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Beckenboden, Training App, Physiotherapie, OP: Was hilft bei Beckenbodenschwäche?

Eine schlaffe Beckenbodenmuskulatur kann zahlreiche Beschwerden verursachen: von gelegentlichem Urinverlust bis zu Inkontinenz, von Einschränkungen bei Sport und Sexualität bis zu häufigen Harnwegsinfekten und Unterleibsschmerzen. Etwa 30 Prozent der Frauen bekommen im Laufe ihres Lebens solche Probleme. Gesundheit! zeigt, in welchen Fällen der Beckenboden durch spezielles Training gestärkt werden kann und wann eine OP sinnvoll ist.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 29.01.2019

Der Beckenboden ist eine Muskelschicht, die den Unterleib abschließt und stützt. Beim Lachen oder Niesen spannt er sich automatisch an, oder wenn sich die Blase langsam füllt. Auch bei der Sexualität spielt er eine Rolle. Solange alles automatisch funktioniert, gibt es kein Problem.

Probleme bei geschwächtem Beckenboden

Beckenbodenschwäche: Organe senken sich ab und belasten die Muskulatur.

Doch ein geschwächter Beckenboden kann zu Problemen führen, weiß Beckenbodenspezialistin Prof. Ursula Peschers vom Isarklinikum München: von gelegentlichem Urinverlust bis zu Inkontinenz, von Einschränkungen bei Sport und Sexualität, bis zu häufigen Harnwegsinfekten und Unterleibsschmerzen.

"Beckenbodenprobleme sind sehr häufig. Etwa 30 Prozent der Frauen entwickeln im Laufe ihres Lebens entweder eine Inkontinenz oder eine Senkung oder beides. Und etwa 10 Prozent aller Frauen werden deshalb mindestens einmal im Leben operiert."

Prof. Dr. med. Ursula Peschers, Gynäkologin, Bayerisches Beckenbodenzentrum, München

Physiotherapie: bei Belastungsinkontinenz erfolgversprechend

Inge H. kennt sich mit dem Thema gut aus. Fünf Geburten haben ihren Beckenboden beansprucht. Mit den Wechseljahren verschlechterte sich die Situation zusätzlich. Sie verlor immer häufiger immer mehr Urin: beim Niesen und Husten, aber auch beim Sport.

Beckenbodenschwäche: Wann und wie kann Physiotherapie helfen?

Bei der sogenannten Belastungsinkontinenz, wenn vor allem bei körperlicher Belastung Urin abgeht, kann Physiotherapeutin Anna Dworzak gut helfen. Sie hat sich auf die Behandlung von Beckenbodenpatientinnen spezialisiert. Bei der individuellen Physiotherapie geht es nicht um komplexe Übungsabläufe, sondern darum, dass die Patientinnen lernen, ihren Beckenboden überhaupt wahrzunehmen, ihn willkürlich anzuspannen und loszulassen.

"Das Wichtigste an der ganzen Sache ist, dass man kontrolliert, ob die Patientin das richtig macht. Das heißt in meinem Fall: Ich mache eine vaginale Untersuchung, ich taste von der Scheide aus, ob die Patientin den Beckenboden richtig anspannen kann, ob sie richtig loslassen kann. Erst wenn das richtig funktioniert, kann man mit Übungsprogrammen beginnen für den Beckenboden."

Anna Dworzak, Physiotherapeutin, München

Nach circa drei Monaten stellen sich meist erste Erfolge des Trainings ein. Doch nicht alle Patientinnen erreichen damit ein für sie zufriedenstellendes Ergebnis.

"50 Prozent der Patientinnen kommen mit einer physiotherapeutischen Behandlung klar, 50 Prozent aber auch nicht, und für die ist halt so eine OP wunderbar geeignet."

Prof. Dr. med. Ursula Peschers, Gynäkologin, Bayerisches Beckenbodenzentrum, München

Probleme mit dem Beckenboden und operative Therapie

Wann ist eine Operation bei Beckenbodenproblemen angezeigt?

Eine Operation kommt für Frauen mit einer Belastungsinkontinenz in Frage, wenn die Physiotherapie nicht hilft. Dabei wird in einem kleinen operativen Eingriff eine Kunststoffschlinge um die Harnröhre gelegt, um sie aufzurichten und den Beckenboden zu entlasten.

