B5 aktuell - Aus Landwirtschaft und Umwelt


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US-Studie C02-Emissionen: Fleisch- und Molkereikonzerne schaden Klima mehr als bislang angenommen

Wenn das Wachstum der fleisch- und milchverarbeitenden Branche ungebremst weitergeht, könnte 2050 alleine das weltweite gehaltene Vieh 80 Prozent des Treibhausgasbudgets der Erde verbrauchen. Zu diesem Ergebnis kommt eine jüngst veröffentlichte US-Studie des Institute for Agriculture and Trade Policy. Wie belastbar diese Studie ist, erklärt Prof. Heinz Flessa, Chef der Abteilung Agrarklimaschutz beim bundeseigenen Thünen-Institut.

Von: Ingrid Wolf, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 18.07.2018

Kann man die Bereiche Lebensmittel und Erdöl miteinander vergleichen?

Prof. Flessa: Es werden sehr deutlich Äpfel mit Birnen verglichen, weil auf der einen Seite wird Energie vermarktet, wenn ich an die fossilen Energieträger denke, und auf der anderen Seite sind es Lebensmittel, die vermarktet werden. Und ich vergleiche hier ganz unterschiedliche Produkte. Dennoch kann man so was natürlich heranziehen, um generell die Bedeutung von verschiedenen Wirtschaftssektoren zu vergleichen.

Ist die Grundaussage richtig, dass die weltweite Landwirtschaft wesentlich mitverantwortlich ist für die gestiegenen Treibhausgasemissionen?

Prof. Heinz Flessa, Chef der Abteilung Agrarklimaschutz beim bundeseigenen Thünen-Institut

Die ist korrekt. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Verursacher von Treibhausgasen und trägt damit zum weltweiten Klimaeffekt bei. Und die Entwicklung, das zeigt die Studie auch auf, ist durchaus etwas beängstigend. Wenn man sich das Weltvevölkerungswachstum und die Entwicklung nach Fleischprodukten und tierischen Produkten ansieht, dann ist davon auszugehen, dass die Emissionen noch ansteigen werden. Weil die Weltbevölkerung wächst und weil pro Kopf mehr tierische Produkte nachgefragt werden.

Sind die Fleisch- und Milchproduktion tatsächlich die zentralen Treiber?

Ja. Die Gesamtemissionen aus der Landwirtschaft werden maßgeblich durch den Anteil der Produktion von Nahrungsmitteln aus der Nutztierhaltung bestimmt.

Wo gilt es jetzt anzusetzen, was ist zu tun, was ist notwendig?

Im Prinzip müsste man den weltweiten Fleischverbrauch möglichst in Grenzen halten. Wobei dann muss man sich selber an die eigene Nase fassen, denn die höchsten Verbrauchsraten von Fleisch und tierischen Produkten hat man in den sehr stark entwickelten reichen Länder. Nehmen Sie Deutschland her: Wir verzehren im Mittel etwa sechzig Kilogramm Fleischprodukte pro Jahr. Das kann dann über hundert Kilogramm gehen, wenn sie in die USA sehen. Auf der anderen Seite, in Indien, sind es vielleicht gerade mal fünf Kilogramm. Zunächst müsste man mal in den Ländern ans Mindern gehen, die einen Überschuss-Verzehr haben.

Heißt das für uns, die Ernährungsgewohnheiten ändern?

Es geht nicht darum, dass alle zum Vegetarier werden. Aber das Hinterfragen, wie oft man Fleisch- und Milchprodukte zu sich nimmt, ist durchaus berechtigt. Das man sich auch bewusst macht, was für einem Umwelt-Impact letztlich die Art der Ernährung hat.

Braucht es internationale Grenzwerte? Müssen Länder verpflichtet werden, dass in ihrem jeweiligen landwirtschaftlichen Sektor nur eine bestimmte Menge an Treibhausgasen entstehen darf?

Also im Prinzip versucht man das auf internationaler Ebene zu bewerkstelligen, indem man sich ausrechnet, wie man dieses Zwei-Grad-Ziel beim Temperaturanstieg nicht überschreiten will. Dann bedeutet das eine gewisse Obergrenze an Treibhausgasemissionen. Und dann geht es eigentlich darum, dass man diese Obergrenze runterbricht in einzelne Länder, wie viel hier emittiert werden darf. Und das sind natürlich die Länder, die sehr stark zu Buche schlagen. Etwa sechs Länder emittieren rund siebzig Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Die Industrienationen sind schwerpunktmäßig besonders gefragt und in der Pflicht. Da sind wir dabei.

Was würde es denn für die deutsche Landwirtschaft bedeuten, wenn sie gewisse Obergrenzen bei den Emissionen einhalten oder Treibhausgase reduzieren müsste?

Es gibt ja den Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung. Dort sind erstmals Zielbereiche gesteckt der Emissionsminderung für verschiedene Wirtschaftssektoren. Und die Landwirtschaft ist hier aufgefordert, bis 2030 um etwa ein Drittel die Emissionen zu mindern gegenüber dem Jahr 1990. Wie kann man das erreichen? Das kann man erreichen, indem man in der Produktion effizienter wird. Sowohl in der pflanzlichen Produktion, was letztlich dann auch überwiegend Futter für die Tiere ist. Da geht es um den effizienten Stickstoffeinsatz.

Man kann aber auch bei der Tierhaltung im Bereich Fütterung Optimierungen durchführen. Tiergesundheit ist ganz wichtig. Und wenn es nicht reicht am Schluss, dann wird man sicherlich wieder zu den Fragen kommen: Brauchen wir nicht doch in Regionen, wo wir heftige Probleme auch haben durch intensive Viehhaltung, eventuell eine stärker flächenbezogene Tierproduktion in der Landwirtschaft. Weniger Tiere, dafür mehr Qualität in der Produktion. Wir haben aktuell auch eine intensive Diskussion über Tierwohl - also eher höhere Qualität in der Produktion, einen etwas höheren Preis, aber weniger Gesamtmasse.

Wenn die Produktion hierzulande dadurch teurer wird, sind die deutschen Landwirte dann international noch wettbewerbsfähig?

Das ist eine internationale Frage. Wenn wir Deutschland anschauen: Derzeit exportieren wir sehr erfolgreich Schweinefleisch in andere Länder. Wir machen die Produktion sehr effizient. Also es ist durchaus eine Frage, wie viel Export will man sich in einzelnen Ländern leisten an agrarischen Produkten. Und wie könnte man das durch eine regionale, differenziertere Produktion an landwirtschaftlichen Produkten auffangen, wenn man diesen Export nicht mehr hätte.

Linktipps:

Studie des Institute for Agriculture and Trade Policy, IATP (englisch)
www.iatp.org/emissions-impossible

Artikel bei Ökotest:
www.oekotest.de/freizeit-technik/news/Fleischkonzerne-schaden-massiv-dem-Klima-Nutztierindustrie-sorgt-laut-Studie-fuer-hohe-Treibhausgasemission_600646_1.html


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