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"Weil ich hier leben will..." Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas

In dem Buch "Weil ich hier leben will" erzählen junge jüdische Autoren, wie sie den Alltag in Deutschland erleben und was sie über die Erinnerungskultur denken. Aber auch, wie und warum sie nach Deutschland gekommen sind.

Von: Julia Smilga

Stand: 02.11.2018

Aktion "Kopf hoch" in Berlin | Bild: picture-alliance/dpa

Olga Osadchy war zehn, als sie mit ihren Eltern aus der Ukraine nach Deutschland auswanderte:

"1996 sind wir in diesen Bus gestiegen, jeder mit einem Koffer ausgestattet, sind nach Deutschland gefahren, und es war klar – in diesen Bus dürfen wir nur einsteigen, weil meine Mutter Jüdin ist und ich folglich auch Jüdin bin."

Olga Osadchy

Heute erinnert sich die 32-jährige Kulturwissenschaftlerin in ihrem Essay "Wie ich in einen Bus stieg und Jüdin wurde" an die Anfänge in Deutschland und ihren Weg zum Judentum.

"Vorher spielte das Jüdische keine signifikante Rolle - es war eher so ein abstrakter Begriff. Man wusste, dass man damit zu tun hatte als Familie. Aber es war nichts, was irgendwie artikuliert wurde. Und nach dieser Busreise, eigentlich mit den ersten Schritten auf deutschem Boden in Potsdam war das 'Jüdisch sein' ein Teil von mir. Man musste fast von einer Identitätsverschiebung sprechen, die da auf dieser Busreise passiert ist."

Olga Osadchy

Dass Olga Osadtschy heute sich als Jüdin fühlt, die Feiertage in der Baseler Synagoge mitfeiert und ihre Tochter in einen jüdischen Kindergarten schickt - all das hat auch viel mit dem ELES  zu tun, dem jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk. Die Stipendiaten werden nicht nur bei Ihrem Studium finanziell unterstützt, sondern erleben bei gemeinsamen Reisen und Seminaren das "Jüdisch sein" in verschiedenen Facetten. Auch Politisches nimmt Olga Osadchy von den Seminaren mit. Denn als Jude in Deutschland muss man, wenn auch oft unfreiwillig, Experte vor allem für Politik Israels sein, so Osadchy.

Holocaust, Antisemitismus, Israels Politik - das sind meistens die Themen, auf die man Juden in Deutschland reduziert. Die essayistischen Beiträge in dem Sammelband "Weil ich hier leben will - Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas" widersprechen solchem Schubladendenken. Die Autoren und Autorinnen, allesamt Stipendiaten des jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, wollen sich in die gesellschaftliche Debatte einbringen. Sie sind gegen politische Ausnutzung, die Politiker gern mit Aussagen wie "christlich-jüdische Prägung Deutschlands" betreiben. Sie beweisen mit ihren Texten: Es gibt ein modernes, buntes, lebendiges deutsches Judentum außerhalb der Gedenktagen-Kultur. Die junge jüdische Gemeinde ist heute multikulturell wie noch nie: Nachkommen der in den 1990-er Jahren eingewanderten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, junge Israelis, für die Berlin ein neuer Anziehungspunkt ist. Oder junge jüdischen Migranten wie Yan Wissmann aus Brasilien. Der Urenkel eines Stuttgarter Gemeindevorsitzenden studiert heute in Berlin Politikwissenschaft. Daneben recherchiert Yan Wissmann auch die eigene Familiengeschichte.

"Diese deutsche Vergangenheit war da, aber man hat sich in Brasilien ein neues Leben aufgebaut und die Generation danach hat sich mit dem Thema nicht unbedingt beschäftigt. Ich aber schon, weil ich zurück in das Land kam, in dem alles angefangen hat, sozusagen. Ich kam dann auf das Buch, welches mein Uropa Julius Wissmann geschrieben hat, in dem er erzählt, was er alles gemacht hat, um Menschen aus Deutschland zu bringen. Und das alles hat mich sehr beeindruckt."

Yan Wissmann

Yan Wissmann sieht mittlerweile in Deutschland seine neue Heimat. Als Jude in Deutschland zu leben, das sei für den 26-Jährigen ganz normal. Widersprüche ob düsterer Vergangenheit stellen sich für ihn nicht.

"Wenn man diesen Gedanken hat, dann sollte man die gesamte Gemeinde schließen und wir sollten alle woanders hin. Es gibt keinen Grund, sich das immer wieder zu fragen. Ich unterhalte mich mit sehr vielen Juden und die meisten sind sehr zufrieden mit dem Land. (...) Wenn man auf der Straße ist, sieht man, dass es im Vergleich zu anderen Ländern hervorragend läuft."

Yan Wissmann

Und der in Deutschland erstarkende Antisemitismus? Den habe Yan Wissmann zwar selber bis jetzt noch nicht persönlich erlebt, aber oft darüber von anderen gehört. Seine Stellung dazu ist nüchtern und politisch zugleich

"Antisemitismus wird es immer geben, solange es Juden gibt, es ist genauso wie mit anderen Rassismen. (..) Wir werden diesen Antisemitismus nicht vernichten können, das ist eine Utopie. Das Relevante in dieser Diskussion ist, ob der Staat dagegen agiert oder nicht und welche Maßnahmen man ergreift, um das Problem zu lösen, um diesen Menschen eine Strafe zu vermitteln."

Yan Wissmann


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