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Eric-Emmanuel Schmitt "Felix und die Quelle des Lebens"

Eric-Emmanuel Schmitt, französischer Schriftsteller, Bühnenautor und Filmregisseur, wurde mit seinem Roman "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" weltberühmt und 2004 mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. "Felix und die Quelle des Lebens" knüpft an seine größten Erfolge an.

Von: Kristina Dumas

Stand: 23.04.2020

Eric-Emmanuel Schmitt | Bild: picture-alliance/dpa

"Wenn wir der Vergangenheit zu viel Platz einräumen, dann ist es schwierig, in der Gegenwart zu leben, wenn man der Vergangenheit zu wenig Platz einräumt, dann hinkt was und man weiß nicht genau, wohin es geht."

Eric-Emmanuel Schmitt

In Eric-Emmanuel Schmitts Roman "Felix und die Quelle des Lebens" geht es auch um den Platz der Vergangenheit im eigenen Leben: Der 12-jährige Felix lebt mit seiner aus Afrika stammenden Mutter Fatou glücklich in einem nicht gerade vornehmen Stadtteil von Paris. Fatou betreibt ein Café und ihre Stammgäste lieben diesen Treffpunkt und die lebenslustige Cafébesitzerin. Doch dann möchte die energische Frau das Café verkaufen und sich in ein neues Abenteuer stürzen. Ein auswegloser Streit mit den Behörden macht dies unmöglich und Fatou verliert nach und nach ihre Lebenskraft. Sie wird depressiv.

"Fatou kehrt nach Afrika zurück. Fatou hat auf tragische Weise ihr Land verlassen, es herrschte Krieg und sie war so traumatisiert, sie wollte das zurücklassen, sich von ihrer Vergangenheit trennen, sie wollte ihr Trauma zurücklassen und sich neu erfinden, in Paris, in ihrem Café. Doch wenn man die Vergangenheit in eine Tasche steckt, die Tasche bleibt nicht für immer verschlossen, sie bekommt Löcher und die Vergangenheit taucht wieder auf und springt einen an."

Eric-Emmanuel Schmitt

Felix begleitet seine Mutter Fatou nach Afrika und lernt auf dieser Reise Vieles über die Vergangenheit und die Traditionen seiner Familie. In Afrika spürt Fatou mit Hilfe eines Heilers ihre Wurzeln. Sie kommt mit dem Geist ihrer Ahnen und mit dem Glauben an die Beseeltheit der Natur, dem Animismus, in Kontakt.

"Die Reise für Fatou ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, es ist auch eine spirituelle Reise, sie findet die Wurzeln ihres Denkens, in diesem Fall begegnet sie dem Animismus. Ich habe das Buch auch geschrieben, um darüber zu sprechen. Der Animismus hat keinen guten Ruf bei den Intellektuellen. Das kommt meiner Meinung nach aus der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Was mir daran gefällt, ist auch die Beziehung zu unseren Toten. Die Toten sind nicht weg, es sind Geister, die uns begleiten und uns mit unseren Vorfahren verbinden."

Eric-Emmanuel Schmitt

Die Kräfte der Natur spüren, ausgeliefert sein, diese Erfahrung machte Eric-Emanuel Schmitt am eigenen Leib vor vielen Jahren in der Sahara. Er verlief sich in der Wüste und irrte 32 Stunden ziellos umher, ohne Essen und Trinken.

"Den Boden unter den Füßen zu verlieren, das war eine wichtige Erfahrung. Zu erfahren, dass man nicht alles beherrscht, dass man nicht der Stärkste ist und nicht alles regieren kann, zu akzeptieren, dass es Abgründe gibt. Aber gerade auch durch solche Abgründe, dringt aber auch Licht hindurch. Man muss nicht Angst vor dem haben, was Angst macht. Hinter der Angst verbergen sich auch sehr schöne Erfahrungen."

Eric-Emmanuel Schmitt

Fatou durchlebt in Afrika mit Hilfe eines Heilers einen schmerzhaften Prozess, die kranke Frau stellt sich ihrer verdrängten Vergangenheit und integriert ihre Ahnen in ihr Leben.

"Felix und die Quelle des Lebens" von Eric-Emmanuel Schmitt ist ein warmherziges, spirituelles Buch, das tragisch und zugleich komisch ist und auch von Verbundenheit, Freundschaft und Liebe erzählt.


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