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Lust und Last freiwilliger Flüchtlingshelfer "Denk ich an Moria" von Helge Ulrike Hyams

Freiwillige Flüchtlingshelfer gelten als Idealisten, die Lebenszeit opfern und Karrierebrüche in Kauf nehmen. Sich aufopfern, heldenhaft gewissermaßen. Aber es gibt die andere Seite, wenn die Rückkehr in die Heimat zum Problem werden kann und sich das schwer vermitteln lässt, wie Helge Hyams gleich zu Beginn in ihrem Buch anmerkt.

Von: Martin Gerner

Stand: 25.03.2021

Helge-Ulrike Hyams | Bild: privat

"Immer wieder erfuhr ich, dass die Zurückgekehrten Schwierigkeiten hatten, den Freunden und Familien das auf Lesbos Erlebte zu schildern. Wie erzählen von den abrupten Stimmungswechseln, denen man in Moria ausgesetzt war? Von den schlaflosen Nächten? Von der Dauer-Übermüdung? Von der Scham, abends in ein warmes Bett zu kriechen, im Wissen, dass die Migranten zur selben Zeit in ihren Zelten froren? Von der Wut über die eigene Ohnmacht, mit der man täglich konfrontiert war?"

Aus 'Denk ich an Moria'

Zehn Monate war Hyams auf Lesbos als Freiwillige. Ihre Erlebnisse versucht sie in kurze Kapitel zu ordnen, einzuordnen, fragmentarisches Zeugnis abzulegen. Denn wer einmal Fuß in dieses Konfliktgebiet ohne Waffen gesetzt hat, mitten in Europa, hat täglich mit Euphorie und Überforderung zu tun, mit Chaos und Selbstzweifeln.

Auf dem Gelände von One Happy Family herrschte bis zum zweiten Lockdown Ende 2020 reger Betrieb. Gesang, Sprach-Unterricht, Computer-Kurse. Bei der Schweizer Hilfsorganisation, hat die Autorin gearbeitet. Mit den anfangs typischen Gefühlen, wie sie bei einer Begegnung auf Lesbos beschreibt:

"Die erste Woche, das ist man wie unter Drogen. So gefordert, rein geschleudert in das Geschehen, also gar nicht bei mir. Wenn du 1000 Leute fütterst innerhalb von 20 Minuten, da bist du bis an die Grenzen gefordert. Ich jedenfalls."

Helge Ulrike Hyams

"Wir wollten, dass sie die Qual vom Camp hinter sich lassen. Wir haben sie freundlich empfangen. Manche lächelten den ganzen Tag. Ich konnte das nicht immer, aber strukturell freundlich, willkommen. Ruht euch aus. Hier kriegt ihr Kaffee und Tee. Es war quasi die Gegenwelt. Dass sie ein paar Stunden vom Lager sich befreien konnten. Das war, glaube ich, der Auftrag von One Happy Family."

Helge Ulrike Hyams

In diesem Angebot lag und liegt, das macht die Autorin einfühlsam deutlich, das Risiko einer Überforderung, kollektiv wie für den Einzelnen. Die Autorin notiert Lichtmomente, wie das gemeinsame Häkeln mit Flüchtlingen, das Spannungen löst und kurzzeitige Beziehungen schafft. Daneben beschäftigt sie immer wieder das Innenleben ihrer und anderer Hilfsorganisationen. Sie notiert eine unbewusste Abgrenzung der Helfer zur Wirklichkeit, die sie umgibt.

"Die griechische Bevölkerung, der Alltag der dort lebenden Männer und Frauen,  war für die meisten NGOs nicht wirklich ein Thema. Die Missverständnisse – hier das Gefühl, übergangen und dominiert zu werden; dort der Anspruch, möglichst konsequent die Ziele der NGO durchzusetzen – verschärften sich während des Winters 2019/20 und waren überall deutlich spürbar."

Aus 'Denk ich an Moria'

Entfremdung zwischen Helfern und Einheimischen

Das Ergebnis ist bekannt: Im Frühjahr 2020 gipfelt die Entfremdung zwischen Griechen und ausländischen Helfern in Gewalt. Das gastfreundliche Lesbos bekommt so, in westlichen Medien, den Anstrich einer Insel mit ausländerfeindlichem Charakter. Ein Bild, das der Band ein ums andere Mal korrigiert.

"Was dabei fast gänzlich in Vergessenheit gerät: Die Ankunft dieser größtenteils jungen Menschen aus vieler Herren Länder krempelt die Sozialstruktur der Hauptstadt Mytilini und ihrer Umgebung gehörig um."

Aus 'Denk ich an Moria'

Helge Hyams sucht deshalb früh den Kontakt zu Griechen auf Lesbos. Das gelingt ihr. Ihr Buch erzählt von Hilfe und Beziehungen, die dankbar angenommen werden bei Einheimischen und Flüchtlingen.

"Die Volunteers in Lesbos waren eine ganz eigene Spezies. Meist ausgeprägte Individualisten, unkonventionell und unangepasst. Sie identifizierten sich mit dem Leid der Lagerinsassen. Trotzdem empfanden sie sich selbst als Teil dieses Systems, als dessen Handlanger. Ein Dilemma, für das es keinen Ausweg gab. Was immer wir taten an täglicher Arbeit, es konnte nie richtig sein. Und dennoch war es notwendig."

Aus 'Denk ich an Moria'

Mit bald 80 Jahren ist Helge-Ulrike Hyams eine der ältesten Freiwilligen auf Lesbos. Gerade deshalb ist ihr Buch eine Schatztruhe für die junge Generation. Die Erkenntnis, die die studierte Psychoanalytikerin an die Jüngeren weitergibt, lautet: achtet auf euch selbst, bevor ihr auszieht, Anderen grenzenlos helfen zu wollen.

"Denk ich an Moria" von Helge Ulrike Hyams ist im Berenberg Verlag erschienen.




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