"Die Erfolgsaussichten liegen kurzfristig bei 90 Prozent. Also 90 Prozent der Patientinnen sind nach drei Monaten zufrieden, verlieren keinen Urin mehr, haben keine wesentlichen Komplikationen. Die Langzeiterfolgsaussichten liegen nach allen Studien, die wir haben, bei etwa 75 bis 80 Prozent. Das liegt daran, dass sich die Frauen im Laufe ihres Lebens verändern."

Prof. Dr. med. Ursula Peschers, Gynäkologin, Bayerisches Beckenbodenzentrum, München

Trotz der Operationsrisiken ist das für viele Frauen eine willkommene Alternative zu einem Leben mit Binden und Einlagen.

Prävention für die Beckenbodenmuskulatur

Beckenbodenprävention mit App? Die Krankenkassen übernehmen unter bestimmten Voraussetzungen einen Teil der Kosten.

Prävention kann tatsächlich viele Probleme verhindern, wenn man richtig trainiert. Kathrin A. ist Mutter und promovierte Gesundheitswissenschaftlerin. Sie hat die erste App für Beckenbodentraining, Pelvina, ausprobiert. Die Kosten, stolze 75 Euro, werden von den meisten Krankenkassen vollständig, beziehungsweise fast vollständig erstattet. Voraussetzung ist ein Teilnahmezertifikat für die Absolvierung des Kurses.

Fachlich ist Kathrin A. mit dem Kurs zufrieden. Besonders praktisch fand sie: Die Trainingszeiten können selbst gewählt werden. Außerdem sind Übungen enthalten, die nach Kursende gut in den Alltag integriert werden können.

"Sprich ich habe dann Übungen, die kann ich beim Zähneputzen machen, die kann ich einsetzen, wenn ich mein Kind vom Boden hochhebe."

Kathrin A., testete Beckenbodentraining-App

Präventives Training wirkt, aber nur solange, wie man auch trainiert. Eine Geburt oder erste Anzeichen von Beckenbodenschwäche sind eine gute Gelegenheit, damit anzufangen.

Beckenbodenprävention per App?

Beckenboden-Präventionskurs per App?

Die App Pelvina ist aus aufeinander aufbauenden Erklärvideos und Übungsanleitungen, ebenfalls per Video, aufgebaut. Das Ganze ist in acht Module eingeteilt, idealerweise absolviert man ein Modul pro Woche.

Der Kurs soll damit acht bis zwölf Wochen dauern. Nach jedem Modul gibt´s per Mail ein ausführliches Handout zum Nachlesen. Die Inhalte der App sind für insgesamt ein Jahr lang verfügbar.

Regelmäßiges, aufbauendesTraining

Damit die Nutzerinnen nicht den ganzen Kurs am Stück in einem Tag „durchturnen“, kann ein neues Modul erst geladen werden, wenn das vorhergehende mindestens einen Tag her ist. Man muss also zumindest acht Tage dran bleiben.

Pelvina orientiert sich damit durchaus an einem Beckenboden-Präventionskurs (bzw. einer Beckenbodenschule), der als Präsenzkurs in wöchentlichen Terminen abgehalten wird. Das hängt übrigens auch mit den Vorgaben der Krankenkassen zusammen, die den Kurs ja finanzieren sollen.

Erinnerungen und Traningsmotvation per Email und Chat

Es gibt Erinnerungsmails, wenn man länger nicht trainiert hat, und eine Chat-Funktion, wo fachliche Fragen gestellt werden können.
Typische App-Funktionalitäten, wie zum Beispiel täglich einstellbare Erinnerungsfunktionen mit einem Basic-Trainingsprogramm, fehlen.

Kosten

Die App-Macherinnen orientieren sich weniger an anderen Apps, als an den Kosten für traditionelle Beckenboden-Präsenzkurse. Zwar werden die Kosten von den Krankenkassen teilweise, oder sogar in voller Höhe übernommen, trotzdem dürfte der hohe Preis viele Nutzerinnen abschrecken.

Datenschutz

In der Datenschutzerklärung wird darauf aufmerksam gemacht, dass die App ein Facebook-Tool (Facebook SDK) benutzt. Damit werden Daten über das Herunterladen der App an Facebook weitergeleitet. Wer Facebook als App auf seinem Handy hat, muss damit rechnen, dass das persönliche Facebook-Profil mit dieser Information verknüpft wird. Daraus könnte dann etwa personalisierte Werbung resultieren.

Die Pelvina–Macher betonen auf Anfrage, dass es ihnen wichtig ist, die Nutzerinnen im Vorfeld darüber zu informieren, und dass sie deshalb – im Gegensatz zu anderen Apps – in ihrer Datenschutzerklärung explizit auf SDK hinweisen.

