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Angststörungen Das Problem ist die Angst vor der Angst

Das Gefühl der Angst zu kennen, ist lebenswichtig. Wer sich nie fürchtet, überschätzt seine Kräfte schnell. Wer allerdings vor jeder Herausforderung kneift, blockiert sich selbst. Aber das richtige Maß lässt sich nicht so leicht definieren. Denn jeder Mensch ist anders. Was manche lockt, schreckt andere ab. Und wegen Feigheit wird niemand zum Arzt gehen. Da muss schon mehr zusammenkommen.

Von: Justina Schreiber

Stand: 18.04.2018

Porträt eines verängstigt dreinschauenden Mannes mittleren Alters. | Bild: picture-alliance/dpa

Angststörungen gehören nach Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. 15 bis 20 Prozent der Deutschen leiden im Laufe ihres Lebens an behandlungsbedürftigen Panikattacken oder Phobien. Aber nicht jeder macht gleich eine Therapie. Viele versuchen erst einmal, die angstauslösenden Situationen zu umgehen.

Wieviel Angst ist noch normal?

Angst oder Befürchtungen zu haben, ist etwas durch und durch Normales. Deshalb gilt ein "mulmiges Gefühl", das sich aushalten lässt, noch nicht als Anzeichen einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Erst wenn die Angst der Situation nicht mehr angemessen ist oder sie länger anhält, als es "üblich" wäre und wenn sie die Betroffenen im Leben einschränkt, beginnt in der Regel eine Leidensgeschichte.

Problem Nummer 1: Die Angst vor der Angst

Oft entstehen die Probleme erst durch die Angst vor der Angst. Viele Menschen mit unbehandelten Angststörungen entwickeln ein Vermeidungsverhalten. Sie gehen den Auslösern ihrer Ängste und unangenehmen Situationen aus dem Weg. Das ist im Prinzip eine natürliche Reaktion. Aber so reduzieren sich meist Kontakte und Aktivitäten. Der individuelle Bewegungsradius schränkt sich ein. Hinzu kommt: die Angst vor der nächsten Angstattacke belastet.

Problem Nummer 2: Depressionen als Folge

Das Vermeidungsverhalten befördert den Rückzug aus dem "normalen" Alltagsleben. Mit der sozialen Isolation jedoch wächst das Risiko einer Depression. Umgekehrt haben depressive Menschen oft Ängste, vor allem Zukunftsängste. Bei der Diagnostik muss also unterschieden werden, ob zuerst die Angst oder die Depression da war.

"Wenn die Angst ausgeprägt ist, bedrückt das die Betroffenen natürlich. Die Kollegen gehen zum Bergsteigen. Und ich habe eine Angststörung und sage: 'Geht mal lieber ohne mich.' Deswegen gibt es eine Diagnose, die heißt: Angst und Depression gemischt, also halb / halb. Aber in der Regel entscheiden wir Fachleute uns für die Störung, deren Symptome weit im Vordergrund stehen."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Generell gilt: Menschen mit Angststörungen haben

  • keine depressive Grundstimmung, zumindest am Anfang
  • keine Antriebsstörung, also keine Probleme, sich zu motivieren
  • keine "fremd" wirkenden, zwanghaften Rituale oder Tics

Problem Nummer 3: Es droht Suchtgefahr

Nicht wenige Menschen mit Angststörungen greifen in ihrer Not zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln, weil sie die kurzfristig angstlösende Wirkung der Substanzen schätzen. Allerdings bewirken diese Selbsthilfeversuche - langfristig betrachtet – zwar durchaus Lernerfolge, aber leider keine positiven:

"Viele Menschen stellen fest, dass z. B. ihre Schüchternheit verschwindet, wenn sie Alkohol trinken oder Cannabis rauchen. Und wenn sie das oft tun, dann macht ihr Hirn einen Lernprozess durch. Es gewöhnt sich an die Substanz. Und irgendwann braucht man dann gar keine Angst mehr, um den Alkohol zu trinken oder den Cannabis zu konsumieren. Und dann steht man mit zwei Beinen in der Sucht."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald


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