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Kooperationen und Hürden zwischen dem Saarland und Lothringen Europäischer Herzschlag

Das europäische Herz schlägt erfreulicherweise dort besonders kräftig, wo der Südwesten Deutschlands und der Nordosten Frankreichs aneinanderstoßen und auch Luxemburg ganz nah ist. Tatsächlich wird zwischen dem Saarland und Lothringen viel über die nationalen Grenzen hinweg gearbeitet, geholfen und auch ausgebildet

Von: Tonia Koch und Susanne Betz

Stand: 08.11.2018

Was aber erstaunt, sind die vielen administrativen Hürden, die es immer noch – oder wieder – gibt. Weil die Politik in Berlin, beziehungsweise in Paris zu wenig auf die Bedürfnisse der Grenzregionen eingeht.

In Völklingen rettet die Kooperation Menschenleben

Tonia Koch hat ihre Reportage dort begonnen, wo unbürokratische Grenzüberschreitungen häufig Menschenleben retten, nämlich im Völklinger Herzzentrum.

Seit 20 Jahren leitet Cem Özbek die Kardiologie des Völklinger Herzzentrum - ebenso lange setzt er sich dafür ein, dass auch französische Patienten behandelt werden. Auch französische Krankenpfleger spezialisieren sich mittlerweile auf der deutschen Seite. Denn zwischen dem Saarland und Lothringen wird mehr europäisch als national gedacht

Die Region sieht sich als ein erfolgreiches Muster für Europas Zusammenwachen. Das zeigt sich an vielen Beispielen im Alltag und der Arbeitswelt. Besonders hilfreich wird das Zusammenspiel im medizinischen Bereich. Über 100 französische Pflege-Azubis haben inzwischen auf der deutschen Seite hospitiert. Die Völklinger Pflegeleitung hat sogar ein deutsch-französisches Wörterbuch entwickelt, das auf Situationen im Krankenhaus zugeschnitten ist.

Notfallhilfe über der Grenze

Weil bei Herzinfarkten jede Minute zählt, ist Chefarzt Özbek froh, dass ein französischer Patient aus der Grenzregion wegen der Staatsgrenze keinen riskanten Umweg nehmen muss, sondern zu ihm in die deutsche Klinik kommen kann. „Er müsste ins nächste französische Herzkatheterlabor, das ist in Metz, das ist eine Fahrzeit von 40-45 Minuten, während es zu uns etwa 10 Minuten dauert.“    

Allerdings hat es Jahre gedauert, bis alle administrativen Hürden überwunden waren, erinnert sich der Mediziner. 2013 wurde die grenzüberschreitende Zusammenarbeit vertraglich besiegelt. Auch die Abrechnung zwischen den französischen und deutschen Krankenkassen ist heute kein Problem mehr.

Kfz-Praktikum in Lothringen

Auch bei der Ausbildung z.B. von Mechatronikern versuchen das Saarland und Lothringen, Brücken zu bauen. Dominik aus Saarbrücken nimmt am deutsch-französischen Ausbildungsgang Automobil teil und absolviert deshalb ein mehrwöchiges Praktikum in einer Werkstatt im französischen Metz. Ziel des grenzübergreifenden Projekts: Fachkräfte der Region sollen Kunden aus beiden Ländern in ihrer Landessprache betreuen können. Der Haken dabei: das duale Ausbildungssystem ist in Frankreich bislang kaum bekannt. Dort wird viel theoretischer ausgebildet als in Deutschland.

Versicherung nur mit französischer Steuernummer   

Auch bei Unternehmen und Handwerkern ist der Wunsch groß, grenzübergreifend tätig zu sein. Doch die Bürokratie schränkt die

Aktivitäten noch erheblich ein. Z.B. können Firmen in Frankreich nur dann ein Loch bohren oder eine Schraube festdrehen, wenn sie eine bestimmte Versicherung, genannt décennale, haben, die eine Garantie für 10 Jahre absichert. Französische Versicherungen aber haben kein Interesse, mit rein deutschen Unternehmen diese Zwangspolice abzuschließen. Ohne Versicherung aber drohen Geldstrafen bis zu 75.000 Euro und eine Bewährungsstrafe. Christian Stark, Geschäftsführer einer saarländischen Firma für Klima-und Kühltechnik: „Eine décennale kriegt man nur, wenn man eine französische Steuernummer hat.“ 

Also hat Starks Firma notgedrungen eine Zweigniederlassung über der Grenze gegründet. Deutsche Handwerker empfinden viele französische Vorschriften als Schikane.

Angst vor der deutschen Maut

Umgekehrt fürchten die 18 000 französischen Pendler, die täglich mit dem Auto ins Saarland strömen, die zukünftige Mautpflicht auf deutschen Autobahnen. Die saarländische SPD-Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger hält die Maut deshalb für ein ganz schlechtes Signal: „Wir gehen zurück in die Kleinstaaterei und erheben Wegezölle. So kann man Europa nicht erfolgreich nach vorne bringen.“ 

Umgekehrt stockt der Ausbau der grenzübergreifenden Schienen-Infrastruktur in der Region. Alle Versuche der saarländischen Regierung, Ausnahmen von der PKW-Maut in der Grenzregion zu erstreiten, sind bislang in Berlin gescheitert


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