Infos zum Datenschutz und zum umstrittenen Tool

Infos zum Datenschutz und zum umstrittenen Tool für die Verbindung zu Facebook gibt es unter den Adressen

Senkungsproblematik: Schwächung des Bindegewebes im gesamten Becken

Wenn sich Organe zu stark absenken, kann das zu Problemen wie Urinverlust, Inkontinenz, Problemen bei Sexualität und Harnwegsinfekten führen.

Es gibt jedoch eine Art von Beckenboden-beschwerden, auf die Prävention und auch Physiotherapie leider nur begrenzten Einfluss haben. Das ist die sogenannte Senkungsproblematik. Ursache ist eine Schwächung des Bindegewebes im gesamten Becken. Dabei senken sich Organe im Bauchraum ab, die durch bindegewebige Strukturen aufgehängt sind. Der Beckenbodenmuskel kann dann der kontinuierlichen Belastung nicht standhalten. 

Pessare können bei Beckenbodenproblemen helfen.

Die konservative Therapie besteht darin, sogenannte Pessare einzuführen, die die Organe von innen abstützen. Sogenannte Vaginaltampons sind eine konservative Möglichkeit, die betroffene Frauen besonders beim Sport gut einsetzen können. Viele Frauen entscheiden sich aber auch – wie Inge H. - für eine operative Therapie.

"Das hat mich eigentlich sehr gestört, weil man plötzlich das Gefühl hat, dass eigentlich der intimste Teil von einem selber, sich fremd anfühlt-"

Inge H.

Wichtig ist, sich vor solchen Operationen sehr ausführlich über mögliche Risiken und Komplikationen aufklären zu lassen und einen erfahrenen Operateur zu wählen.

Einsatz von Netzen: umstritten aber unentbehrlich?

Die Rate von Komplikationen und Rezidiven bei Senkungsoperationen ist vergleichsweise hoch. Ein erfahrener Operateur ist hier besonders entscheidend. Viele Diskussionen gab es in letzter Zeit um die Kunststoffnetze, die bei Senkungsproblematik eingesetzt werden, um das Gewebe zu stabilisieren.

Dabei ging es sowohl um die Qualität der Netze, die im Rahmen der sogenannten Implant-Files in Zweifel gezogen wurde - einer Journalistin gelang es, für ein gewöhnliches Apfelsinennetz eine Genehmigung zu erhalten - als auch um hohe Komplikationsraten.

"Ganz grundsätzlich waren wir von Anfang an der Ansicht, dass man die Netze nicht bei jeder Frau in jedem Fall einsetzen soll. Und da ist sicherlich auch einiges schiefgelaufen, das muss ich eindeutig sagen. Auf der anderen Seite darf man auch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, wir haben einfach Patientinnen, für die wir diese Netze brauchen."

Prof. Dr. med. Ursula Peschers, Gynäkologin, Bayerisches Beckenbodenzentrum, München

Für den Erfolg einer Beckenbodenoperation spielt die Erfahrung des Operateurs eine große Rolle.

Bei bestimmten Indikationen plädiert Prof. Peschers nach wie vor für den Einsatz der Netze. Allerdings muss man die Patientinnen über die Risiken vorher gut aufklären. Entscheidend für den Erfolg der OP ist auch die Erfahrung des Operateurs.

"Wenn eine Patientin voroperiert ist, und die Senkung kommt wieder, dann ist manchmal so ein Netz, die einzige Möglichkeit, die wir für so eine Patientin  haben. Und wir haben schon vielen Frauen mit diesen Netzen wunderbar geholfen. D.h. ein Netz braucht bestimmte Indikation, und gerade die Netzoperationen haben eine hohe Lernkurve, d.h. das Einsetzen dieser Netze ist nicht so ganz einfach, und es ist wichtig, dass es Leute machen, die das häufig machen. In geübter Hand haben diese Netze ein vertretbares Komplikationsspektrum. Man muss mit den Patientinnen vorher reden, warum empfehlen wir ihnen das.  Aber jetzt grundsätzlich zu sagen, wie in Schottland, es bekommt keine Frau mehr Fremdmaterial, dann verweigern wir ganz vielen Frauen eine gute Therapieoption, und da sind wir froh, dass wir die noch haben."

Prof. Dr. med. Ursula Peschers, Gynäkologin, Bayerisches Beckenbodenzentrum, München

interessante Links:

Links zu Physiotherapeuten, dem Bayerischen Beckenbodenzentrum und zu weiteren Informationen über Risiken und Chancen bei Beckenboden-Operationen


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