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Wie geht Solidarität für alle? "Gegenwartsbewältigung" mit Max Czollek

Wie muss sich die Gesellschaft wandeln, damit Menschen gleichermaßen Solidarität erfahren? Wie kann in einer gespaltenen Welt die gemeinsame Verteidigung der pluralen Demokratie gelingen? Max Czollek sucht in seinem neuen Buch "Gegenwartsbewältigung" Antworten auf die politische Gegenwart des Jahres 2020.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 17.09.2020

Max Czollek | Bild: Konstantin Boerner

"Warum ist das Gefühl der allgemeinen Bedrohtheit so viel größer durch ein Virus als durch zum Beispiel rechte Gewalt?" fragt sich Max Czollek in seinem kürzlich erschienenen Manifest "Gegenwartsbewältigung". Ausgehend von der Corona-Krise überlegt sich der Berliner Autor darin, warum manche Menschen in dieser Gesellschaft Solidarität und Teilhabe erfahren und andere nicht. Denn die so groß propagierte Solidarität während des Lockdowns habe nicht allen Menschen gegolten, etwa Menschen an den europäischen Außengrenzen."

"Das können wir die Tage wieder an der ausbleibenden Rettungsaktion für die Menschen in Moria beobachten und auch an Menschen, die in Deutschland leben, aber gleichermaßen von einer deutschen Öffentlichkeit, einer deutschen Politik als Teile einer Gesellschaft nicht wahrgenommen werden. Das gilt für die Arbeiter in einer Wurstfabrik, das gilt für die Arbeiter auf deutschen Spargelfeldern und es gilt bis zu einem gewissen Grad auch für Menschen, die in Shisha-Bars sitzen oder in Synagogen. Die eben nicht in gleicher Weise auf Solidarität rechnen konnten oder können wie es in der Corona- Krise für Oma und Opa der Fall war."

Max Czollek

Die von ihm beobachtete "begrenzte Solidarität" habe in Deutschland eine lange historische Tradition, sagt Max Czollek. Sein Werk "Gegenwartsbewältigung" will er deshalb auch als Antwort auf das Konzept der Vergangenheitsbewältigung verstanden wissen.

Gegenwartsbewältigung fragt, wie die Vergangenheit fortwirkt

"Gegenwartsbewältigung fragt erst mal danach, in welcher Weise die Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt und kündigt damit vielleicht auch einen Blickwechsel an, der stärker danach fragen würde, welche Dinge müssen wir eigentlich in der Gegenwart tun, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt?"

Max Czollek

Verordneter Antifaschismus in der DDR

Mit der Aufarbeitung der Vergangenheit habe es Deutschland - entgegen der gängigen Auffassung - nicht ganz so genau genommen, moniert Max Czollek; weder in West-, noch in Ostdeutschland, wo er aufgewachsen ist. Während man in der BRD nach 1945 eine Demokratie einführte, die vor allem auf Einbindung und Amnestie der vormaligen Nazis beruhte, sei der DDR Gesellschaft das Konzept des "Antifaschismus" staatlich verordnet worden.

"Ein Konzept, das für die Mehrheit der DDR Bevölkerung schlichtweg nicht der Wahrheit entsprach und ich glaub schon, dass sich in West-, wie in Ostdeutschland eine ähnliche Situation zeigt, dass man es nämlich mehrheitlich mit einer Bevölkerung zu tun hat, die die NationalsozialistInnen bis zum bitteren Ende unterstützt hatte. Und der Antifaschismus ist ja schon auch ein Angebot von Seiten der KommunistInnen, was dankend angenommen wird von der DDR-Bevölkerung, die sich über diese Erzählung letztlich überhaupt nicht mit der eigenen Verantwortung, mit der eigenen Schuld befassen braucht."

Max Czollek

Kollektives Erinnern in der BRD

Die Bundesrepublik erfand sich eine andere Art der Vergangenheitsbewältigung die nicht weniger problematisch ist: Das "kollektive Erinnern", das Max Czollek bereits in seiner ersten Streitschrift "Desintegriert Euch!" als sogenanntes "Gedächtnistheater" bezeichnet hat. Diese offizielle Gedenkkultur habe der Bundesrepublik den Weg in ein neues nationales Selbstverständnis geebnet, so der 33-jährige Autor. Schnell habe sich in den konservativen Parteien die Meinung etabliert, Schutz vor dem antisemitischen Ungeist könne nur eine "deutsche Leitkultur" bieten. Statt Konzepten aber wie "Leitkultur", "Integration" oder "Heimat", die indirekt implizieren, dass Vielfalt die größte Gefahr für die deutsche Gegenwart ist, plädiert Max Czollek für einen Paradigmenwechsel. Einem, bei dem die Vielfalt nicht ein Problem ist, sondern die eigentliche Grundlage einer pluralen Gesellschaft.

"Und wenn wir das als ihre Grundlage verstehen, dann glaube ich kommen wir vielleicht zu einer anderen Wahrnehmung der Gesellschaft und dieser Dinge, die sie bedrohen, weil dann wird klar, dass die Bedrohung dieser Gesellschaft, die nicht von ihrer inneren Pluralität ausgeht, sondern tatsächlich von den großen Vereinheitlichern und Homogenisierern, die ja vor allem aufseiten rechter Gewalt und rechten Denkens zu finden sind."

Max Czollek

Neues Narrativ gefragt

Um also die Gegenwart zu bewältigen, müsse die Realität der postmigrantischen Gesellschaft endlich anerkannt werden, fordert Max Czollek. Das bedeute ganz konkret, das Narrativ der deutschen Nachkriegsgesellschaft müsse um die Perspektiven erweitert werden, die es zwar schon immer gab, die aber nie erzählt wurden. Dies reicht von der sogenannten Gastarbeiterliteratur, der afrodeutscher Kunst und feministischen Interventionen bis bin zur, wie Max Czollek es bezeichnet, "wehrhaften" Poesie von Juden und Jüdinnen. Als Gegenentwurf zu den Vorstellungen deutscher kultureller Dominanz sozusagen plädiert Max Czollek - nicht ohne ironischen Unterton - für eine jüdisch-muslimische Leitkultur.

"In diesem Sinne ist einer der Vorschläge, die ich in dem Buch mache, etwas was ich einen 'postmigrantischen Antifaschismus' nenne, nämlich eigentlich wieder neu danach zu fragen, wie könnte eigentlich eine Gesellschaft aussehen, die sich ihrer eigenen Geschichte bewusst ist und aktiv davon abgrenzt und sagt nie wieder darf das passieren und sich gleichzeitig ihrer aktiven Veränderung und Aktualität bewusst ist und sagt: Heute ist Deutschland eine postmigrantische, radikal vielfältige Gesellschaft und weil sie das ist, muss diese Art von Antifaschismus natürlich anders gedacht werden."

Max Czollek

Max Czollek live in München

Am Montag, 21.09.2020 um 20 Uhr ist Max Czollek live im Literaturhaus in München zu erleben.

Sein Buch "Gegenwartsbewältigung" ist im Hanser Verlag erschienen und kostet 20 Euro.


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