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Zauberwort Integration Neue Debatte um einen strittigen Begriff

Max Czollek, Publizist und Politikwissenschaftler ruft in seiner polemischen Schrift zur "Desintegration" auf. Die Rolle seiner jüdischen Mitbürger sieht er vereinnahmt vom "Gedächtnis-Theater". Auf den ersten Augsburger Desintegrationstagen wollen Kulturschaffende und Wissenschaftler die Begriffe hinterfragen.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 22.03.2019

Max Czollek, Lyriker und Sachbuchautor | Bild: BR

"Integration ist die Erzählung eines ganz bestimmten Teils der Gesellschaft, nämlich jenes Teils der Gesellschaft, der sich anmaßt zu entscheiden, wer dazugehört und wer nicht."

Max Czollek

Schon lange beschäftigt sich der Berliner Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler Max Czollek mit der Frage, welche politischen Denktraditionen hinter dem hiesigen Integrationsdiskurs stecken. In seiner polemischen Streitschrift "Desintegriert euch!", die seit ihrem Erscheinen im letzten Herbst heftig diskutiert wird, entlarvt er die Idee der "Integration" als Streben nach kultureller Dominanz und ethnischer Homogenität.

"Die Frage ist, ob wir mit dieser Art von Modell für Zugehörigkeit und Zusammenleben in Deutschland in der Lage sein werden, die gegenwärtige Herausforderungen, die ja vor allem auch von rechts kommen, zu bewältigen. Also in einer Situation, in der neovölkisches Denken wieder so hoffähig und präsent ist, wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr, ist das Integrationsparadigma wahrscheinlich nicht mehr das Paradigma, mit dem wir politisch besonders weit kommen werden."

Max Czollek

"Ort der radikalen Vielfalt"

Statt der Integration der "Anderen“, also der Gastarbeiter, der russischen Juden, der Geflüchteten und sonstiger Migranten, fordert der 31-Jährige "Desintegration" als Modell, das seiner Meinung nach "neovölkische“ Betrachtungsweisen, wie die von AfD und Pegida nichtig macht. Man müsse die deutsche Gesellschaft als einen "Ort der radikalen Vielfalt" neu denken, ohne Zentrum, das die sogenannte Leitkultur vorgibt. Und auch ohne die Idee der Zugehörigkeit zu nur einer einzigen Gruppe, so Max Czollek. Derzeit finde aber genau das Gegenteil davon in Deutschland statt.

Max Czollek fordert seine jüdischen Mitbürger auf, sich von der Rolle zu emanzipieren, die das sogenannte "Gedächtnistheater" ihnen zuteilt. Einfach nicht mehr mitzumachen bei der Inszenierung eines positiven deutschen Selbstbildes.

"Was mir vorschwebt, ist letztendlich das Erzeugen eines Freiraumes, in dem Jüdinnen und Juden nicht mehr ausschließlich auf dieses deutsche Begehren reagieren."

Max Czollek

"Erste Augsburger Desintegrationstage"

Welche Auswirkungen solch ein Freiraum auf Gesellschaft und Kultur haben könnte, wollen die "Ersten Augsburger Desintegrationstage" zusammen mit Max Czollek erkunden. Drei Tage lang zeigen Kulturschaffende aus Wien, Berlin und Augsburg in Diskussionsrunden, Lesungen und einem Poetry Slam, wie man die von Max Czollek geforderte "radikale Vielfalt" in der Gesellschaft künstlerisch ausdrücken kann.

"Wir sollten andere Perspektiven in der Integrationsdebatte zulassen, wir sollten darüber nachdenken was die Integrationsdebatte in den letzten Jahrzehnten nicht geleistet hat. Ich halte die Überlegungen von Max Czollek für eine Möglichkeit, vielleicht ein bisschen anders darüber nachzudenken bzw. einen anderen Diskurs zu etablieren."

Barbara Staudinger, Leiterin des jüdischen Museums Augsburg- Schwaben

Barbara Staudinger ist Leiterin des jüdischen Museums Augsburg-Schwaben, das zusammen mit dem Kulturhaus Abraxas die Desintegrationstage veranstaltet. Einen neuen Diskurs anregen will sie zum Beispiel mit einer Gesprächsrunde, die sich der Frage widmet, wie neue Solidaritäten zwischen Juden und Muslimen im Kulturleben umgesetzt werden können. Allianzen, die dringend notwendig sind, findet auch Max Czollek. Vor allem seit die neuen rechten Kräfte versuchten, die jüdische Bevölkerung zur Abgrenzung vom "bösen Islam" zu instrumentalisieren. Und auch hier plädiert der Berliner Politologe erneut: "Befreit euch von den euch zugeschriebenen Rollen. "Desintegriert euch!" Denn:

"Es ist sinnvoll davon auszugehen, dass vielleicht das nächste Mal zuerst die Moscheen brennen werden, aber dann wieder die Synagogen. Also man sollte sich schon auch aus einer jüdischen Perspektive nicht zu sicher fühlen."

Max Czollek

Die "Ersten Augsburger Desintegrationstage", veranstaltet vom Jüdischen Museum Augsburg Schwaben und dem Kulturhaus Abraxas finden vom 26. - 28. März 2019 statt.


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