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Weltweit 80 Millionen Menschen auf der Flucht “Es scheint, als ob wir verlernt haben, Frieden zu schließen”

Die Zahl der Geflüchteten weltweit war noch nie so hoch wie jetzt gerade – auch wenn das in Zeiten von Corona untergeht. Wir haben mit Expert*innen von UNHCR, Amnesty International, einem Zukunftsforscher und einem Geflüchteten gesprochen. Wieso flüchten Menschen? Und wie geht es weiter?

Von: Maria Christoph

Stand: 18.06.2020 | Archiv

Flüchtlingslager | Bild: Dpa

Wären sie ein eigener Staat, er wäre der zweitgrößte in Europa – gleich nach Deutschland. Aktuell sind knapp 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Weil Bomben Löcher in ihre Häuser rissen. Weil ihre Religion, ihre politischen Ansichten oder ihre sexuelle Orientierung den Mächtigen in ihrer Heimat nicht passt. Weil sie hungern. 

80 Millionen. Diese Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Bis zu 34 Millionen davon sind Kinder unter 18 Jahren, zum Teil unbegleitet, schätzt des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Diese Zahl ist größer als die Bevölkerung von Australien, Dänemark und der Mongolei zusammen. Das ergibt der aktuellste Weltflüchtlingsbericht “Global Trends”.

“Wir reden hier nicht von Menschen, die sich irgendwo einen neuen Job oder ein besseres Leben suchen wollen. Sondern von Menschen, die ansonsten zuhause tot geschlagen oder eingesperrt worden wären”, sagt Chris Melzer, Sprecher des UNHCR. “Diese Menschen haben quasi über Nacht alles verloren. Aber so richtig scheint das keinen zu interessieren.” Das Corona-Virus habe vielleicht unseren Blick auf die Welt verändert, doch die Flüchtlingsbewegung nicht entscheidend beeinflusst, sagt Melzer: “Wer vor Granaten wegrennt, der nimmt Corona möglicherweise in Kauf”.

Es gibt immer mehr Flüchtlinge, immer weniger Menschen kehren nach Hause zurück

Ein Grund für die immer weiter steigende Zahl: Es gibt immer neue Flüchtlinge und Vertriebene, gleichzeitig kehren immer weniger Menschen nach Hause zurück. Anders war das für Geflüchtete in den Neunzigerjahren, als der Krieg auf dem Balkan tobte, über die Grenze zwischen Mali und Burkina Faso gestritten wurde oder in der Republik Kongo Bürgerkrieg herrschte. Damals konnten 1,5  Millionen Menschen pro Jahr wieder nach Hause zurückkehren, mittlerweile sind es nur noch 400.000. “Wir arbeiten jeden Tag daran, die Zahl der Flüchtlinge zu drücken, wissen aber auch, dass das ein Kampf ist, den man vermutlich nicht gewinnen kann”, sagt Melzer.

Allein der Krieg in Syrien dauert mittlerweile neun Jahre an und hat über 13 Millionen Menschen zu Flüchtlingen, Asylsuchenden und Binnenvertriebenen gemacht. Mit Venezuela, Afghanistan, Südsudan und Myanmar machen diese fünf Länder zwei Drittel der Flüchtlinge aus. “Wenn es uns endlich gelingen würde, einen dieser Konflikte zu befrieden, wären wir schon einen enormen Schritt weiter. Dann könnten Menschen endlich wieder nach Hause zurückkehren. Es scheint aber momentan so, als hätten wir verlernt, Frieden zu schließen”, sagt Melzer. Dabei sollte man im Kopf haben: Menschen wollen in ihre Heimat zurückkehren. Eine gewisse Vorstellung davon wie es ist, das nicht zu können, haben bestimmt ein paar Backpacker ganz am Anfang der Coronakrise erlebt, weil sie auf der Durchreise nach Sydney irgendwo in Quarantäne ausharren mussten, Familien und Freunde zuhause für längere Zeit nicht sehen konnten. Und dann vom Auswärtigen Amt zurückgeholt wurden.

Die meisten suchen Schutz im eigenen Land – als Binnenflüchtlinge

Deutschland ist das fünftgrößte Gastland für Geflüchtete. Doch die Zahl derer, die in Deutschland Asyl suchen, ist laut dem UNHCR-Bericht stark gesunken. Die meisten, knapp 80 Prozent der Flüchtlinge, suchen Schutz im eigenen oder aber in Nachbarländern.

