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Ein Ort der Vielfalt Haus der Religionen in München

In der Nazarethkirche in München-Bogenhausen soll ein "Haus der Religionen" entstehen. Menschen verschiedenster Kulturen und Religionen sollen dort zusammenleben, lernen und feiern können.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 22.01.2021

Nazarethkirche | Bild: Evang.-Luth. Kirchengemeinde München Immanuel-Nazareth

In der Münchner Parkstadt Bogenhausen inmitten von grauen eintönigen "Neue Heimat"-Bauten steht die evangelische Nazarethkirche. Das Viertel, das mit dem reichen Nachbarsquartier gleichen Namens wenig gemein hat, ist seit jeher protestantisch geprägt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs siedelten sich viele Vertriebene, vor allem aus dem Sudetenland, hier an. Nach der Fusionierung der früher eigenständigen Nazarethkirche mit der Immanuel Gemeinde, beschloss die rund 6000 Gläubige zählende Kirchengemeinde rund um die zentraler gelegene Immanuelkirche, ein neues Gemeindezentrum zu bauen. Was aber sollte nun mit der Nazarethkirche geschehen?

"Da war die Überlegung, wie man dieser Kirche eine neue Aufgabe geben kann und gleichzeitig für die Gemeinde diesen Gottesdienst-Standort erhalten kann."

Peter Untermann, Immanuel-Nazareth Gemeinde

Alle Religionen an einem Ort

Um Ideen dafür zu sammeln wurde das Nazareth- Projekt ins Leben gerufen. Zur gleichen Zeit überlegte der Religionswissenschaftler Martin Rötting, der lange Zeit bei "Occurso", einem Institut für interkulturelle und interreligiöse Begegnung aktiv war, wie er in München Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und Angehörige anderer Religionen an einem Ort zusammenbringen könnte. Seine Vision: "Ein Haus der Religionen", wie es beispielsweise in Städten wie Berlin, London und Bern schon existiert oder gerade konzipiert wird.

"Ich glaube, dass gerade Großstädte solche Häuser brauchen. Es ist auch kein Zufall, dass die jetzt überall in den Großstädten entstehen, weil das Paradigma, das wir in der Gesellschaft haben, ist tatsächlich das der Pluralität."

Martin Rötting, Professor für 'Religious Studies' an der Universität Salzburg

Von Röttings Idee waren schließlich auch die Beteiligten des Nazareth Projekts begeistert. Warum nicht ein Gotteshaus ohne Gemeinde, für ein Haus der Religionen, das kein Gebäude hat, zur Verfügung stellen, so die Überlegung.

"Wichtig ist für uns sehr schnell gewesen, dass das Haus der Kulturen und Religionen von seinem Grundverständnis der Idee des Interreligiösen und Interkulturellen, perfekt gepasst hat zu unserem grundsätzlichen konzeptionellen Ansatz, genau hier so eine Institution für interkulturelle, interreligiöse Begegnungen zu schaffen."

Peter Untermann

Ein Haus des Wohnens, Lehrens und Lernens

Eine win- win Situation für beide Seiten sagt auch Martin Rötting. Das Grundkonzept für das interkulturelle Zentrum, das er zusammen mit dem eigens dafür gegründeten Verein "Haus der Kulturen und Religionen", erarbeitet hat, ist einfach. Ein Haus des Wohnens, Lehrens und Lernens soll es werden. Mit einem Studentenwohnheim, einem interkulturellen College und viel Platz für Vorträge und Veranstaltungen. So zumindest die Vorstellung des Vereins. Neben dem München Rabbiner Steven Langnas mit seinem Projekt "Lehrhaus der Religionen" gehören dem neugegründeten Verein auch andere Religionsgemeinschaften, wie etwa das "Forum für Islam" und interreligiöse Dialogprojekte wie die "Freunde Abrahams" an. Über das Konzept sind sich alle einig, beim Ort allerdings haben manche Bedenken, sagt Martin Rötting.

"Ist das zu weit draußen; ist die Prägung, dass es eine Kirche ist vielleicht nicht zu stark, sind die Räume groß genug, können wir ein Wohnheim bauen, das so groß ist das wirklich die schwarze Null im Betrieb rumkommt? Es gibt ganz viele offenen Fragen, auch wird die Gemeinde das wollen, das sind ja nicht nur wir, sondern es gibt ja auch Leute vor Ort. Wollen die Leute in der Umgebung so was?"

Martin Rötting

Einjährige Pilotphase

Um all diese Fragen zu klären, geht das Projekt zunächst in eine einjährige Pilot-Phase. Danach wird entschieden, ob die Nazarethkirche wirklich der richtige Ort für das Zentrum ist, sagt Gönül Yerli, die für das Münchner "Forum für Islam" im Vorstand des Vereins "Haus der Kulturen und Religionen" ist.

"Das heißt, wir haben uns noch nicht ganz fixiert auf den Ort. Eine Kirche, in der seit Jahrzehnten gebetet wird und in dem schon ein gewisser Geist schwingt, dass das auch in dem Sinne dieses Geistes weitergehen soll, fände ich persönlich jetzt einen besonderen Charme."

Gönül Yerli

Bleibt noch die Frage der Finanzierung. Gönül Yerli weiß aus der Erfahrung des gescheiterten Moscheebaus des "Münchner Forums für Islam", dass es neben Crowdfunding und öffentlicher Förderung auch eines großzügigen Geldgebers bedarf, um solch ein Projekt zu stemmen. Im Moment kann das "Haus der Religionen" mit einem kleinen Budget der Nazarethkirche zumindest mit Veranstaltungen im Gotteshaus und in den Sälen der Gemeinde starten.

"Ich glaube, dass dadurch, dass man schon in diese räumliche Nähe kommt, dass man durchaus auch auf Themen eingehen kann, die man jetzt so im Alltag vermeidet, aber vielleicht an diesem Ort sich eher traut zu sagen."

Gönül Yerli

Gerade Austausch und ein gelingendes Miteinander zwischen Religionen und Kulturen ist in Zeiten wie diesen, in welchen sich die Gräben wieder vertiefen, besonders wichtig:

"Unsere ganze Gesellschaft baut auf der Idee der Pluralität auf, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit gemeinsam leben können. Wir stellen aber fest, wir brauchen immer wieder einen Ort, an dem wir es miteinander lernen, weil es ist nicht so einfach. Wir wollen praktisch mit diesem Haus extra einen Ort dafür schaffen, der immer wieder dann fordernd, mahnend, herausfordernd, inspirierend in die ganze Gesellschaft reinwirkt."

Martin Rötting


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