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Raus aus der Opferrolle Empowerment-Workshop für Musliminnen

Frauen, die ein Kopftuch tragen, haben es in Deutschland immer schwerer. Sie werden angegriffen, auch physisch. Dagegen wehren sich muslimische Münchnerinnen: mit einem Workshop, der sie gegen Hass stark macht.

Stand: 07.09.2018

Strassenszene in Berlin-Neukölln  | Bild: picture-alliance/dpa

Imen ist 37 Jahre alt, Münchnerin, angehende Psychotherapeutin, Mutter und praktizierende Muslimin. Ihren Nachnamen möchte sie nicht preisgeben. Denn als Muslimin in den Medien auftreten, das ist wie zu nah am Gleis der U-Bahn stehen – das kann gefährlich sein. Übertrieben ist ihre Wachsamkeit keineswegs. 2017 gab es mindestens 950 Angriffe auf Muslime und muslimische Einrichtungen, das sind mehr als zwei pro Tag, die Dunkelziffer dürfte höher sein. Imen trägt Kopftuch und sie spürt wie sich die Stimmung in der Gesellschaft verschlechtert hat. Viele starren auf ihre Kopfbedeckung, abfällige Kommentare gehören mittlerweile zu ihrem Alltag.

"Das sind alltägliche Sachen, banale Sachen, man ist viel wachsamer geworden, zum Beispiel nicht zu nah am U Bahn-Gleis stehen, oder wenn ich eine Treppe runtergehe, dann kuck ich bewusst, wer hinter mir ist. Und Sachen, die früher ein „No Go“ waren, sind normaler geworden, zum Beispiel einmal im dm , ich geh rein und ein Mann kommt vorbei und kickt mich so richtig fest, das hat richtig wehgetan, ich schrei ihm hinterher und er läuft einfach weiter."

Imen

Dagegen will sich Imen wehren. Ein Wochenende lang besucht die 37-Jährige deswegen ein ungewöhnliches Seminar in München: einen Empowerment-Workshop für Musliminnen. Der Fokus liegt dabei auf der inneren Arbeit, erklärt Workshop-Leiterin Yasemin Soylu.

Journalisten sind während des Seminars nicht erwünscht. Der Grund: Ein solcher Workshop funktioniere laut der Trainerin nur, wenn alle Teilnehmerinnen sich in der Runde absolut sicher fühlen. Wenn sie wissen, dass sie so angenommen werden wie sie sind, ihren Geschichten ohne Wenn und Aber geglaubt werden, ihre Gefühle akzeptiert und geteilt. Wenn dieser vertraute Raum geschaffen ist, geht es weiter: Mit Theorie zum Thema Diskriminierung im Allgemeinen und Antiislamismus im Besonderen, und wie man sich dagegen praktisch wehren kann.

Nach der diskriminierenden Aktion könne man auch je nach Situation zum Beispiel zur Polizei oder einer Beratungsstelle gehen. Aber: Um sich zu stärken, um sich sicherer zu fühlen, wäre es nicht zielführender, einen Selbstverteidigungskurs zu machen? Was bringen Wörter?

"Man muss mit den Situationen danach klarkommen. Dafür muss man Strategien haben."

Yasemin Soylu

Finanziert wird der Empowerment-Workshop für Musliminnen von dem Verein Before e.V., einer unabhängigen Beratungsstelle für Betroffene von Rassismus, Diskriminierung und rechter Gewalt. Für Lea Rei, Beraterin bei Before, ist es wichtig, dass die Teilnehmerinnen des Workshops finanziell entlastet werden.

"Es gibt Trainerinnen-Programme in ganz Deutschland. Das Problem ist, dass die sehr häufig nicht staatlich gedeckt sind. Es müssen einfach Maßnahmen ergriffen werden, dass das auch von der Zivilgesellschaft finanziert wird, oder städtisch oder länderübergreifend gefördert wird."

Lea Rei

Das ist der große Wunsch von Bettina, einer der Macherinnen vom MFI, dem Münchner Forum für Islam, wo der Workshop stattgefunden hat. Schließlich seien Politiker mitverantwortlich für die diskriminierende Stimmung im Land, die Gesellschaft sei aber ein Ort für alle, so die 35-Jährige. Mit einer sicheren Finanzierung könnten mehr Menschen an Empowerment-Workshops teilnehmen.

"Erstmal denke ich, müssten wir die Leute abholen wo sie sind, in den Moscheegemeinden. Aber längerfristig haben wir im Blick, dass es ein Angebot von der Stadt wird oder sich die VHS damit engagiert."

Bettina

Davor sei es aber auch wichtig innerhalb des MFI ein Netzwerk für die gestärkten Frauen zu gründen und selber Trainerinnen wie Yasemin Soylu auszubilden. Die angehende Psychotherapeutin Imen würde das begrüßen. Bis dahin wünscht sie sich, dass die Menschen wieder respektvoller miteinander umgehen. Und nach zwei Tagen Empowerment-Seminar hat sie eine neue Strategie um gegen Hass vorzugehen - eine, die sich alle Bürger merken könnten, für den Moment, an dem sie selber Zeuge von Diskriminierung sein sollten:

"Sich gar nicht da einmischen, sondern Solidarität zeigen, mit der Person, die gerade in einer schwachen Position ist. t – sei es, dass wenn eine Frau dazukommt und sich neben die muslimische Frau setzt und sagt, hey, wie weit fährst Du, ich begleite dich bis zur nächsten Haltestelle."

Imen


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