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Aladin El Mafaalani "Mythos Bildung"

Für den Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani ist die Schule der falsche Ort, um Ungleichheit zu bekämpfen und gesellschaftliche Probleme zu lösen. Schule muss neu gedacht werden, fordert der Osnabrücker Professor in seinem neuen Buch "Mythos Bildung".

Von: Roswitha Buchner

Stand: 28.02.2020

Aladin El-Mafaalani | Bild: Mirza Odabaşı

"Bildung ist ein Mythos, weil es ein unbestimmbarer Begriff ist, der sehr unterschiedlich definiert und verstanden wird und der dann ganz oft herhalten muss, wenn man eigentlich nicht mehr weiterweiß."

Aladin El- Mafaalani

Viele denken, mit mehr Bildung gäbe es in unserer Gesellschaft weniger Probleme, schreibt Aladin El- Mafaalani in seinem kürzlich erschienenen Buch "Mythos Bildung". Faschistische Vereinigungen würden von selbst verschwinden oder Fake-News würden schneller erkannt werden. All das soll Bildung richten.

"Dabei ist das Bildungssystem selber eine gesellschaftliche Institution, die Ungleichheit überhaupt erst legitimiert und das wird viel zu häufig nicht gesehen oder zumindest sehr verkürzt begriffen."

Aladin El- Mafaalani

Zu glauben, Bildung würde all unsere gesellschaftlichen Probleme lösen, sei ein Irrtum sagt Aladin El- Mafaalani. Als Erziehungswissenschaftler und Vater kennt er das deutsche Bildungssystem aus verschiedenen Perspektiven. 1978 als Kind syrischer Eltern in Deutschland geboren, unterrichtete er nach seinem Studium der Wirtschafts-, Politik- und Erziehungswissenschaft als Lehrer an  Berufs- und Fachhochschulen. Zwar hätten diverse Bildungsoffensiven in Deutschland viel bewirkt, zugleich aber auch neue Ungleichheit erzeugt. Heutzutage beispielsweise gehen nur noch zehn Prozent eines Jahrgangs auf die Haupt- bzw. Mittelschule. Gleichzeitig ist der Anteil der Gymnasiasten von 16 Prozent im Jahr 1960 auf 40 Prozent gestiegen.

"Das ist erst mal nicht per se schlecht, aber dadurch wurden Abschlüsse entwertet. Und man muss sich dann natürlich fragen, was machen jetzt noch Hauptschulabsolventen oder auch Menschen mit einem mittleren Anschluss?"

Aladin El- Mafaalani

Für Gerechtigkeit sorge diese "Bildungsexpansion" jedenfalls nicht, sagt Aladin El- Mafaalani, der heute als Professor für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück tätig ist.

Das könne man im Prinzip so verstehen, dass sich eigentlich durch die Bildungsexpansion seit den 1960ern für alle die Chancen erhöht haben, aber der Effekt ist in etwa so, als würde man für alle das Einkommen verdoppeln, aber der Unterschied zwischen den Menschen, also die ungleichen ökonomischen Verhältnisse, hätte man damit ja nicht beseitigt, sondern einfach nur für alle mehr Geld. Und dann kann es zur Inflation kommen und dann werden bestimmte Geldscheine entwertet, gerade die kleinen Geldscheine sind dann fast gar nichts mehr wert und die großen Geldscheine gewinnen an Bedeutung.

Überträgt man das auf Schulabschlüsse, bedeute dies, dass bei gleicher Förderung die reichen Kinder dennoch im Vorteil seien, so der Erziehungswissenschaftler. Dazu komme, dass Kindern aus sozial schwächeren Milieus nicht nur ökonomische, sondern auch soziale und kulturelle Ressourcen fehlten. Ihnen werde beispielswiese weniger vorgelesen, sie besuchten mit ihren Eltern keine Theater oder Konzerte und könnten ihr Wissen nicht auf Reisen vergrößern.

"Wir haben sehr ungleiche Kindheiten und sehr ungleiche Familienverhältnisse und in der Schule selbst findet kein Ausgleich statt. Die Schule reproduziert die vorhandenen Ungleichheiten in unserer Gesellschaft."

Aladin El- Mafaalani

Privilegierte Kinder, die schon von Haus aus mit einem großen Bildungsvorteil starten, bekommen in der Folge auch die besseren Zeugnisse, die die ungleichen Startchancen wiederum legitimieren. Armut und Bildungsferne der Eltern brächten den Kindern mehr Nachteile als etwa ein Migrationshintergrund, sagt El- Mafaalani. Wenn Kinder aus sogenannten "bildungsfernen" Schichten dennoch den höheren Bildungsweg einschlagen, ist das mit großen Mühen verbunden. Sie sind oft die ersten aus ihrer Familie, die das Abitur machen, ihre Eltern können sie nicht bei den Hausaufgaben unterstützen. Sie müssen sich allein durchs Studium beißen und auch nach dem Studium haben sie es schwerer als Kinder von Akademikern in der Arbeitswelt Fuß zu fassen.

"Soziale Ungleichheit lässt sich lebenslang nachweisen, also von der Kita bis zur Hochschule und danach auch bei Karriereverläufen usw. Wenn man es also drastisch ausdrücken will, dann wirkt der Herkunftseffekt lebenslänglich."

 Aladin El- Mafaalani

Wie aber lässt sich dieser soziale "Herkunftseffekt" überwinden?  Aladin El- Mafaalani schlägt als Lösung neben Gesamtschulen, die später selektieren, einfache, pragmatische Maßnahmen in den schon bestehenden Bildungseinrichtungen vor. So fordert er etwa die Einführung der Ganztagsschule, in welcher die Nachmittage von einem multiprofessionellen Team gestaltet werden.

"In einer idealen Schule erleben Kinder alles, was die Welt zu bieten hat und zwar nicht nur von Lehrkräften und nicht nur im Unterricht, sondern von ganz viel professionell arbeitenden Menschen, die genau schauen können was vor Ort gebraucht wird und die sich um die Kinder kümmern und zwar nicht zwei Schulsozialarbeiterinnen für eine ganze Schule, sondern ich mein wirklich großes Team, das eine eigene Agenda hat."

Aladin El- Mafaalani

Künstler etwa, Theatermacher, Musiker oder Jugend-Coaches aus lokalen Sportvereinen. Mit deren Hilfe könne man Lehrer von ihren administrativen Aufgaben befreien, damit sie sich dann wieder auf ihr Kerngeschäft, das Unterrichten, konzentrieren könnten. Solch eine Umstrukturierung des Bildungssystems könne aber nur von staatlicher Seite geleistet werden.

"Der Staat ist der einzige Akteur, der über alle Familien, über alle sozialen Probleme hinweg alle Menschen erreichen kann und entsprechend für einen Ausgleich sorgen kann. Es darf eben nicht sein, dass die Tatsache oder der Zufall, in welcher Familie man aufwächst die Chancen determiniert."

Aladin El- Mafaalani

Podiumsdiskussion mit Aladin El- Mafaalani am 5. März 2020 in der MVHS Einsteinstr. 28 um 19:00 Uhr.


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