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Angststörungen Definition und Diagnose

Die entscheidende Frage lautet: Wer kontrolliert wen? Die Person ihre Gefühle oder die Gefühle die Person? Im Extremfall ist die Angst bzw. die Angst vor der Angst so groß, dass sich die Betroffenen dem Gefühl ausgeliefert fühlen. Die Angst hält das Leben umklammert und beeinflusst viele Entscheidungen, oft zum Negativen.

Von: Justina Schreiber

Stand: 18.04.2018

Eine Frau mittleren Alters sieht verängstigt durch die geschlossenen Jalousien eines Fensters nach draußen. | Bild: picture-alliance/dpa

Zur Definition einer Angststörung braucht es immer zwei Leute: den Betroffenen selbst und einen Menschen vom Fach. Nur wenn ein Psychologe oder eine Psychiaterin die Angst ebenfalls als unangemessen einschätzt, kann von einer behandlungsbedürftigen Störung gesprochen werden. Denn Angst ist ja eigentlich ein natürliches Gefühl, das sich bei jedem eben anders zeigt.

"Zum Beispiel überfallen jemanden immer leichte Beklemmungen, wenn er ein Kaufhaus betritt. Länger als eine Viertelstunde hält er es dort nicht aus. Die Frage stellt sich: Ist das schon eine Klaustrophobie, also eine Angst vor engen Räumen oder nicht? Man wäre mit einer Therapie vielleicht zurückhaltend, wenn der Patient sonst keine weiteren Einschränkungen erlebt. Wenn er allerdings auch nicht U-Bahn fahren kann und deshalb weite Umwege in Kauf nimmt, dann würde seine Problematik durchaus die Kriterien einer Krankheit erfüllen."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Diagnose: Angststörung

Die Diagnostik basiert auch im Zeitalter moderner Methoden überwiegend auf dem Gespräch mit den Patienten. Psychologische Tests ergänzen es. Die Psychiaterin oder der Psychologe müssen die Symptome gemeinsam mit dem Betroffenen "entdecken" - auch um andere psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Zwangsstörungen auszuschließen. Deshalb stellen sie viele Fragen:

  • Ist die Person ständig von Angst erfüllt? Oder tritt die Angst nur in bestimmten Situationen auf? Gibt es Auslöser? Oder überfällt den Menschen unvorbereitet große Furcht?
  • Wie häufig tritt die Angst auf? Wieviel Prozent des Alltags werden angstfrei erlebt?
  • Was passiert während der Angstzustände körperlich und seelisch? Reagiert die Person mit Schwindel oder Herzrasen? Hat sie das Gefühl, "verrückt" zu werden? Kommt es zu Todesangst?
  • Welche Verhaltensweisen verändert die Angst im Alltag?

Das Ergebnis lässt eine Einordnung zu, ob der Betroffene eine Angststörung hat. Und wenn ja, welche Form.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitenhaben von Haus aus einen sehr vorsichtigen und zurückhaltenden Charakter. Oft bekommen sie wegen ihres eher konfliktscheuen Verhaltens Probleme, die aber wiederum ihre Befürchtungen und Sorgen verstärken.

Menschen, die an einer generalisierten Angststörung leiden, sind "dauerangespannt". Ihnen erscheint das gesamte Leben als gefährlich oder schwierig. Ihre Angst ist nicht konkret, sondern diffus.

Rätselhaft wirken oft die Phobien. Bestimmte Gegenstände wie Scheren oder Lebewesen wie Spinnen lösen, ohne dass es vorher zu unangenehmen Erfahrungen gekommen wäre, heftige Symptome aus. Bei einer Klaustrophobie ist es z. B. die Enge eines Fahrstuhls, die die Angst hervorruft. Als soziale Phobie gilt die Angst sich vor anderen zu blamieren, sich in einer Gesellschaft daneben zu benehmen oder z. B. vor einer Gruppe sprechen zu müssen.

Dramatisch wirken Panikattacken, die Menschen aus heiterem Himmel überfallen. Die Betroffenen erleben urplötzlich ein elementares Gefühl von Bedrohung und Todesangst. Das Hauptproblem dabei ist: Weil die Panikattacken so unvermittelt und unvorhersehbar auftreten, entwickeln die Betroffenen große Angst vor den Anfällen und stellen ihr gesamtes Verhalten dementsprechend um.

"Das heißt, um keine Panikattacke zu bekommen bzw. um sich dabei nicht zu schaden, hört die Person z. B. mit dem Autofahren auf. Denn wenn sie auf der Autobahn bei 140 Stundenkilometer eine Panikattacke erlebt, macht sie vielleicht einen gefährlichen Fehler. Und deshalb fährt sie lieber nie wieder Auto oder nur kurze Strecken."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Massive Angst spielt auch eine Rolle bei Menschen, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Erinnerungen oder irgendwie ähnliche Situationen "triggern" die Angstzustände. Der Zusammenhang mit dem traumatischen Ereignis ist deutlich erkennbar.


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