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Russland entschlüsseln Internetprojekt "Dekoder"

Seit 2015 bringt das Onlineprojekt "Dekoder" die Stimmen unabhängiger Medien aus Russland nach Deutschland. Die Macher arbeiten auch mit wissenschaftlichen Experten aus europäischen Universitäten, dafür wurde das Projekt 2016 mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. Nun liegt das erste Buch des Onlineportals vor.

Von: Julia Smilga

Stand: 28.02.2020

Russische Zeitungen | Bild: picture-alliance/dpa

Im Jahr 2015, nach der Krimannexion und inmitten des Krieges in der Ukraine, gründete der deutsche Journalist und Philosoph Martin Krohs, der jahrelang in Russland gelebt hat, das Onlineportal "Dekoder". Je mehr man in der Zeit über Russland hörte, desto mehr Fragen tauchten auf, desto mehr Verwirrung entstand.  Dekoder sollte eine Brücke zwischen Russland und Europa bilden. Außerdem sollte das Onlineprojekt zeigen, dass es in russischen Medien nicht nur ausschließlich Kremlnarrative herrschen, sagt Tamina Kutscher, die Chefredakteurin von Dekoder.

"Zum einen übersetzen wir Stimmen aus Russland, aus unabhängigen Medien, die hier im Westen häufig nicht in der Klarheit zu hören sind. Und gleichzeitig machen wir einen Fundus an Russlandwissen zugänglich. Also wir arbeiten mit übersetzten Artikeln aus russischen Medien und mit Texten, die Wissenschaftler für uns schreiben."

Tamina Kutscher

Tamina Kutscher hat selbst Slawistik in Deutschland und Russland studiert und bei verschiedenen Medien mit dem Schwerpunkt Osteuropa gearbeitet. "Dekoder" füllt eine Lücke, sagt Kutscher: Das Onlineportal macht Berichte über das vielfältige Geschehen in Russland auch denen zugänglich, die kein russisch verstehen und denen unabhängige russischsprachige Medien sonst verschlüsselt blieben.

"Dieser Sektor der unabhängigen Medien ist in sich auch sehr vielfältig. Also es gibt so etablierte Medien wie die 'Nowaja Gaseta', die sitzt in Moskau. Dort waren sämtliche wirklich berühmte Journalisten wie Anna Politkowskaja. Es gibt aber auch so ein Medium wie 'Batenka', das wird von Moskauer jungen Hipstern, sag ich jetzt mal gemacht (…) oder eben auch Medien wie 'Echo Moskwy', ein Radiosender, der sogar den staatsnahen Holding gehört. Insofern ist es ebenso wichtig, diese einzelnen Medien auch immer einzuordnen, und zu zeigen, wie groß da die Spannweite ist."

Tamina Kutscher

Das Besondere beim "Dekoder", neben den übersetzten Artikeln, sind die sogenannten "Gnosen". Das sind wissenschaftlich fundierte Hintergrund-Dossiers zu ganz unterschiedlichen russischen Themen. Eine Art Wörterbuch, vom A wie "Afghanistankrieg" bis Z wie "Zentrale Wahlkommission der Russischen Föderation". Jeder Text ist mit Hinweisen auf die Gnosen oder weiterführende Artikel versehen, man kann sich damit Artikel für Artikel in die russische Welt einlesen. Damit soll dem Russlandbild, das hierzulande oft klischeehaft gezeichnet wird, feinere Zwischentöne hinzugefügt werden, sagt Tamina Kutscher.

Alle Artikel auf "Dekoder" sind kostenlos, das Projekt finanziert sich aus Mitteln der verschiedenen Stiftungen, für die sich das Projekt jedes Jahr bewirbt. Außerdem kann man als Leser das Projekt mit zwei Euro monatlich unterstützen. Und das seien die schönsten Gelder, sagt Tamina Kutscher, die zeigen, wie viel wert die Artikel für die Leser sind. Aus diesen Mitteln werden die Miete und Nebenkosten des Projekts finanziert. Und seit November 2019 gibt es Dekoder auch auf Russisch.

"Inzwischen entschlüsseln wir sozusagen auch Deutschland oder Europa für russische Leser. Das haben wir angefangen, weil wir gemerkt haben, dass auch in den unabhängigen Medien aus ganz unterschiedlichen Gründen eigentlich sehr wenig Beiträge gibt zu deutschen oder europäischen Themen."

Tamina Kitscher

Ende Dezember 2019 verfasste die Redaktion vom Dekoder ihr erstes Jahrbuch. In die analoge Fassung des Onlineprojekts sind die wichtigsten Texte aus fünf Jahren Dekoder hineingeflossen.

"Wer nach Russland fahren will und sich informieren will, ist damit, glaube ich, sehr gut eingeführt in die Materie und in das Land."

Tamina Kutscher


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