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Vermisst, aber nicht gesucht Verschwundene Flüchtlingskinder in Deutschland

Laut Zahlen der Bundesregierung galten im April 2016 rund 6.000 Flüchtlingskinder und -jugendliche als vermisst. Was mit ihnen passierte und wo sie sich aufhalten, ist unklar.

Stand: 12.06.2016

Junger Mann in der S-Bahn in Berlin | Bild: picture-alliance/dpa

Mouhamel ist 17 Jahre alt und kommt aus dem Irak. Der junge Mann ist Ende Februar in München angekommen, doch seitdem fehlt von ihm jede Spur. Zwei Tage nach seinem Verschwinden wurde er vom Jugendamt bei der Polizei als vermisst gemeldet, erklärt Ottmar Schader vom Sozialreferat der Landeshauptstadt.

Bundesweit 6000 vermisste Jugendliche und Kinder

Wie Mouhamel sind in München seit den Anfängen der Flüchtlingskrise 2014 rund 15 Prozent aller minderjährigen Flüchtlinge, die vom Stadtjugendamt vorläufig oder dauerhaft in Obhut genommen wurden, abgetaucht. In Bayern sind zwischen Anfang Januar und Ende April diesen Jahres 1588 Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet worden. Bundesweit waren es zum 1. April rund 6000. Sie gelten immer noch als vermisst.

Das Problem dabei: Die Zahlen sind nicht belastbar. Sie könnten höher liegen, weil manche junge Flüchtlinge gar nicht erst von einem Jugendamt aufgegriffen und registriert wurden. Die Zahl könnte aber auch niedriger sein – denn: Kinder und Jugendliche, die in Bayern verschwinden, könnten zum Beispiel in Berlin wieder auftauchen und neu registriert werden. Es gäbe viele Zwei- und Dreifachregistrierungen, heißt es aus dem Bundesfamilienministerium. Für Niels Espenhorst vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V., eine unbefriedigende Antwort.

"Die Bundesregierung hat auf Pressekonferenzen das Problem verharmlost und gesagt, das hat alles schon seine Richtigkeit: Die tauchen unter und wieder auf und wieder ab. Ohne zu erkennen, dass es sich dabei um ein ernstzunehmendes Kinderschutzproblem handelt."

Niels Espenhorst, Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V.

Denn egal ob die Liste ein paar mehr oder weniger Vermisste aufweist – es bleibt die Tatsache: Von tausenden geflüchteten Minderjährigen ist nicht bekannt, wo sie sich befinden, warum sie untergetaucht sind und ob es ihnen gut geht. In einer ähnlich verfassten Stellungnahme zeigen sich das Sozial- wie auch vom Innenministerium im Freistaat nicht besonders beunruhigt.

"Man kann nicht davon ausgehen, dass alle Jugendlichen, die hier in Bayern aufgegriffen werden, auch hier bleiben wollen. Viele haben ein anderes Ziel, nämlich oftmals den Ort, wo ihre Community ist, (Familienangehörige, ältere Geschwister, Onkel,…etc.)."

Was, wenn sie nicht dort ankommen? Schon im Januar hatte Brian Donald, der Stabschef der europäischen Polizeibehörde Europol in einem Interview mit der englischen Zeitung "The Observer" gewarnt: Manche Vermissten könnten auch von Kriminellen abgefangen worden sein.

"Nicht aktiv gesucht"

Ripon, 17 Jahre alt, aus Bangladesch in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

In Bayern ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein vermisster minderjähriger Flüchtling Opfer von Kriminellen geworden wäre, sagt Bernhard Egger. Beim Bayerischen Landeskriminalamt ist er unter anderem für den Bereich "Vermisste und unbekannte Tote" verantwortlich. Die vermissten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge werden von der Polizei nicht aktiv gesucht: Es seien einfach zu viele und die Behörden hätten meistens auch kaum Informationen über die Jugendlichen, so der leitende Kriminaldirektor. Wenn aber die Polizei auf Streife geht und Menschen kontrolliert, oder eine Leiche gefunden wird, würden die Personalien mit der bundesweiten Vermissten-Datenbank abgeglichen. Darin sind auch die jungen Flüchtlinge registriert.

Doch gerade im Bereich der Zwangsprostitution gehen viele Beratungsstellen für Aussteiger laut Recherche des Bayerischen Rundfunks davon aus: Manche vermisste Flüchtlingskinder und Jugendliche könnten durchaus als Sexsklaven ausgebeutet werden. Das deckt sich mit der Aussage von Europol Stabchef Brian Donald. Im Januar hatte er erklärt: Kriminelle Banden, die bisher als Schleuser aufgetreten seien, wären dazu übergegangen, Flüchtlinge für Sexarbeit und Sklaverei auszunutzen.

"Wir wissen, dass Ausbeutung und insbesondere sexuelle Ausbeutung weltweit zum Migrationsgeschehen dazu gehört. Es wäre naiv anzunehmen, dass es in Deutschland nicht der Fall wäre."

Niels Espenhorst, Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V.

Deswegen der Appell von Niels Espenhorst an Behörden und Politik: Man müsse die Ursachen des Problems bekämpfen, indem die Familienzusammenführung vereinfacht wird.


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