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Der krasseste Künstler der Welt Warum Pjotr Pawlenski seinen Hoden festnagelt

Pjotr Pawlenski macht Kunst. Krasse Kunst. So kämpft er in Russland gegen den Machtapparat und für Meinungsfreiheit. Im Mai bekam er dafür den Václav-Havel-Menschenrechtspreis. Ein Rückblick auf seine krassesten Aktionen.

Von: Saskia Trucks

Stand: 25.05.2016

Pjotr Pawlenski auf dem Roten Platz | Bild: Reuters (RNSP)

Vor ein paar Jahren beschließt das russische Parlament ein Gesetz gegen die "Propaganda von nichttraditionellen sexuellen Beziehungen" - also gegen alle Schwulen, Lesben und LGBTs. Ein anderes Gesetz soll die "Reinheit der russischen Sprache" bewahren. Schimpfwörter sind seitdem verboten. An diesem Punkt reicht es Pjotr Pawlenski. Der studierte Wandmaler beschließt, gegen den immer autoritäreren Staatsapparat zu kämpfen. Auf ziemlich radikale Art:

2012:

Pjotr Pawlenski näht sich vor einer Kathedrale in St. Petersburg den Mund zu, um gegen die Inhaftierung einiger Mitglieder der Punkband Pussy Riot zu protestieren.

2013:

Pjotr Pawlenski protestiert vor dem Parlamentsgebäude in St. Petersburg. Nackt und komplett in Stacheldraht eingewickelt.

Im gleichen Jahr nagelt Pawlenski seinen Hodensack mit einem etwa 10 cm langen Nagel auf dem Roten Platz in Moskau fest. Er nennt die Performance "Fixation". Das Ganze passiert am "Tag der Polizei", einem Feiertag des russischen Machtapparats, gegen den Pawlenski ankämpft.

2014:

Pjotr Pawlenski verletzt sich ausnahmsweise mal nicht selbst. Stattdessen setzt er auf einer St. Peterbsurger Brücke Autoreifen in Brand – als Solidaritätsbekundung mit den Pro-EU-Demonstranten auf dem Maidan in Kiew.

Im gleichen Jahr folgt dann allerdings doch noch eine für Pawlenski typische Aktion: Er setzt sich nackt auf die Mauer einer psychiatrischen Klinik in Moskau, greift zu einem riesigen Fleischmesser und schneidet sich sein rechtes Ohrläppchen ab. Die Aktion soll verbildlichen, dass der russische Staat alle Teile aus der Gesellschaft schneidet, die dabei stören, bestimmte Normen durchzusetzen.

2015:

Sein bisher letztes Kunstprojekt: Er zündet die Tür der Zentrale des gefürchteten russischen Inlandgeheimdienstes FSB - früher KGB - an. Den bezeichnet Pjotr Palwenski als die Organisation, die selbst Terror ausübt, um die russischen Bürger zu kontrollieren. Der Geheimdienst kann sich selbst bei kleineren Vergehen einschalten – auch wenn dafür eigentlich die Polizei zuständig wäre. Pawlenski beschuldigt den Staatsapparat, die Bevölkerung mit Angstmache zu steuern.

Für seine Aktion saß Pawlenski lange in U-Haft und musste sich vor Gericht verantworten. Aber für ihn bedeutet das nicht, dass er verloren hat - ganz im Gegenteil: Er hat das Eingreifen der Behörden herausgefordert. Seine Lebensgefährtin Oksana Schalygina sagt: "Er macht Kunst mit den Händen der Macht." Dadurch, dass also auf ihn reagiert wird, entmachtet er die Behörden, sie werden sozusagen zu seinem Werkzeug. Und so macht er eben auch hinter Gittern weiter. Ihm gelingtes immer wieder, Verhörprotokolle, Fotos oder Videos von Überwachungskameras an die Öffentlichkeit zu bringen und so schwächt er das System weiter.

Für seinen Kampf für Meinungsfreiheit wurde Pjotr Pawlenski jetzt mit dem Václav-Havel-Preis ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird jedes Jahr von der Human Rights Foundation an Menschen verliehen, die mit Mut und Kreativität gegen diktatorische Strukturen kämpfen.

UPDATE (08.06.2016)

Pjotr Pawlenski ist wieder frei. Ein Gericht in Moskau verpflichtete ihn aber zur Zahlung von 500.000 Rubel (rund 6.800 Euro). Dass Pawlenski einer Haftstrafe entging, wurde als ein seltenes Zeichen von Nachsicht seitens der russischen Justiz gewertet.

Sein Kampf gegen die russische Obrigkeit ist damit trotzdem noch lange nicht zu Ende.


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