Trotzdem sollten Deutschland und andere europäische Staaten nicht wegschauen, sagt Franziska Vilmar von Amnesty International, sondern umso mehr Verantwortung übernehmen: “Wir können diejenigen Staaten, die in der Nachbarregion von Krisengebieten sind, nicht mit der Aufnahme allein lassen.” Außerdem müsse man sich dringend Gedanken darüber machen, was mit Menschen passiert, die womöglich bald wegen des Klimawandels ihre Heimat ganz verlieren und momentan laut Genfer Flüchtlingskonvention nicht als Flüchtlinge gelten – weil sie nicht “wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung” haben.

In Deutschland ist unser Bild von Geflüchteten stark durch Bilder in den Medien geprägt, von Menschen auf Booten, die über das Mittelmeer schippern. Aus afrikanischen Ländern kommt ein Mix aus Menschen: Die, die Schutz suchen aufgrund von Krisen wie aktuell aus dem Südsudan oder Libyen, aber auch Migrant*innen, die nach Europa in ein besseres Leben aufbrechen, sagt Franziska Vilmar von Amnesty. “Geflüchtete aus Venezuela oder Myanmar erreichen Deutschland ja beispielsweise gar nicht und tauchen auch nicht in der Bilderwelt auf”. 

 “Take me for who I am”, fordert Edward Agaba aus Uganda – nehmt mich, so wie ich bin

Chris Melzer vom UNHCR betont, dass wir vor allem mit den Betroffenen sprechen müssen. Auch, um zu begreifen, was Flucht für ein einzelnes Leben bedeutet. Den einzelnen Menschen zu sehen statt Geflüchteter ihrer Individualität zu berauben, wünscht sich auch Edward Agaba. Der 28-Jährige lebt in Augsburg mittlerweile in einer WG und hat für drei Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung. In Uganda arbeitete er als Wirtschaftsprüfer, 2018 musste er fliehen. Der Grund: Seine Sexualität. Weil er schwul ist, saß er dort im Gefängnis. “Ich mag nicht nur als Flüchtling bezeichnet werden”, sagt er. Dieses Wort habe immer gleich einen negativen Beigeschmack: “Take me for who I am”, sagt er, “Nehmt mich so wie ich bin”, als guten oder schlechten Mensch, als Schutzsuchenden, aber nicht ausschließlich als “refugee”. Jeder Mensch verdiene die Möglichkeit auf eine bessere Zukunft, sagt der 28-Jährige.

Gerade kommen deutlich weniger Flüchtlinge aus Krisenregionen in Deutschland an als zum Beispiel 2015. Und dennoch könnte es sein, dass sich Deutschland nach Corona weiter abschottet, sagt Zukunftsforscher Tristan Horx. Weil sich wegen der Pandemie wieder stärker in die Nationalstaaten zurückgezogen wurde, könnten danach neue ausländerfeindliche Tendenzen hochkochen, befürchtet er. Nach dem Motto: Die könnten ja irgendeinen Virus in sich tragen. 

“Aber ich bin optimistisch”, sagt Horx. “Weil, wie wir an all den Protesten weltweit gerade sehen können, dass soziale Strukturen und Hegemonien sehr stark in Frage gestellt werden”. Und: Das Virus habe auch gezeigt, wie stark die Welt zusammenhängt und digital vernetzt ist. Und habe somit auch eine neue Form der globalen Solidarität hervorgebracht. Dass Menschen nach Deutschland fliehen, zeige zudem nur, in welcher Art von Staat wir leben. Wie gut es uns doch eigentlich geht.

Eine multikulturelle Gesellschaft ist krisensicherer

Flüchtlinge machen eine Gesellschaft multikultureller. Was ein Land wie Deutschland weiter voranbringt, sagt Horx: “Wir wissen aus der Biologie, dass extrem homogene Gesellschaften sehr krisenanfällig sind. Wenn viele Menschen sehr gleich denken und dann ein Störfaktor von außen reinkommt, kippen alle um”. Unterschiedliche kulturelle Backgrounds und Diversität erzeugen Reibung zwischen Menschen. “Und das ist es, was Produktivität entfacht!” Die jüngere Generation sei aber statistisch gesehen ohnehin gebildeter, egalitärer und sozialer offener denn je, sagt Horx: “Der Pfeil geht also in die richtige Richtung, es sind nur unter Umständen gerade noch die falschen Leute an der Macht”.

Sendung: PULS am 18.Juni 2020 - ab 10 Uhr