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Freiwasser Chlorhühnchen goes Open Water

Von: Petra Martin

Stand: 10.07.2015

Pilsensee: Petra schwimmt mit Boje | Bild: BR/Petra Martin

Ich geb’s zu: Ich bin ein absolutes "Chlorhühnchen", ziehe am liebsten im Becken meine Bahnen, zähle mit und orientiere mich an der schwarzen Linie am Boden. Und das, obwohl ich am See aufgewachsen bin und im Tegernsee schwimmen gelernt habe. Zum Kraulen war mir der See nicht so geheuer. Mir fehlt die Orientierung unter Wasser und ich kann dort keine Bahnen zählen.

Tipps vom Profi

Christof Wandratsch mit Fitnessmagazin-Autorin Petra Martin

Christof Wandratsch ist Extrem- und Langstreckenschwimmer. Er kann mir Tipps zum Schwimmen im Freiwasser geben. Erst im Juni ist er in Rekordzeit durch den Bodensee geschwommen. Wenn einer weiß, worauf es ankommt, dann er.

Der Wöhrsee in Burghausen ist Christofs "Badewanne". An unserem Schwimmtag hat das Wasser 18 Grad. Deshalb bekomme ich Ohrenstöpsel, damit kein kaltes Wasser ins Ohr kommt. Und er rät mir, zwei Badekappen aufzusetzen. "Über den Kopf verlieren wir die meiste Wärme. Die Silikonhauben schützen da ganz gut." Immerhin ist Christof auch Eisschwimmer.

Christof Wandratsch schwimmt im Wöhrsee

Dann geht’s ins Wasser - so, wie wir es in der Schule gelernt haben: Langsam und sich ans Wasser gewöhnen. Nicht reinspringen! In fremden Gewässern weiß man nicht, was sich unter der Wasseroberfläche verbirgt.Zuerst schwimme ich Brust, um mich ans Wasser zu gewöhnen, dann fange ich an zu kraulen. Unter mir: Kein Stahlbecken und keine schwarze Linie, dafür schönstes Seegrün und Pflanzen zum Greifen nah. Das Wasser ist klar, ich kann Christof neben mir gut sehen. Das liegt auch an der "Rest-Tube", einer farbigen Boje, die wir uns um die Hüfte geschnallt haben. Damit werden wir gesehen und könnten uns im Notfall daran festhalten.

Orientierung

Zur Orientierung rät Profi Wandratsch: einen markanten Punkt an Land suchen, einen Kirchturm oder Berggipfel. "Kleine Dinge siehst vom Wasser aus nicht. Dazu müsstest deinen Kopf weit aus dem Wasser heben. Das kostet Kraft und bringt dich aus dem Rhythmus." Christof kann auch prima geradeaus schwimmen. Ich drifte dagegen immer wieder ab. Übungssache, meint er: "Wir schwimmen im Training manchmal 30 Züge blind, um das Geradeausschwimmen ins Gefühl zu kriegen."

Auge in Auge mit der Natur

Im Naturschwimmbad Wöhrsse in Burghausen schwimmt auch mal Seegras vorbei

Ich schwimme im Dreierzug. Atme also einmal nach links, einmal nach rechts und habe beide Seiten im Blick. Bei starkem Wellengang ist das besonders praktisch, denn dann kann ich auf die Seite mit weniger Wellen atmen. Dann passiert’s: Etwas berührt meine Hand. Ich erschrecke. Doch es ist nur Seegras, das auf der Wasseroberfläche treibt. Christof bringt das nicht aus der Ruhe: "Das ist halt Natur. Und so richtig gefährlich ist es in den bayerischen Seen nicht. Mir ist das lieber als wenn ich im Freibad in ein Büschel Haare greife.“

Allerdings kann ich weder meine Geschwindigkeit, noch die Entfernung einschätzen. Christof rät: "Zähl' im Becken deine Züge mit und schau', welches Tempo das ist. Dann kannst auch im See mitzählen und so besser abschätzen, wie schnell du bist. Lieber langsam anfangen und hintenraus Gas geben." Außerdem schwimmen Freiwasser- und Langstreckenschwimmer viel „aus den Armen“ und machen nur einen Beinschlag pro Armzug. Das spart Kraft.

Strömung nicht unterschätzen

In fremden Gewässern oder alleine gilt: In Ufernähe hin- und herschwimmen. Rausschwimmen geht immer – rein nicht unbedingt. Nicht nur die eigenen Kräfte können nachlassen. Es gibt auch Strömungen. Und damit ist überhaupt nicht zu scherzen, weiß Christof aus Erfahrung: "Bei meiner letzten Bodenseequerung habe ich für 500 Meter eine Dreiviertelstunde gebraucht, das ist kein Spaß!“ Sein Tipp deshalb: "Beim Rausschwimmen auf die Uhr schauen. Wenn ich zwei Minuten rausschwimme, kann es zurück wegen der Strömung locker fünf Minuten dauern."

Freiwasser-Tipps kurz und knapp:

  • Langsam ins Wasser gehen. Auf keinen Fall in unbekannte Gewässer springen.
  • In Ufernähe hin- und herschwimmen.
  • Auf Strömungen achten. Am besten mit einer Uhr messen, wie lange man für eine Strecke braucht.
  • Zur Orientierung einen markanten Punkt am Ufer suchen (Kirchturm, Berggipfel).
  • Sehen Sie sich auch an, wie das Ufer aussieht, an dem Sie losgeschwommen sind. Wo können Sie sich auf dem Rückweg orientieren?
  • Kopf zur Orientierung hin und wieder nach vorne drehen, aber möglichst nicht aus dem Wasser heben.
  • Im Becken Züge zählen, um das Tempo im Freiwasser einschätzen zu können.
  • Mehr aus den Armen schwimmen, Beinschlag reduzieren. Das spart Kraft.
  • Kraft gut einteilen. Lieber langsam anfangen und am Schluss Gas geben.
  • Geradeausschwimmen üben.
  • Eine aufblasbare Rettungsboje sorgt für mehr Sicherheit: Sie werden von Schiffen und anderen besser gesehen. Zur Not könnten Sie sich daran festhalten.
  • Eine Badekappe aus Silikon schützt den Kopf vor Kälte und hält Haare aus dem Gesicht. Ohrenstöpsel schützen den Gehörgang vor kaltem Wasser. Eine größere Schwimmbrille bedeckt mehr vom Gesicht und schützt so auch vor Kälte.
  • Unterschätzen Sie nicht, dass ihr Körper beim Schwimmen auskühlt. Im Freibad hat das Wasser meist zwischen 24 und 28 Grad. Manche Seen sind mit 18 bis 20 Grad deutlich kühler!

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