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Proteste im Iran "Dieses Mal ist es ganz anders"

Seit fast einer Woche protestieren Menschen im Iran gegen hohe Lebensmittelpreise, Arbeitslosigkeit und Korruption. Unsere Autorin ist im Iran aufgewachsen und schaut auf ihr Land mit Sorge und Verzweiflung.

Von: Shahrzad Osterer

Stand: 03.01.2018 | Archiv

Proteste im Iran | Bild: picture-alliance/dpa

Als ich vor ein paar Tagen aufwachte, rollte ich wie immer zur Seite und griff nach meinem Handy: schnell meine Whatsapp-Nachrichten und E-Mails lesen, mit noch halb geschlossenen Augen ein paar Fotos auf Instagram anschauen. Morgenroutine halt! Aber als ich Facebook öffnete, musste ich mich reflexartig aufsetzten. Schon der erste Post war ein Video von einer Demo im Iran. Wegen der schlechten Qualität ist es total verschwommen, aber man hört klar und deutlich was die Menschen im Video rufen: "Nieder mit dem Diktator!", "Lasst die Finger von Syrien und kümmert euch um uns!". Darüber steht: Mashhad heute! Ich musste nicht weit runterscrollen um weitere Videos mit ähnlichen Bildern zu finden, und nicht nur aus Mashhad, später auch aus Teheran und anderen Städten. Ich habe sofort meine Mutter angerufen.

"Wären wir nicht in den Urlaub geflogen, wäre ich auf die Straße gegangen"

Sie klang besorgt: "Was ist, wenn sie die Demonstranten wieder niederschlagen? Was ist, wenn hier ein Bürgerkrieg ausbricht? Die Menschen haben ja schließlich nichts zu verlieren und sind vom Hunger getrieben." Und dann sagte sie: "Wären wir nicht heute in den Urlaub geflogen, wäre ich jetzt auf die Straße gegangen." Und ich wusste genau, dass sie es wirklich getan hätte. Schon 2009 und während der grünen Bewegung, hat sie sich heimlich aus der Wohnung geschlichen, als mein jüngerer Bruder geschlafen hat. Auf der Straße wurde damals geschossen. Genau wie jetzt. Ich bin froh, dass meine Eltern gerade nicht im Lande sind und es macht mir Angst, dass meine Mutter wahrscheinlich bald auf diesen Straßen protestieren wird. Wo nach offiziellen Angaben schon mehr als 20 Menschen in nur fünf Tagen getötet wurden.

Shahrzad Osterer ist im Iran aufgewachsen.

Abgesehen von meinem unguten Gefühl hat sich aber so ziemlich alles im Vergleich zu damals verändert. 2009 gingen die Menschen auf die Straße, weil sie sich betrogen fühlten. Sie hatten den gemäßigteren Kandidaten Moussavi gewählt, zum Präsidenten wurde aber der Populist Ahmadinejad erklärt. Die Proteste haben sich also gegen eine Fraktion gerichtet und die Mehrheit wollte Reformen. Dieses Mal richten sich die Proteste aber gegen das ganze System. Und: Dieses Mal ist zuerst die Unterschicht auf die Straße gegangen. Sie hatte genug von hohen Preisen, der Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit. Die Unterschicht ist wütend, zündet auch mal eine Bank oder ein Auto an. Doch genau diese Reaktionen sind anderen Menschen, vor allem der gebildeten, wohlhabenden Schicht, zu viel.

Ich rufe meine engen Freunde in Teheran über Whatsapp an. Sie sind verwirrt. Keiner von ihnen ist auf die Straße gegangen. Sie finden die Proteste zu hektisch, zu planlos. Viele von ihnen finden es zwar gut, dass die Menschen für ihre Forderungen auf die Straße gehen, sie selbst sind aber noch vor dem Bildschirm und beobachten die Situation. Aus meinem Umfeld war nur meine Cousine auf den Demos. Sie arbeitet im Herzen der Stadt, wo auch viele Proteste stattfinden. "Es ist dieses Mal ganz anders. Die Demonstranten sind sehr unterschiedlich und man weiß nicht wirklich, wem man vertrauen kann“, schreibt sie. Sie ist ein paarmal hingegangen um sich ein Bild zu machen, hat aber auch ihre Zweifel.

Gefährden die Proteste die Stabilität im Land?

Eine Bekannte von mir, eine überzeugte Wählerin des jetzigen Präsidenten Hassan Rohani, schreibt auf Facebook: "Liebe Protestierende, geht bitte nach Hause und gefährdet nicht das Stabilität des Landes. Wir möchten nicht das zweite Syrien werden. Rohani ist immer noch die beste Option." Und ich frage mich, was sie mit Stabilität meint. Im Iran hat man schließlich weder eine berufliche noch eine rechtliche Sicherheit. Der Zustand der Umwelt ist katastrophal, an vielen Orten fehlt es an Infrastruktur und Bildung. Viele kluge Köpfe sitzen im Gefängnis und jeden Tag werden Menschen hingerichtet. Vor diesem Hintergrund kann man doch nicht von Stabilität sprechen!

Je mehr ich mit Menschen vor Ort spreche, desto verwirrter werde ich. Aber desto mehr wünsche ich mir, dass die schweigende Elite auch aufsteht, und versucht den chaotischen Widerstand in eine vernünftige Richtung zu leiten. Denn meine größte Befürchtung ist, dass extreme Gruppierungen die Proteste ausnutzen um ihre Interessen durchzusetzen. Und die sind im Zweifelsfall noch schlimmer und interessieren sich genauso wenig für die Bedürfnisse der iranischen Bevölkerung.

Sendung: Filter, 03.01.2018 ab 15 Uhr