B5 aktuell - Das interkulturelle Magazin


11

Cihan Acar "Hawaii"

Für sein viel beachtetes Romandebüt "Hawaii" erhält Cihan Acar am 17. September 2020 den erstmals verliehenen Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung. Der Preis wird in Zusammenarbeit mit der BMW Group und der Münchener Stiftung Literaturhaus ausgelobt.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 11.09.2020

Cihan Acar | Bild: Robin Schimko

"Der Weg zum Ausgang schien immer länger zu werden. Schieb keine Filme Kemal, du kennst die Stadt, die Stadt kennt dich. Ihr müsst nur wieder zueinander finden, das dauert manchmal etwas länger aber das wird schon."

Zitat aus 'Hawaii'

Cihan Acars Protagonist und Ich- Erzähler Kemal Aslan, gerade 21 Jahre alt, kehrt nach einem Unfall, der seine Karriere als Profi-Fußballstar in der Türkei jäh beendet hat, zurück in sein Elternhaus nach Hawaii. Das ist nicht etwa auf der gleichnamigen Südseeinsel, sondern in einem Problemviertel in Heilbronn, das im Volksmund seit Jahrzehnten "Hawaii" genannt wird. Der Stadtteil, in dem hauptsächlich Einwanderer und sozial schwache Familien leben, war in den 1980er- und 90er-Jahren als Drogen- und Kriminalitätshochburg verrufen, erzählt Cihan Acar, der selbst 1986 in der Nähe von Heilbronn geboren und aufgewachsen ist. Dorthin kehrt nun sein Romanheld zurück auf der Suche nach Orientierung.

"Nach Zugehörigkeit, nach neuen Zielen und die Frage, was das Ziel sein sollte, wenn man einen großen Traum hatte, wenn man den früh verwirklicht hat, dann aber doch auf einen Schlag vor dem großen Nichts steht, wie eben der Kemal die Hauptfigur."

Cihan Acar

Dazwischen

Cihan Acar kennt die Suche nach einem Ziel im Leben nur allzu gut. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg habe es lange gedauert bis er zu seiner Berufung dem Schreiben fand, erzählt er. Seinen suchenden Protagonisten schickt Cihan Acar auf einen rauschhaften Trip drei Tage und Nächte durchs hochsommerliche Heilbronn. Ob Kemal nun in angesagten Clubs verkehrt, nach Arbeit sucht, sich auf der Gartenparty des wohlhabenden Vaters seiner Freundin herumtreibt oder sein letztes Geld im Wettbüro verliert - mittels schneller Dialoge und einem feinen Gespür für seine Figuren führt Cihan Acar seine Leser in die unterschiedlichen Milieus, die auch er selbst gut kennt.  

"Weil ich immer schon in diesen zwei Welten ganz gerne unterwegs war und beide Seiten und ihre Eigenheiten schon ziemlich früh kennengelernt hatte. Ich hatte immer genauso viele deutsche Freunde wie ich türkische Freunde hatte, habe dann aber auch von klein auf gemerkt, dass diese zwei Welten in Deutschland doch oft voneinander abgegrenzt sind. Sich in beiden Welten zu bewegen bringt viele Vorteile, kann aber mit der Zeit genauso schwer werden, vor allem bei der Orientierung, wenn man sich fragt, wo gehört man dazu, soll man sich irgendwo dazwischen positionieren."

Cihan Acar

Dazwischen muss auch Kemal, die Hauptfigur des Romans, sich immer wieder positionieren. Er sehnt sich nach Zugehörigkeit, erkennt aber am Ende, dass er weder in dem halbseidenen Umfeld seines Viertels noch im bürgerlichen Heilbronn einen Platz hat. Hat auch Kemal viel mit seinem Schöpfer gemein, ein rein autobiographischer Roman ist "Hawaii" allerdings nicht. Cihan Acar möchte sein Debüt eher als Gesellschaftsroman verstanden wissen. Auch in die Schublade des "Migranten-Autors" fühle er sich nicht wohl, so der 34-Jährige.

"Ich bin in Deutschland geboren, ich habe einen deutschen Pass und Migration an sich sehe ich jetzt nicht als etwas, was mich geprägt hat, weil ich mein ganzes Leben in diesem Land verbracht habe. Was aber wahr ist, dass ich türkische Wurzeln habe und dass dann dieser Aspekt der Identität, dass man eben Wurzeln hat, die aus einem anderen Land stammen und selbst aber in einem anderen Land aufgewachsen ist, das prägt einen natürlich schon beim Schreiben."

Cihan Acar

Seine Geburtsstadt Heilbronn beschreibt Cihan Acar als Stadt der krassen gesellschaftlichen Gegensätze. Unter dem Slogan "Heilbronn, wach auf!" rotten sich dort Rechtsradikale zusammen, denen die Ausländer im Hawaii-Viertel ein Dorn im Auge sind. Dagegen formieren sich die "Kankas", eine türkische Gruppierung, die sich hauptsächlich aus gewaltbereiten Türstehern und Boxern zusammensetzt. Aus den täglichen Reibereien zwischen den beiden Gruppen wird mit der Zeit ein regelrechter Krieg auf den Straßen. Heftige Ausschreitungen, Zerstörungen und mutwillig gelegte Brände legen Hawaii schließlich in Schutt und Asche.

"Wenn man sich aktuell die Nachrichten anschaut, dann muss man eigentlich traurigerweise sagen, dass es Realität ist heutzutage. Wenn man sieht, dass Rechtsextreme sich in Massendemos einschleichen und vorm Reichstag sich versammeln und dort aufmarschieren können, dann sieht man einfach, das sind gefährliche Phänomene die Realität sind, denen man sich stellen muss und mir gings da hauptsächlich dann darum, dass ich solche Entwicklungen, die einem auch Sorge bereiten durch mein Schreiben auch etwas zuspitzen wollte."

Cihan Acar

Aufgeheizte Zeiten

Alltäglicher Rassismus und Chancenungleichheit sind die hochaktuellen Themen, die Acar ebenso beiläufig wie markant in Szene setzt, so die Begründung der Jury der Doppelfeld-Stiftung, die Cihan Acar für seinen Erstling mit dem Literaturpreis ausgezeichnet hat.

"Ich glaube wir leben in sehr aufgeheizten Zeiten gesellschaftlich und politisch, in denen solche Fragen und ihre Antworte immer dringender werden und es immer wichtiger wird sich zu positionieren. Ich denke, gerade in solchen Zeiten ist es dann um so schwieriger für junge Menschen, die jetzt eher mit sich selbst beschäftigt sind, die Fragen nach dem großen Lebensziel, nach dem Lebenssinn für sich selbst noch nicht beantwortet haben, wie eben die Hauptfiguren des Romans. Dieses Zusammenspiel zwischen Identitätssuche und Orientierung innerhalb der Gesellschaft, das wollte ich eigentlich hauptsächlich an der Geschichte aufzeigen."

Cihan Acar

Tatsächlich ist dem Autor mit einer ausgewogenen Mischung aus Fiktion und Fakten eine packende Momentaufnahme von Deutschland gelungen, in der sich die Sehnsucht einer ganzen Generation spiegelt. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

"Hawaii" von Cihan Acar ist bei Hanser Verlag erschienen.


11