B5 aktuell - Das interkulturelle Magazin


12

Filmemacher Dieu Hao Do Zweite Generation "Boat People"

Am 13. August 1979 startete die Cap Anamur mit der Rettung der "Boat People" im südchinesischen Meer. Das Schiff brachte mehr als 10 000 Bootsflüchtlingen nach Deutschland. Mit der Geschichte der Bootsflüchtlinge und ihrer Nachfahren beschäftigt sich der deutsch-chinesische Filmemacher Dieu Hao Do, der zur zweiten Generation der "Boat People" gehört.

Von: Eva Völker

Stand: 06.08.2019

Hamburger Bürger verfolgten am 05.09.1986 die Ankunft des Flüchtlingsschiffes Cap Anamur II im Hamburger Hafen | Bild: picture alliance/rtn - radio tele nord

"Ein Teil meiner Familie ist 1979 mit dem Boot geflüchtet, meine Tante und mein Onkel wurden von der Cap Anamur gerettet. Sie haben in Deutschland Asyl beantragt, anschließend meine Großeltern und meine Mutter nach Deutschland geholt."

Dieu Hao Do

Zusammen mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester wuchs Dieu Hao Do in der niedersächsischen Provinz auf. Die Familie gehörte zur südchinesischen Minderheit in Saigon, heute Ho Chi Minh Stadt. Wie viele Angehörige der chinesisch-stämmigen Community in Vietnam, verließen sie das Land, weil sie nach dem Einmarsch Chinas im Jahr 1979 noch stärker rassistisch und wirtschaftlich diskriminiert wurden. Über diese Erfahrungen wurde in der Familie nicht gesprochen, sagt Dieu Hao Do.

"Mein Bauchgefühl hat mir gesagt, da ist noch mehr, ein Teil meiner Geschichte, die im Alltag mitschwingt."

Dieu Hao Do

Diese Geschichte aufzudecken, das ist das Ziel, das sich Dieu Hao Do als Filmregisseur gesteckt hat. Denn es sind allenfalls Bruchstücke, die ihm darüber bekannt waren.

"Mein Vater hat ganz wenig darüber gesprochen. Mein Vater war sehr verletzt, was die Kommunisten ihm angetan hatten und er für sich entschieden hatte, nicht mehr darüber sprechen zu wollen. Meine Mutter hat angefangen, mir so detailliert erzählt wegen meines Berufes. Mir ist aufgefallen, wie schmerzhaft es für sie ist, diese Wunde aufzumachen, sie bittet mich immer nach jedem Gespräch, sie nie wieder zu fragen."

Dieu Hao Do

Ständige Angst vor dem Vietcong

Die schmerzhafteste Erfahrung für seine Mutter sei die Enteignung des Hauses gewesen und die darauffolgende Zwangsumsiedlung. Fortan mussten sie auf beengtem Raum bei Nachbarn leben, in ständiger Angst vor den kommunistischen Vietcong. Dieu Hao Dos Tante und Onkel hatten sechs Fluchtversuche hinter sich, waren in Umerziehungslagern Zwangsarbeit und psychischer Gewalt ausgesetzt. Nachdem den beiden endlich die Flucht geglückt war, sie von der Cap Anamur gerettet und nach Deutschland gebracht worden waren, mussten sie den Verlust der Heimat und die Trennung von der Familie verkraften. All dies sei sehr schmerzhaft gewesen für seine Tante und seinen Onkel, sagt Dieu Hao Do. Angesichts von so viel Leid und Trauer, bedürfe es viel Mut zu erzählen. Aber auch durchaus Mut, Fragen zu stellen.

"Dass wir in zweiter Generation jetzt kommen und sagen, erzählt uns doch mal, das ist eigentlich ähnlich wie in Deutschland mit der Generation nach dem Nationalsozialismus, die ihre Eltern gefragt haben, die nicht erzählen wollten. Da sehe ich eine Parallele."

Dieu Hao Do

Je mehr sich Dieu Hao Do mit dem Einfluss des Vietnamkriegs auf seine Familiengeschichte beschäftigt, desto mehr lernt er auch über sich selbst. Etwa was seine Haltung gegenüber den Vertragsarbeitern angeht, die aus dem kommunistischen Nordvietnam in die DDR geholt wurden und deren Kinder und Enkel heute noch in Deutschland leben, viele von ihnen in Berlin. Immer noch spiele es eine große Rolle in der südostasiatischen Community in Deutschland, ob die Eltern aus dem kapitalistischen Süden oder dem kommunistischen Norden Vietnams kamen.

1,5 Millionen Bootsflüchtlinge aus Vietnam

Die Geschichte seiner Familie ist Teil der Geschichte von mehr als 1,5 Millionen südvietnamesischen und chinesischen Bootsflüchtlingen, die aus Vietnam vertrieben wurden. An sie zu erinnern, hat sich der ambitionierte Filmregisseur, der bereits mehrfach beim Max-Ophüls-Festival vertreten war, mit seinem aktuellen Filmprojekt zur Aufgabe gemacht. Auf den Spuren seiner Familie hat Dieu Hao Do in Vietnam, Hong Kong und Deutschland gedreht, gerade ist er aus den USA zurückgekommen, wo er ebenfalls Interviews mit Verwandten geführt hat. Brisant ist die Geschichte der "Boat People" zum einen angesichts der aktuellen Diskussion um die Rettung von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer. Zum anderen, weil die vietnamesische Regierung bis heute diesen Teil der Geschichte leugnet, sagt Dieu Hao Do.

"Ich hoffe, dass durch meinen Film da ein bisschen mehr Bewusstsein dafür wächst, dass es diese Biografien gab, (…) dass ihre Leben nicht vergessen werden, dass ihre Existenzen wichtig sind für die Allgemeinheit, nicht nur für ihre Kinder. Dass ihre Existenzen politisch sind und dass das uns alle beeinflusst."

Dieu Hao Do


12