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Notwendig oder diskriminierend? Streit um den Begriff Migrationshintergrund

Im Alltag werde der Begriff Migrationshintergrund meist stigmatisierend verwendet, kritisieren ForscherInnen. Andere betonen: Nur mit Hilfe des Begriffs lasse sich Diskriminierung sichtbar machen.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 05.08.2020

Jungen, die zu einer Sportmannschaft gehören, stehen gemeinsam am Brandenburger Tor. Einige von ihnen haben Migrationshintergrund, andere nicht.  | Bild: picture-alliance/dpa

Migrationshintergrund - über dieses Wort, das sie vom Teil der Deutschen ohne Migrationshintergrund segregiert, ärgert sich die Journalistin und Publizistin Ferda Ataman schon lange:

"Ich werde manchmal betrachtet als jemand mit migrantischen Vorfahren, als Ausländerin, als Ursprungsausländerin, als Frau vom Stamm der Ausländer, wie ich es gerne nenne und andere eben nicht."

Ferda Ataman, Journalistin

Ferda Ataman ist Vorsitzende der "Neuen deutschen MedienmacherInnen" und Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen", einem migrantischem Netzwerk von mehr als 120 Initiativen, die sich bundesweit für Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe einsetzen.

Ausdruck des Ausschlussen

Mit ihrem Buch "Ich bin von hier. Hört auf zu fragen" löste Ferda Ataman im letzten Jahr eine bundesweite Debatte über Zugehörigkeit aus. Der Begriff "Migrationshintergrund", der im Jahr 2005 mit dem Mikrozensusgesetz als statistische Kategorie eingeführt wurde, sei im alltäglichen Gebrauch längst ein Ausdruck des Ausschlusses geworden, sagt die Journalistin.

"Der Begriff Migrationshintergrund ist nicht politisch korrekt, sondern fachlich korrekt. Also wer Leute noch Ausländer nennt, die gar keine Ausländer sind, der redet halt Quatsch. Aber die Frage ist ja tatsächlich, warum muss man betonen, dass die einen Deutsche ohne Migrationshintergrund sind und die anderen mit Migrationshintergrund?"

Ferda Ataman, Journalistin

Ausdruck des Ausschlusses

Eigentlich sollte "Migrationshintergrund" den Begriff "Ausländer" in der Statistik ersetzen. Denn durch die zunehmende Einbürgerung wurden Ausländer über die Jahre für den Zensus unsichtbar. Hinzu kam, dass immer mehr Kinder mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurden.

"Dadurch kippte die Statistik und dann wollte man sehen: Was passiert eigentlich mit den Leuten die eingebürgert sind? Was ja eigentlich ein sehr starkes Kriterium für Integration ist. Damit man das überhaupt messen oder sichtbar machen kann, brauchte es diese neue statistische Kategorie: den Migrationshintergrund."

Ferda Ataman, Journalistin

Eine Kategorie, die seitdem auch andere Erhebungen nutzen. Die Pisa-Studien etwa oder die Arbeitsmarktforschung. Um aber Diskriminierung im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt abzubilden, sei sie jedoch keinesfalls geeignet, sagt Dr. Anne-Kathrin Will, die derzeit am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin zur Kategorie des Migrationshintergrundes forscht.

"Ich fordere, dass überhaupt erst mal diskutiert wird, wie die Kategorie Migrationshintergrund abgegrenzt wird. Um dann weiter zu überlegen: Was ist diskriminierungsrelevant?"

Dr. Anne-Kathrin Will

Die knapp 21 Millionen Bürger und Bürgerinnen, die heute unter dem Begriff "Menschen mit Migrationshintergrund" zusammengefasst werden, stellen keineswegs eine homogene Gruppe da, so Anne-Kathrin Will. Darunter fällt der Berliner mit spanischer Mutter oder die in Deutschland geborene und aufgewachsene Tochter einer türkischen Gastarbeiterin.

"Diese Personen sind hier aufgewachsen, es sind vielleicht noch nicht mal die Eltern zugewandert, sondern die Großeltern. Irgendwann werden die Urgroßeltern zugewandert sein und da müssen wir uns als Einwanderungsland die Frage stellen, ob wir uns das leisten können, dass wir Leute so ausschließen."

Dr. Anne-Kathrin Will, Ethnologin

"Die Frage, die man sich ja vorher immer stellen muss ist, wozu brauche ich eine Statistik? Und wenn sie jetzt dazu führt, dass die Polizei in Stuttgart sagt: Aber wir wollen jetzt schon wissen, wer von den Tätern jetzt einen Migrationshintergrund hat, weil man eben sagen können möchte, es gab weniger echte Deutsche unter den Tätern als Deutsche mit migrantischen Vorfahren - dann hat das halt ein starkes Gschmäckle."

Ferda Ataman, Journalistin

Schwierige Suche nach Alternativbegriffen

Wie also mit dem Begriff des Migrationshintergrundes umgehen? Vielleicht einfach ganz abschaffen?

"Begriffe, die eigentlich eine wichtige Funktion haben, sollte man nicht abschaffen ohne sie zu ersetzen. Und da der Migrationshintergrund eine statistische Größe ist, kann man ihn auch nicht sofort ersetzen. Wir müssen erst mal lernen, dass wir nicht mehr zwischen genetischen Deutschen und zugewanderten Deutschen per se unterscheiden sollten, es sei denn, wir sprechen über Diskriminierung und Rassismus. Und dann kann man es auch anders machen, als wir es im Moment tun."

Ferda Ataman, Journalistin

Generell sei es wichtig, die Leute zu fragen, wie sie sich selbst gerne bezeichnen würden. Ferda Ataman und die Neuen Deutschen Organisationen schlagen deshalb vor, statt Migrationshintergrund andere Ausdrücke zu verwenden, wie etwa "Menschen aus Einwandererfamilien".


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