B5 aktuell - Das interkulturelle Magazin


5

Alex Wheatle "Home Girl"

Alex Wheatle schreibt Geschichten über und für Jugendliche, die, wie er selbst, aus zerrütteten Familien kommen und unweigerlich auf die schiefe Bahn geraten. Seine Bücher hat der Autor in Crongton angesiedelt, einem fiktiven Stadtviertel, das sehr an seine Heimat, an Londons Einwandererviertel Brixton erinnert.

Von: Dagmara Dzierzan

Stand: 29.04.2020

Buchcover "Home Girl" von Alex Wheatle | Bild: Antje Kunstmann Verlag, Montage: BR

In wie vielen Pflegefamilien sie inzwischen untergebracht war, weiß Noami nicht mehr. Und eigentlich auch nicht, ob alle wirklich so schlimm waren, wie sie ihrer Sozialarbeiterin Louise weißgemacht hat. Aber wenn ein tiefverletztes 14-jähriges Mädchen niemandem mehr vertraut, außer vielleicht ihren ebenso enttäuschten, ebenso verbitterten, ruppigen Freundinnen, finden sie zusammen immer etwas, was "gar nicht geht". In dem amerikanischen Fürsorgesystem besuchen Noami und ihre beiden Freundinnen, besser ihre einzigen Verbündeten, eine Sondereinrichtung anstatt einer Schule, in der sich die Jugendlichen prügeln, ihre Sozialarbeiter anbrüllen und verachten, und sich als Dreierclique doch gegenseitig zu beschützen versuchen.

Ein Anlass für die Prügelei zwischen Naomis Freundin Kim und ihrer Feindin Cassandra ist scheinbar lächerlich: Naomi kommt an einem Montag mit winzigen Zöpfchen in die Sondereinrichtung, wie sie vor allem von schwarzen Mädchen getragen werden. Ihre neue Pflegemutter hat sie mühevoll geflochten, eine Schwarze, die Naomi zu mögen beginnt. Auch Cassandra ist schwarz und hat was dagegen, dass weiße Mädchen den Style der Schwarzen kopieren, ihnen etwas wegnehmen, wie sie meint.  

Rassismus zieht sich in Alex Wheatles Roman "Home Girl" wie ein alarmierender roter Faden durch die Handlung. Der Autor, der größtenteils selbst in Heimen aufgewachsen ist, dreht die Situation, die er in den 1960er Jahren als schwarzer Junge am eigenen Leib erfahren haben muss, gewissermaßen um: Nun ist es seine eloquente, freche und doch höchst empfindliche Ich-Erzählerin Naomi, die als Weiße von einigen Schwarzen abgelehnt, angegriffen, ausgeschlossen wird.

Endlich beginnt sie sich wohlzufühlen in einer Pflegefamilie, sich mit den Kindern anzufreunden, bei den Pflegeeltern Sicherheit und Akzeptanz zu spüren. Mit allen kommt sie klar, außer mit dem Großvater, einem aus Jamaika stämmigen Einwanderer, der Martin Luther King wie eine Ikone verehrt und seine eigenen Verletzungen als Schwarzer nie verwunden hat.

Tony, der Pflegevater, versucht seinem Dad klarzumachen, dass auch Naomi ein vernachlässigtes, verängstigtes Kind ist, dass auch sie ein Zuhause und Fürsorge braucht, genau wie viele verwaiste schwarze Kinder, und erinnert ihn an die Rede von Martin Luther Kind.

"Ich kenne sie auswendig: 'Jetzt ist die Zeit, Gerechtigkeit für alle Kinder Gottes Wirklichkeit werden zu lassen'. Das hat er gesagt, Dad. Für alle Kinder Gottes. Ob schwarz, ob weiß, egal. Vielleicht solltest du die Rede nochmal lesen."

Aus 'Home Girl'

Trotz des unterschwelligen Alltagsrassismus gelingt es den schwarzen Pflegeeltern Naomi spüren zu lassen, dass sie ihnen wichtig ist, dass sie sie und ihre Bedürfnisse ernst nehmen. Unter ihrem Einfluss beginnt das junge Mädchen zu tanzen, findet einen Anker in ihrer Leidenschaft für Breakdance und Musik - so wie der Autor Alex Wheatle als 16-Jähriger ein Reggae Soundsystem gründete, das ihm half, seine Traumata zu heilen und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. 

 


5