B5 aktuell - Das interkulturelle Magazin


4

"Kollektiv Polylog" Geflüchtete Frauen erzählen ihre Geschichte

"Kollektiv Polylog" nennt sich eine Gruppe, in der sich geflüchtete Frauen, Studierende und Lehrende der Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin und der Verein "International Women Space" zusammengeschlossen haben. Nun haben die Frauen gemeinsam ein neues Buch herausgegeben mit dem Ziel ein neues Format zu schaffen, das nicht über geflüchtete Menschen berichtet, sondern deren eigene Sichtweisen in den Mittelpunkt stellt.

Von: Rebecca Hillauer

Stand: 19.07.2019

Buchcover: Das ist  meine Geschichte - Frauen im Gespräch über Flucht und Ankommen | Bild: Cover: Kollektiv Polylog Verlag

Letze Woche stellte das Frauenkollektiv "Polylog" in Berlin-Kreuzberg sein neues Buch vor: 14 Frauen aus Syrien, Aserbeidschan, dem Iran und dem Irak schildern darin ihre Erfahrungen - auf dem Weg der Flucht über das "Ankommen" bis zu ihrem Leben jetzt in Berlin.

"In den Nachrichten über Geflüchtete ist der Fokus immer auf Männer. Aber es gibt auch eine bestimmte Situation für Frauen als Geflüchtete in einem neuen Land, die ist nicht im Fokus der Nachrichten. Und die Idee von dem Buch ist, diese Frauengeschichte zu erzählen."

Mariana aus Syrien.

In Damaskus hätte sie Jura studiert, erzählt Mariana. In Berlin koordiniert sie die arabische Frauenselbsthilfegruppe "LouLou", zu der auch einige andere Autorinnen des Buchs gehören. Sie sind ebenso Teil des Polylog-Kollektivs wie Studentinnen und Dozentinnen des Instituts für Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin. Kristina Mashimi ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Auf Initiative von Studentinnen gab sie, noch unter ihrem Mädchennamen Dohrn und gemeinsam mit einem Kollegen, bereits im Jahr 2016 ein Buch heraus: "Living in Refugee Camps in Berlin". Auf Deutsch: "Leben in Flüchtlingsunterkünften in Berlin. Die Perspektive und Erfahrungen von Frauen."

"Dieses erste Buchprojekt ist überhaupt erst entstanden, weil es überhaupt keine sozialwissenschaftlichen Daten gab zur Frage: Wie ist eigentlich die Situation von Frauen in diesen Unterkünften? Wo die Studierenden dann Daten erhoben haben. Das war wirklich reine Genderforschung, wenn man so möchte."

Kristina Mashimi

Von Forschung fehlt in dem neuen Buch jede Spur. Es ist stattdessen ein bewusst parteiisches Buch. Nicht nur im Sinn des "Empowerment" von Frauen, sondern auch in der politischen Haltung. Dies wird schon in der Einleitung deutlich, die die Frauen kollektiv verfasst haben. Auch die Definition der Begriffe im viersprachigen Glossar stammen aus Quellen, die offene Grenzen und grenzenlose Migration befürworten. Obwohl die Geschichten im Buch Authentizität vermitteln sollen, verwendet die deutsche Übersetzung Gender-Sternchen. Die Erzählungen werden weder analysiert noch hinterfragt.

"Es geht ja nicht darum, was Neues über geflüchtete Frauen zu sagen. Sondern die eigenen Stimmen in den Mittelpunkt zu stellen. Und ich denke, das ist das, was das Besondere ist. Es sind geflüchtete Frauen, die über ihre eigene Perspektive in eigenen Worten sprechen."

Kristina Mashimi

Geschichten in vier Sprachen

Nicht die deutschen Studentinnen stellten deshalb Fragen, sondern die Autorinnen interviewten sich gegenseitig. Ihre Geschichten werden im Buch in vier Sprachen erzählt: Arabisch, Farsi, Türkisch und Deutsch. Das Layout ist so gestaltet, dass man in jeder Sprache die Geschichten durchgängig lesen kann: Auf Türkisch und Deutsch blättert man von links nach rechts durch das Buch, auf Arabisch und Farsi von rechts nach links. Jede Geschichte ist mit einer Zeichnung der in Wien lebenden syrischen Künstlerin Huda Takriti illustriert.

Im Buch klagen viele über mangelnden Familiennachzug und darüber, sich fremd zu fühlen. Andere sehen Deutschland als ihre neue Heimat. Alle äußern den Wunsch, besser Deutsch zu sprechen, um mehr Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft zu haben. Eine Frau möchte aus Dankbarkeit dafür, dass ihr Sohn in Deutschland operiert werden konnte, später ihre Organe spenden. So divers wie die Autorinnen wünscht sich Mariana auch die Leserschaft.

"Das Buch ist nicht nur an die deutsche Community, sondern an die ganze Gesellschaft gerichtet. An Frauen, die neu im Land sind. Auch an Migranten. Also an alle Leute, die das lesen können."

Mariana

"Das ist meine Geschichte. Frauen im Gespräch über Flucht und Ankommen" ist im Unrast Verlag erschienen.


4