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Lana Lux "Jägerin und Sammlerin"

Lana Lux erzählt in ihrem zweiten Roman "Jägerin und Sammlerin" nicht nur über eine kaputtgegangene Mutter-Tochter-Beziehung, sondern auch eine Geschichte der Entwurzelung und des komplizierten Ankommens in der Fremde.

Von: Julia Smilga

Stand: 10.04.2020

Lana Lux | Bild: Joachim Gern

"Ich bin 1986 geboren und zehn Jahre später kam ich nach Deutschland. Ich komme aus Dnjepropetrowsk, das ist eine Stadt in Mitte Ostukraine. Und angesichts dieser Perestroika Lage, die dort geherrscht hat, war ich bereits mit fünf oder sechs Jahren, mit meiner Kindheit fertig. Es war wahnsinnig kriminell. Wir waren furchtbar arm. Also wir waren halt sogar noch unter den Armen sehr arm."

Lana Lux

Lana Lux, so das Pseudonym der Autorin, kann sich noch sehr gut an das Leben vor Deutschland erinnern. Jeder, der nur konnte, sagt sie, ging aus der Ukraine weg. Ihre jüdische Familie wollte zuerst nach Israel auswandern. Doch dann fiel die Wahl auf Deutschland.

"Deutschland betrieb damals eine Art 'Aufforstung' und hat ein bestimmtes Kontingent festgelegt an Menschen jüdischer Herkunft, die in Deutschland aufgenommen werden sollten. Man hat ihm halt diesen komisch klingenden Namen gegeben, Kontingentflüchtlinge, obwohl diese Menschen im engeren Sinne eigentlich keine Flüchtlinge sind. Wir waren Migranten."

Lana Lux

Die Familie kommt nach Gelsenkirchen, Lana Lux macht dort Abitur, studiert Ernährungswissenschaft, danach Schauspiel in Berlin und wird am Ende Schriftstellerin. Ihr erster Roman, "Kukolka" aus dem Jahr 2017 wurde ein großer Erfolg. Lana Lux erzählt darin, realistisch und schonungslos, die Geschichte eines ukrainischen Mädchens, das in Deutschland als Zwangsprostituierte landet. In ihrem zweiten Roman "Jägerin und Sammlerin" geht es um eine gescheiterte Mutter-Tochter- Beziehung, und die Gründe dafür liegen in der sorgfältig verdrängten ukrainischen Vergangenheit. Tochter Alisa lebt allein in Berlin, sie steht vor dem Abitur, und hat mit einer Essstörung zu kämpfen. Ihre Hautprobleme kleistert sie mit Makeup zu, sie fühlt sich zu groß, zu schwer, und ungeliebt von ihrer Mutter. Erst als Alisa nach einem Klinikaufenthalt, dank dem Rat einer Psychologin ihre Kindheit niederschreibt, offenbaren sich die Gründe für ihre Störung. Die Vergangenheit ihrer Mutter spielt dabei eine immens wichtige Rolle.

"Ich habe häufig beobachtet, dass Kinder nicht als etwas angesehen werden, das sie schon sind, als Persönlichkeiten, die sich weiterentwickeln, sondern vielmehr als leere Gefäße, die mit etwas gefüllt werden müssen, Und häufig wird auch in diesem Kulturkreis, vielleicht aber auch in der Generation das Kind eben als 'erweitertes Ich' betrachtet. Auch Tanja ist stark darauf bedacht, dass diese Tochter dann doch noch irgendwie was wird. Und sie ist schon mit dem Gefäß an sich unzufrieden. Dieses Gefäß sieht ihr nicht ähnlich. Dieses Kind sieht ihr nicht ähnlich und sie kann sie sehr schwer annehmen."

Lana Lux

Das Ankommen in der Fremde, das Ablegen der früheren Identität und der Vergangenheit, die nie bewältigt wird, weil man davon nicht spricht, darüber erzählt der Roman "Jägerin und Sammlerin". Und es zeigt, welche dramatischen Folgen das Verschweigen und Verdrängen traumatischer Erlebnisse haben kann.

"Mir geht es um das sichtbar machen von Themen die scheinbar so privat sind, und eigentlich sind sie es nicht, weil sie wiederholen sich immer und immer. Sie haben ein gesamtgesellschaftliches Gewicht, sie beeinflussen ganze Generationen, und ich finde, es muss offener und klarer darüber gesprochen werden können."

Lana Lux


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