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Schwimmen Schwimmunterricht in Schulen: Ein Problemfall

Obwohl Schwimmen im Lehrplan fest verankert ist, fällt der Schwimmunterricht in vielen Schulen aus. Die Folge: Immer weniger Kinder können schwimmen – und es sind nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Stand: 07.07.2017

Schwimmlehrer Willi Lang mit seinen Schülern | Bild: BR/Petra Martin

Wenn die Viertklässler am Montagmorgen um 8:15 Uhr ins Wasser springen, ist wieder Zeit für den Schwimmunterricht. Im Hallenbad in Bad Wiessee teilen sie sich das 25-Meter-Becken mit den Schülern aus Rottach-Egern, ansonsten haben die Kinder das Bad für sich. Und die Mädchen und Buben können schon richtig gut schwimmen: Brust beherrschen sie sicher, deshalb können sie jetzt auch Kraulen und sogar Rückenkraulen lernen. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte - Schwimmunterricht in der Schule - wird in Bayern immer mehr zur Ausnahme. Das weiß auch Schulleiterin Gudrun Klotzsche: „Ich denke, wir haben hier in Gmund einen gewissen Luxus: Wir können das Hallenbad in Bad Wiessee vor der offiziellen Badezeit nutzen, außerdem haben wir einen staatlich geprüften Schwimmlehrer, der mit den Kindern gut trainieren kann. Das finanziert uns die Gemeinde Gmund.“

Damit spricht Gudrun Klotzsche schon zwei der Hauptprobleme an, warum der Schwimmunterricht an vielen Schulen oft ausfallen muss: Zum einen ist kein Bad in der Nähe, zum anderen haben die Lehrer Angst vor dem Schwimmunterricht. Denn hier kann es tatsächlich gefährlich werden.

"Wenn die Schüler im Schwimmunterricht Kompetenzlücken haben, dann geht das, flapsig formuliert, nicht so handsam aus wie im Mathe-Unterricht. Wir haben da bei den Kolleginnen und Kollegen eine ganz andere Angstkomponente."

Simone Fleischmann, Präsidentin des Lehrerinnen und Lehrer Verbands (BLLV)

Der Schwimmunterricht ist im Lehrplan fest verankert und wird auch durchgeführt, sagt Elena Schedlbauer, Sprecherin im Bayerischen Kultusministerium. Außerdem könne ein Großteil der Schüler schwimmen: „Wir haben bei den Fünf- bis Sechsjährigen einen Anteil von 40 Prozent, bei den Sieben- bis Zehnjährigen sind es 85 Prozent und bei den Elf- bis 17-Jährigen kann nahezu jeder schwimmen: 98 Prozent.“

Das Kultusministerium beruft sich hier auf eine Studie vom Robert-Koch-Institut, die allerdings auf der Selbsteinschätzung der Schüler und Eltern beruht. In der Realität sieht es anders aus. Das stellen die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort immer wieder fest: „Es ist erschreckend, wenn 6. oder 7. Klässler nicht oder unzureichend schwimmen können. Und das geht durch alle Schichten, es sind nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund, wie man vielleicht annehmen würde“, berichtet Simone Fleischmann vom BLLV.

Schwimmen ist nicht gleich Schwimmen. Als sicherer Schwimmer gilt nicht, wer das Seepferdchen-Abzeichen hat, sondern das Bronzene Schwimmabzeichen. Denn das garantiert, dass sich die Kinder eine Viertelstunde gut über Wasser halten können. Das geht nur mit einem guten Schwimmstil, weiß Schwimmlehrer Willi Lang. Er unterrichtet die Gmunder Grundschüler und stellt am Anfang der Unterrichtsperiode oft fest, dass die Kinder einen schlechten Schwimmstil haben: „Da passt der Beinschlag nicht und dann müssen die Kinder alles mit den Armen ausgleichen. Und da kommst schnell außer Puste, nach 25 oder 50 Metern.“

Der Schwimmunterricht in der Schule ist da nur ein Baustein. Schwimmen muss man üben. Willi Lang weiß aus seiner langen Erfahrung auch als Schwimmmeister am Beckenrand, dass die Kinder oft nur planschen oder ins Wasser springen. Da schwimmen sie keine Strecken und kommen in den alten Trott zurück. Spaßbäder befördern diese Entwicklung seiner Ansicht nach.

Auch wenn Schwimmenlernen ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag ist, wie das Kultusministerium betont, bieten doch gerade die Schulen den Anreiz auch für diejenigen, die von sich aus nicht schwimmen gehen, es zumindest im Ansatz zu lernen. Ohnehin müssten die Eltern oder Vereine das Üben und Trainieren der Fähigkeiten übernehmen. Doch wenn der Schwimmunterricht ausfällt, stellt das für viele Eltern eine weitere Herausforderung dar. Nicht wenige fühlen sich allein gelassen. Und: Wo fürs Schulschwimmen Bäder fehlen, müssen auch in der Freizeit lange Anfahrtswege in Kauf genommen werden. Deshalb ist es wichtig, dass die Kommunen ihre Bäder erhalten.

Und noch etwas kann Willi Lang aus seiner langen Erfahrung als Schwimmlehrer und Rettungsschwimmer beobachten: „Das Freizeit- und Sportangebot ist inzwischen so groß und vielfältig, der Stellenwert des Schwimmens ist in meinen Augen komplett gesunken.“

Geschlossene Bäder, fehlende Kompetenz bei den Lehrern und ein gesellschaftlicher Wandel führen dazu, dass immer weniger Kinder in der Schule schwimmen lernen und es auch in ihrer Freizeit üben können.

Kennen Sie das Problem auch? Dann diskutieren Sie mit und schreiben Sie Ihre Meinung ins Kommentarfeld!


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