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Deutschsein neu definiert Ali Can: "Mehr als eine Heimat"

Der Autor und Sozialaktivist Ali Can zeigt in seinem neuen Buch "Mehr als eine Heimat" anhand seiner eigenen Biographie und der seiner Eltern, dass es durchaus möglich ist, mehrere Heimaten zu haben.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 10.10.2019

Ali Can | Bild: Milena Schlösser

"Man kann ja zum Beispiel in ein anderes Land emigrieren und wieder ein neues Zuhause aufbauen und neue Arbeit finden, sich selbst verwirklichen. Sobald wir uns mit dem Begriff der Heimat und dessen Bedeutung auseinandersetzen, werden wir merken, dass man das eigentlich an jedem Platz der Erde haben kann."

Ali Can

Ali Can hat sich so eine Heimat in Deutschland aufgebaut, nachdem er 1995 im Alter von zwei Jahren als Sohn einer kurdisch-alevitischen Familie mit seinen Eltern aus der Türkei fliehen musste. Sie suchten in Deutschland Asyl, weil sie in ihrer Heimat diskriminiert wurden. Obwohl sich Ali Can hier heimisch fühlte, hat ihm die Gesellschaft aber aufgrund seiner kurdischen Wurzeln, seines Aussehens und seines Namens, immer wieder vermittelt, dass er anders sei.

#MeTwo

Schon damals habe er um Akzeptanz gekämpft, sagt Ali Can. Auch sein Studium Deutsch für Lehramt war ein Versuch sich gegen das Vorurteil zu wehren, als Bürger mit Migrationsgeschichte die deutsche Sprache nicht zu beherrschen. Das Gefühl des Andersseins ist dennoch geblieben. Es gab unter anderem den Ausschlag zum Hashtag #MeTwo, den Ali Can vor einem Jahr auf Twitter ins Leben rief. Damit löste er eine deutschlandweite Debatte über Alltagsrassismus aus. Unter #MeTwo, was für zwei Identitäten steht, teilten viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte ihre Erfahrungen, erzählten von Erniedrigungen in der Schule, im Job, im Bus oder auf der Straße.

"Nach der #MeTwo Kampagne habe ich mir ganz viele Fragen gestellt: Ist Deutschsein eigentlich das Ziel einer Integration? Oder was bewirkt Rassismus bei Menschen bei der Integration? Und ich habe tatsächlich gemerkt, dass dieser Alltagsrassismus Menschen daran hindert, eine zweite Heimat zu haben. Wenn man jedes Mal signalisiert bekommt, dass man nicht Deutsch aussehe und man eigentlich aus dem Ausland ganz bestimmt kommen müsste oder die Eltern, dann fühlt man sich irgendwann immer verbal ausgebürgert."

Ali Can

Die #MeTwo Debatte hat ihm vor allem eines gezeigt: Dass tausenden Menschen hierzulande vermittelt wird, sie seien nicht wirklich Deutsche. Manchmal einfach schon durch die einfache Frage, woher kommst du? Die Frage nach der Herkunft, die jüngst heftig in Artikeln, Büchern und Talkshows diskutiert wurde, könne für Menschen wie ihn, die Deutschland als ihre Heimat betrachten, sehr verletzend sein, sagt Ali Can. In seinem Buch fordert er deshalb mehr Sensibilität.

"Für die Situation und für den Kontext, in dem wir Menschen kennenlernen und vielleicht uns auch fragen sollten, ist es da wichtigste was ich zu Beginn fragen muss? Ist es vielleicht nicht wichtiger, erst mal über andere Dinge zu reden. Statt 'Woher kommst du?' 'Wie geht es dir?'"

Ali Can

Ab wann spielt die Frage, woher man kommt, keine Rolle mehr? Ab wann ist ein Flüchtling kein Flüchtling, ab wann ein Migrant kein Migrant mehr, sondern ein Nachbar, ein Kollege oder gar ein Deutscher, fragt sich Ali Can. Was ist Deutschsein überhaupt?

"Es ist einfach eine nationale Kategorie, die sowieso eigentlich nur Formalie ist, also keiner von uns sollte sich als Deutscher einfach vorstellen, was soll das über einen aussagen? Also nicht jeder Deutsche ist pünktlich, nicht jeder Deutsche sorgt für Sorgfalt oder Ordnung, nicht jeder kann die Sprache sehr gut beherrschen und sprechen, und nicht alle haben schon immer hier gelebt."

Ali Can

Ali Can fordert eine Neudefinition des Deutschseins. Vielfalt sei das neue "Made in Germany", so das Fazit in seinem Buch. Aufgrund eigener Erfahrungen und den Gesprächen mit einer Reihe bekannter Migrationsforscher, wie etwa Haci-Halil Uslucan, Aylin Karabulut oder Karim Fereidooni kommt Ali Can zum Schluss, dass Heimat letztendlich die Werte sind, die wir teilen. Er wünscht sich für die Zukunft einen offenen konstruktiven Dialog über diese Werte, der alle miteinschließt, die hier leben und die Gesellschaft mitgestalten.

"Wir möchten ankommen, wir möchten Freunde finden, und wir möchten auch zusätzlich zu der eigenen Heimat in einem anderen Land, in einer anderen Stadt, wie auch immer, ein neues Zuhause finden. Mein Buch ist eine Ermutigung, dass man Menschen einlädt und ihnen die Chance gibt, hier eine zweite oder dritte Heimat zu finden. Ich glaube, dass wir alle davon profitieren werden."

Ali Can


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