B5 aktuell - Aus Wissenschaft und Technik


10

Fruchtbarkeit Europäische Männer produzieren weniger Spermien

In Europa produzieren Männer immer weniger Spermien. In knapp vierzig Jahren sind die Samenzellen um rund fünfzig Prozent zurückgegangen. Die Ursachen sind unbekannt. Doch Männer mit Kinderwunsch müssen sich keine Sorgen machen.

Stand: 26.07.2017

Befruchtung Spermium - Eizelle | Bild: picture-alliance/dpa/Sigrid Gombert

In den westlichen Industrieländern gibt es eine "Spermienkrise", wenn man einer neuen Metastudie der Hadassah-Hebrew University in Jerusalem glauben mag. Hagai Levine und sein Forscherteam werteten dafür die Ergebnisse von 185 Studien aus der Zeit zwischen 1973 und 2011 aus. Die Teilnehmer stammten aus allen Regionen der Erde und hatten dort an allgemeinen Gesundheitsstudien teilgenommen. Dabei wurde auch ihre Spermienzahl erfasst. Ihre Ergebnisse stellten sie im Fachmagazin "Human Reproduction Update" im Juli 2017 vor.

Spermienanzahl halbiert

Samenuntersuchung in einem Labor

Die Forscher stellten eine Verringerung der Samenzellen seit 1973 in einem Bereich zwischen 50 und 60 Prozent fest. Dieser Trend ist in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland zu beobachten. Bei Männern aus Südamerika, Asien und Afrika wurde dieser Trend hingegen nicht gesehen.

Konkret ging die Konzentration der Spermien pro Milliliter Sperma um insgesamt 52,4 Prozent zurück. Die Gesamtanzahl der Spermien pro Samenerguss ist im gleichen Zeitraum um 59,3 Prozent gesunken.

"Angesichts der Bedeutung der Spermien für die männliche Fruchtbarkeit und die menschliche Gesundheit ist diese Studie ein dringender Weckruf für Forscher und Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt."

Hagai Levine, Hadassah-Hebrew University in Jerusalem

"Diese Arbeit bestätigt nun eine negative Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten abzeichnet und weitreichend ist", kommentiert Artur Mayerhofer von der Ludwig-Maximilians-Universität München das Ergebnis der Studie. "Dieser Trend ist bedenklich und sollte wahrgenommen werden." Denn es gibt keine Anzeichen dafür, dass dieser Trend sich abschwächt oder umkehrt. Der Schwund der Spermienzahl ist seit Beginn der Studienzeit nahezu gleich hoch geblieben.

Werden die Männer unfruchtbar?

WHO-Wert für Unfruchtbarkeit

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt als Referenzwert für eine Unfruchtbarkeit eine Spermienzahl von 39 Millionen pro Ejakulat oder eine Konzentration von 15 Millionen Spermien je Milliliter Ejakulat an. Neben der Anzahl ist auch die Beweglichkeit und Gestalt der Spermien entscheidend.

Dennoch gibt es wohl für Männer und ihre Fruchtbarkeit noch keinen Grund zur Panik. Stefan Schlatt von der Universität Münster beruhigt: "Keine Panik! Der Mann stirbt nicht aus. Denn die Männer in den westlichen Industrienationen haben noch immer rund 47 Millionen Spermien pro Milliliter Ejakulat." Das liege deutlich über dem Wert von rund 15 Millionen Spermien, ab dem die WHO von Unfruchtbarkeit spreche.

Die Spermienanzahl geht zurück, doch noch müssen sich Männer keine Sorgen machen.

"Die Funktionalität der Spermien, ihre Beweglichkeit, aber auch morphologische Veränderungen wurden in dieser Analyse nicht berücksichtigt", gibt auch der Zellbiologe Artur Mayerhofer von der LMU München zu bedenken. "Ob sich aus den Daten daher ableiten lässt, dass Männer wirklich unfruchtbarer geworden sind, bleibt offen."

Was sind die Ursachen?

Gedanken machen sich die Wissenschaftler nun darüber, was die Ursachen für den Spermienschwund sind und warum dieser Trend ausgerechnet in den westlichen Industrienationen unumkehrbar zu sein scheint. Die Wissenschaftler vermuten, dass bestimmte Umwelteinflüsse dahinter stecken. Letztlich sei wohl das Zusammenspiel mehrerer Faktoren der Grund für den Spermienrückgang.

"Das Handy in der Hosentasche, endokrine Disruptoren aus der Umwelt, die Acetylsalicylsäure im Schmerzmittel, ein anderer Hormon-Stoffwechsel wegen Übergewicht oder der Missbrauch von Hormonen für den Muskelaufbau: All das steht im Verdacht, Ursache für weniger Spermien zu sein."

Stefan Schlatt, Reproduktionsmediziner an der Universität Münster

  • Sperma - Viel mehr als Wunder des Lebens: 12.04.2019, 09.05 Uhr, radioWissen, Bayern 2

10