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Lina Atfah im Portrait "Das Buch von der fehlenden Ankunft"

Die syrische Autorin Lina Atfah hat ihre Erfahrungen im Heimatland, auf der Flucht und in Deutschland in ihrem zweisprachigen Lyrikband in Poesie verwandelt.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 08.03.2019

Lina Atfah | Bild: Osman Yousufi

"Wir sterben vor Hunger, und unsere Gouverneure sterben, weil sie so voll sind. Oh Gott, fühlst du dich nicht schlecht, weil diese Dinge in deinem Namen geschehen?"

Aus einem Gedicht von Lina Atfah

Lina Atfah rezitierte diesen Ausschnitt im Jahr 2006 im Kulturzentrum ihrer syrischen Heimatstadt Salamiyya. Damals war sie 16 Jahre alt. Ihre Zeilen wurden vom Regime als "Staatsbeleidigung" und "Gotteslästerung" ausgelegt. Bei den Verhören geladen gab man ihr zwei Ratschläge: "Schreibe nichts über Politik, das ärgert uns; und schreibe nichts über Gott, das ärgert die Religiösen."

Lina Atfah erhielt damals als Strafe ein Auftrittsverbot. Das hinderte sie jedoch nicht daran, weiter zu schreiben: Gedichte und Texte über ihre Heimat, über Unterdrückung und Freiheit, Identität und Machtstreben. Literatur, wie sie von den Mächtigen der Welt seit jeher als Waffe gegen das System gefürchtet wird. Dazu kam, dass diese offenen Worte von einer Frau verfasst wurden, sagt Lina Atfah.

"In der arabischen Welt haben die Frauen nicht so viel Freiheit. Mehr Druck heißt mehr Metapher. Die Frauen leben unter Druck von der Familie, der Gesellschaft und der Regierung. Deswegen schreibt die arabische Frau mehr und mehr indirekt."

Lina Atfah

Mit fünf Jahren die ersten Verse

1989 geboren, wuchs Lina Atfah in einer großen Familie in der Kleinstadt Salamiyya im Westen Syriens auf. Schon mit fünf Jahren dichtete sie die ersten Verse. Ihre Leidenschaft für Sprache mündete schließlich in einem Literaturstudium in Damaskus. Sie schrieb für verschiedene Zeitungen und Kulturmagazine und kämpfte mit Worten gegen den wachsenden Druck des Assad-Regimes, mit dem sie immer mehr in Konflikt geriet. 2014 schließlich kam sie nach Deutschland zu ihrem Mann, einem Physiker, der Syrien bereits 2013 verlassen musste. Die Flucht vieler ihrer Landsleute über das Mittelmeer beschreibt Lina Atfah in ihrem Gedicht "Am Rande der Rettung".

"Ich beobachtete den Tod, wie er an mir vorüberging, er berührte mein Gesicht und ging weiter. Wir dachten, das Wasser sei ein Weg, aber es war nichts, außer einer Probe für die Dürre unseres Glücks."

Aus 'Am Rande der Rettung'

Eine Erfahrung, die eine große Zäsur im Leben der jungen Syrerin markierte. Lina Atfah verstummte, traumatisiert von der Flucht und von der vorangegangenen staatlichen Willkür. Es dauerte lange, bis sie in Deutschland wieder Worte fand. Als sie 2015 die Möglichkeit bekam, in Köln an einer Lesung teilzunehmen, fasste Lina Atfah neuen Mut. Sie wurde Mitglied des "Weiterschreiben-Projekts". Eines Netzwerks, das nach Deutschland geflüchteten Schreibenden den Zugang zum Literaturbetrieb ermöglicht, ihre Texte übersetzt, illustriert und veröffentlicht. Die Schriftstellerin Nino Haratischwili übernahm die Patenschaft für Lina Atfah und half ihr bei der Vorbereitung zu ihrem ersten deutsch-arabischen Lyrikband mit dem Titel des gleichnamigen Gedichts "Das Buch von der fehlenden Ankunft".

Ohne "Weiterschreiben" hätte sie diese Schritte nicht machen können, sagt die 29-Jährige, die heute mit ihrem Mann in Herne in Nordrhein Westfalen lebt. Sie habe erst in Deutschland eine gewisse Distanz zu Themen gefunden, über die sie in ihrer Heimat niemals hätte schreiben können.

"Ich versuche unterschiedliche Sachen zu schreiben, nicht nur über mein Heimatland oder meine Erinnerungen. Ich schreibe über meinen Körper, ich schreibe über Frauen, Liebe, viele neue Sachen. Ich finde in Deutschland mehr Freiheit zu schreiben, zu denken."

Lina Atfah

So begegnet man in Lina Atfahs Lyrikband auch sehr sinnlicher Lyrik, die voll poetischer Kraft die Liebe und das Frausein feiert.

Neben der sinnlichen Liebe, einem Thema das in Syrien tabu war, thematisiert Lina Atfah wortgewaltig und schonungslos ihre Flucht sowie das Ankommen und das Neudefinieren ihrer eigenen Person. Was ihr und vielen anderen widerfahren ist, wandelt sie in Poesie, der man sich kaum entziehen kann. Im "Buch von der fehlenden Ankunft" lässt die junge Lyrikerin auch das bereits Verlorene wieder auferstehen: Die Straßen ihrer Heimatstadt Salamiyya, die Geräusche, die Gerüche. Denn ein Teil ihres Herzens sei in Syrien geblieben, sagt Lina Atfah. Deshalb wünscht sie sich vor allem:

"Frieden, ich hoffe, dass auch die Völker, die Freiheit haben, die freie Wahlen haben, die Meinungsfreiheit haben, den anderen helfen, die in Unterdrückung leben. Persönlich habe ich nur eine Hoffnung, dass ich bald in Syrien leben kann, wo es keinen Al Assad gibt, keinen Iran, kein Russland, kein Amerika, keine ISIS, und wo ich Freiheit habe."

Lina Atfah

"Das Buch von der fehlenden Ankunft. Gedichte aus Syrien" erscheint am 12. März 2019 im Pendragon Verlag.


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