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"DaSein" Kultursensible Begleitung in der Palliativ- und Hospizarbeit

Entsprechend ihrer kulturellen und religiösen Bedürfnisse bildet der Hospizdienst "DaSein" derzeit ehrenamtliche HospizhelferInnen mit Migrationsgeschichte aus, um Betroffenen am Lebensende durch kultursensible Begleitung Halt zu geben.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 06.03.2020

Sterbehilfe | Bild: Berlin Picture Gate

"Man muss sich das gut überlegen, der Tod ist ja immer etwas, was ängstigt oder wo viele Menschen Berührungsängste mithaben, aus welchen Gründen auch immer und dann dacht ich mir, nein aber das ist echt eine tolle Sache."

Filiz Bernhard

Die 45-jährige Bilanzbuchhalterin Filiz Bernhard ist eine von neun ehrenamtlichen Sterbebegleiterinnen mit Migrationsgeschichte, die der Münchner Hospizdienst "DaSein" derzeit ausbildet. Auch im Hinblick auf ein neues Hospiz in München, das demnächst unter Federführung von "DaSein" entstehen soll.

"Ich war schon länger auf der Suche nach irgendwas, vielleicht auch ausgelöst davon, dass ich selber eine Nichte verloren habe mit 17 Jahren und einen Cousin mit 20."

Filiz Bernhard

Vom Hospizdienst "DaSein" erfuhr Filiz Bernhard durch eine zufällige Begegnung. Die Idee habe ihr sofort gefallen, denn so könne sie auch ihre türkische Kultur miteinbringen.

"Ich bin zweisprachig aufgewachsen, sowohl deutsch als auch türkisch, die Ehrenamtlichen mit Migrationshintergrund, find ich, haben einfach das Glück, dass sie in beiden Kulturen zuhause sind."

Filiz Bernhard

Das kann wirklich ein großer Vorteil sein, sagt die 45-Jährige. Sie gewinne beispielsweise das Vertrauen eines türkischstämmigen Menschen schneller, wenn sie ihm nicht die Hand gebe, sondern ihn mit dem türkischen Ritual begrüße, sprich die Hand kurz zu Kinn und Stirn führe. Auch mit der in der Türkei üblichen Ansprache "amca" und "teyze", was so viel heißt wie "Onkel" und "Tante", zolle sie dem Kranken Respekt. Respekt vor ihrer Kultur lasse auch die Hemmschwelle vieler Bürger mit Einwanderungsbiographie sinken, einen Hospizdienst überhaupt in Anspruch zu nehmen, sagt Yasemin Günay, die die kultursensible Begleitung in der Hospiz- und Palliativarbeit bei "DaSein" koordiniert.

"Bei Sterbenden und Schwerstkranken, das kann man aber auch bei Demenz-erkrankten Menschen beobachten, ist das so, dass am Lebensende der Betroffene zurück zu den Wurzeln kehrt, weil das was vertraut ist, gibt Sicherheit. Das ist noch ein geschützter Rahmen, wenn meine Gegenwart quasi mir aus den Händen entgleitet, ich nicht mehr genau weiß, was meine Zukunft mit sich bringt, dann ist es so, dass zumindest meine Vergangenheit eine Stabilität gibt und zu dieser Vergangenheit gehört auch, mich in meinen vertrauten Erinnerungen zu bewegen, mich in meiner Sprache zu bewegen."

Yasemin Günay

Es betreffe aber nicht nur die Sprache, sondern auch Gerüche, Essen oder Erinnerungen, so Yasemin Günay. Umso wichtiger sei es, Menschen auf ihrem letzten Weg kultursensibel zu begleiten. Und der Bedarf an solch einer Begleitung steigt: Nach aktuellen Schätzungen hat im Jahr 2030 etwa jeder vierte ältere Mensch in Bayern einen Migrationshintergrund, sagt Yasemin Günay. Sie hat sich schon länger auf diese Entwicklung vorbereitet.

"Vor zehn Jahren hat sich der Hospizdienst 'DaSein' dem Thema kultursensible Begleitung gewidmet, hat geschaut, was man da verbessern kann, was wir da an uns verändern können, weil wir bemerkt haben, dass wir im Verhältnis zu unseren Gesamtbegleitungen weniger Menschen mit Migrationshintergrund in der Begleitung hatten."

Yasemin Günay

So entstand die Idee zur Ausbildung speziell für Ehrenamtliche mit Migrationshintergrund. Der halbjährige Kurs, den zurzeit neun Teilnehmer aus der Türkei, Kroatien, Polen, Kroatien und China besuchen, endet im Juli. Nach einer Evaluation hofft Günay, dass die transkulturellen Bausteine des Kurses in die allgemeine Ausbildung zur Palliativ- und Hospizpflegerin integriert werden. Die transkulturelle Ausbildung, gefördert von der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern, besteht aus mehreren theoretischen Blöcken und einem Praktikum in einer Pflege- oder Palliativstation.

"In dieser Ausbildung gehen Sie sehr in die Tiefe rein, erstens in der Auseinandersetzung mit sich selbst, in der Auseinandersetzung in Bezug auf die Begleitungen in der Außenwirkung, zu schauen was bedeutet es, einen Schwerstkranken zu begleiten. Wie kann ich in denjenigen mich hineinversetzen ohne aber in ihm aufzugehen."

Yasemin Günay

Hier eine gute Trennung zu schaffen, sei nicht jedermanns Sache, sagt Yasemin Günay. Deshalb können sich die Teilnehmer auch nach der Ausbildung noch entscheiden, ob sie wirklich in die Praxis gehen wollen. Diejenigen die sich dafür entscheiden, haben zumeist nur ein paar Stunden wöchentlich zur Verfügung, da sie auch hauptberuflich noch eingebunden sind. Diese wenige, aber qualitativ wertvolle Zeit, verbringen sie mit den Kranken.

Jeder Ehrenamtlichen und jedem Ehrenamtlichen steht eine hauptamtliche Hospizfachkraft als Ansprechpartner mit Rat und Tat zur Seite. Dabei sei es nicht vorgesehen, dass die Ehrenamtlichen mit Migrationsgeschichte nur Kranke aus ihrem Kulturkreis begleiten, betont Yasemin Günay. Das will auch Filiz Bernhard nicht. Sie ist jedenfalls sehr froh, dass sie sich für die Ausbildung entschieden hat.

"Es ist wirklich schön, wenn man Menschen einfach begleiten kann. Wenn man auch nur zwei Stunden zusammen hockt und Fernsehen schaut oder einfach Karten spielt, einfach für jemanden da sein, weil es trifft uns alle irgendwann einmal."

Filiz Bernhard


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