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Forschung an der Hochschule für Politik Die politischen Folgen der Digitalen Revolution

Geforscht und gelehrt wird an der Münchner Hochschule für Politik, der neuen TUM School of Governance, zu den politischen Folgen des rasanten technischen Wandels.

Von: Gerhard Brack

Stand: 29.10.2016

Die Welt ist im Umbruch: Die digitale Revolution verändert unsere Mentalität, unser Verhalten und unsere Gesellschaft in vielen Bereichen, auch in der Politik.

Die Technische Universität München hat auf den Wandel reagiert und die Münchner Hochschule für Politik übernommen – als eigene Fakultät für Politikwissenschaft. Damit verbunden ist eine grundlegende Neuausrichtung.

Wie repräsentativ sind Meinungen, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden? Gibt es technische Möglichkeiten, die öffentliche Meinung zu manipulieren? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik, der neuen TUM-School of Governance:

"Wenn wir fünf Jahre zuzrückdenken, da hatte noch keiner ein Smartphone, und heute läuft selbstverständlich jeder damit herum. So entstehen riesige Datenmengen, und das wirft ganz, ganz viele politische Fragen auf. Ganz aktuell wird zum Beispiel sehr viel über Social Bots diskutiert. Da handelt es sich um Fake-Accounts in den sozialen Netzwerken, die con einer dahinter liegenden Software gesteuert werden. Und zum Beispiel gibt es aus dem Bereich der Computerwissenschaften jetzt Studien, die sagen: Passt auf, der Brexit ist von Social Bots herbeigeführt worden, einfach nur, weil sie feststellen mit Computermethoden, dass auf Tiwtter sehr sehr viele Bots diesen Hashtag #Brexit benutzt haben."

Simon Hegelich, Professor für Political Data Science

Posten unter falscher Flagge

Dass Computer selber falsche Identitäten erzeugt und dann softwaregesteuert Aussagen zum Beispiel zum Brexit verbreitet haben, ist aber noch kein Beweis dafür, dass sie damit tatsächlich auch die öffentliche Meinung beeinflusst haben, findet  Hegelich. Nötig ist also ein zweiter Bick: Die Ergebnisse der Computerwissenschaftler müssen mit den Methoden der Politikwissenschaft hinterfragt werden.

Umgekehrt müssen auch Politikwissenschaftler Methoden der Informatik beherrschen, wenn sie Meinungsforschung betreiben und Manipulationen untersuchen wollen. Beispiel: Der Krieg in der Ostukraine.

"Gerade im Fall der Ukraine habe ich ein sehr großes Social Bot-Net entdeckt, und da kann man feststellen, dass 15.000 Fake-Accounts etwa 60.000 Meldungen pro Tag loslassen. Das ist so viel, dass man das als Politikwissenschaftler, obwohl es interessant ist, eigentlich nicht mehr analysieren kann. Das heißt, da brauchen wir jetzt die Methoden der Computerwissenschaftler, damit wir überhaupt automatische Verfahren haben, um diese Datenmengen zu bewältigen."

Simon Hegelich, Professor für Political Data Science

Die Stimmung im Internet

Welchen Einfluss die Meinungsroboter genau haben, ist noch nicht abschließend geklärt, Hegelich vermutet aber Wechselwirkungen, wenn immer mehr Bots auch radikale Botschaften posten:

"Es ist zum Beispiel schon wahrscheinlich, dass wenn wir im Internet eine immer aggressivere Stimmung kriegen, was man heute beobachten kann, dass sich das dann irgendwie auch auf die gesellschaftliche Stimmung insgesamt niederschlägt. Aber man darf nicht sagen, nur weil ich jetzt im Internet geschaut habe und gesehen habe, dass da im Internet Leute aggressiv sind zum Beispiel gegen Flüchtlinge, dass das auch die Meinung der Bevölkerung ist."

Simon Hegelich, Professor für Political Data Science

Millionen Fake-Accounts

Wie groß das Problem der computergesteuerten Meinungsroboter ist, macht Jürgen Pfeffer deutlich. Er ist Professor für Big Data an Hochschule für Politik:

"Wenn Sie jetzt das Jahr 2015 nehmen, da sind soundsoviele Dutzende Millionen Accounts eröffnet worden, 50 Prozent dieser Accounts werden von Twitter gelöscht, weil sie als Fake identifiziert werden. Das heißt, an jedem beliebigen Tag werden weltweit Hunderttausende bis Millionen Fake-Accounts generiert."

Jürgen Pfeffer, Professor für Big Data

Die Wissenschaftler können inzwischen immer besser herausfinden, ob eine Äußerung auf Twitter tatsächlich von einem Menschen stammt, oder ob ein Computer sie nach bestimmten Algorythmen erfunden hat. Allerdings wird auch die Software, mit der Fake-Accounts ihre wahre Identität als soziale Roboter verschleiern, immer besser.

Guter Rat in schweren Zeiten

Junge Studierende an der TUM School of Governance reizt gerade das Spannungsfeld zwischen Technik und Politik. Etwa 40 Prozent der 82 Studierenden an der TUM School of Governance sind weiblich. Die Absolventen sollen nach dem Studium in die Politik gehen können und werden als Referenten für Politiker oder als Beamte oder in der Wirtschaft als PR-Strategen gefragt sein. Denn sie lernen im Studium, guten Rat zu geben in wichtigen Fragen, sagt die Gründungsrektorin Eugénia da Conceição-Heldt:

"Warum der technische Fortschritt wichtig ist - und: Was bedeutet Regieren jetzt, im digitalen Zeitalter? Worauf sollten die politischen Akteure auch achten, wenn sie jetzt versuchen, im digitalen Zeitalter sich anzupassen?"

Gründungsrektorin Eugénia da Conceição-Heldt


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