort kommen, zitiert aus Gesprächen mit Freunden und Freundinnen, aus chinesischen Essays und aus der Literatur. Und sie beschreibt die Gratwanderung zwischen Widerstand und Pragmatismus, die junge Menschen vollbringen müssen, um irgendwie mit der Diktatur klarzukommen. Nirgendwo habe sie so offene Diskussionen über Politik geführt, wie in China, erzählt Lea Schneider. Allerdings habe sich die Lage in den letzten Jahren stark verändert.

"In einem privaten Rahmen, solange man keine öffentliche Demonstration anmeldet und Schilder hochhält, auf denen steht: Die KP gehört abgeschafft!, ist ein unglaublich offener Diskurs möglich. Und auch in den sozialen Medien sehen wir ihn die ganze Zeit. Viel wird gelöscht und zensiert, aber die Texte werden dann so schnell wieder gepostet - es gibt viele kreative Möglichkeiten, die Diktatur zu umschiffen."

Lea Schneider, Lyrikerin und Schriftstellerin

Expertin zum Thema anti-asiatischer Rassismus

Knapp vier Jahre hat Lea Schneider zusammen mit der chinesischen Illustratorin Yimeng Wu und der Gestalterin Andrea Schmidt an ihrem Buch "made in china" gearbeitet. Ende Februar wurde es veröffentlicht, ein paar Wochen später kam der Shutdown. Alles wurde abgesagt, ihr Auftritt auf der Leipziger Buchmesse, zahlreiche Lesungen. "Ein Schock", sagt Lea Schneider. Doch offenbar hat sie das richtige Buch zur richtigen Zeit geschrieben. Seit den jüngsten Übergriffen auf Asiaten im Zusammenhang mit Corona ist das Interesse an einer differenzierten Perspektive auf die chinesische Gesellschaft gewachsen. In den sozialen Netzwerken wurde "made in china" viel beachtet. Bei den herkömmlichen Medien ist Lea Schneider mittlerweile eine gefragte Expertin zum Thema anti-asiatischen Rassismus. Darüber aufzuklären liegt ihr sehr am Herzen. Immer wieder ist sie davon überrascht, wie groß der Unwillen in Deutschland ist, sich näher mit China auseinander zu setzen. Dabei gäbe es so viel Überraschendes zu entdecken. Zum Beispiel, wie sich die Chinesen selber sehen.

"Die Chinesen sagen über sich selber, und das ist auch wieder schwierig, weil das eine Verallgemeinerung ist, dass sie die Italiener Asiens seien. Und das finde ich wahnsinnig passend, weil es fasst so ein paar Sachen zusammen: Dass es eine ganz andere Form von Laissez-faire und Lebensgenuss gibt in China als ich das aus der deutschen Pflichtbewusstheit und Gründlichkeit kenne; dass sich wahnsinnig viel Leben draußen auf der Straße abspielt, dass Essen eine Rolle spielt, die man sich in deutschen Kategorien überhaupt nicht vorstellen kann, dass Familie wichtig ist, Kinderfreundlichkeit. Also diese Vorstellung, die wir von dolce vita in Italien haben, passen perfekt nach China."

Lea Schneider, Schriftstellerin und Lyrikerin

Auf subtile Weise ist es Lea Schneider gelungen, dieses Gefühl von asiatischer Italianitá zwischen den Zeilen durchschimmern zu lassen.


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