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Jan Weiler zur Böhmermann-Affäre "Cool bleiben, weitermachen, sich nicht so beeindrucken lassen"

Jan Weiler kennt die Situation von Jan Böhmermann: Der ehemalige Chefredakteur des SZ-Magazins hat 2001 den japanischen Prinzen beleidigt - und nicht nur einen Shitstorm kassiert, sondern auch einen Anruf vom Außenminister.

Von: Tobias Krone

Stand: 11.04.2016

Autor Jan Weiler | Bild: picture-alliance/dpa

Wenn einer die Situation von Jan Böhmermann nach seinem Schmähgedicht über Erdogan nachvollziehen kann, dann Jan Weiler: Er ist einer der prominentesten Autoren Deutschlands ("Maria, ihm schmeckt's nicht") und ehemaliger Chefredakteur des SZ-Magazins - und genau wie Böhmermann hat er schonmal eine ganze Nation gegen sich aufgebracht. Nur nicht die Türkei, sondern Japan: 2001 veröffentlichte Weiler eine Titelstory im SZ-Magazin über das kinderlose japanische Prinzenpaar. Die Zeugung des Thronfolgers ließ nämlich erstaunlich lange auf sich warten. Diese Geschichte schaffte es auf den Titel - das Foto zeigte das Prinzenpaar bei seiner Hochzeit. Auf dem Schritt von Prinz Naruhito zwei Worte: "Tote Hose". Den Sturm der Entrüstung, den das in Japan auslöste, hatte Weiler dabei nicht auf der Rechnung.

PULS: Mal so ganz generell - wie bewertest du es, wie zur Zeit mit Jan Böhmermann umgegangen wird?

Jan Weiler: Ich finde das alles ein wenig lächerlich. Zum einen finde ich, dass dieser Majestätsbeleidigungsparagraph langsam mal abgeschafft gehört. Zum anderen: Wenn alle ein wenig gelassen bleiben und sich nicht immer so wahnsinnig über alles aufregen, dann kann man solche Dinge viel schneller lösen. Dann zuckt man mit den Schultern und sagt vielleicht: Naja, war vielleicht ein bisschen geschmacklos, aber in der Sache gar nicht so verkehrt.

Du hattest ja selber mal so eine Geschichte, als du beim SZ-Magazin Chef warst. Da seid ihr dem japanischen Kaiserpaar zu nahe getreten, indem ihr auf dem Titelbild im Schritt des Kaisers die Worte "Tote Hose" platziert habt. Kannst du nachvollziehen, wie sich Jan Böhmermann jetzt fühlt?

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Absolut! Es ging damals in Japan ein riesiges Theater los. Der Botschafter wurde einbestellt und der Außenminister Joschka Fischer hat damals bei der Zeitung angerufen, sich beschwert und gesagt: "Wie sollen wir den Japanern den Walfang vermiesen, wenn wir die gleichzeitig so ärgern?" Das war furchtbar. Ich hab dann wegen dieser wirklich schwachen Satire ein fünfjähriges Einreiseverbot in Japan erhalten. Aber der Unterschied war der, dass wir damals absolut nicht überrissen haben, was wir da machen - und Jan Böhmermann weiß das, glaube ich, schon.

Die offizielle Reaktion war damals also nur ein Anruf von Joschka Fischer - oder was ist danach passiert?

Naja, es wurde vom kaiserlichen Hofamt eine Entschuldigung verlangt.  Ich habe die dann formuliert, sie wurde ins Japanische übersetzt, dort abgeliefert und dann erhielt ich einen Brief zurück, in dem es hieß, man sei sehr angetan vom Grad der Zerknirschung. Dann hat man mir offiziell vergeben und mir eben das Einreiseverbot erteilt. Das war eigentlich alles und danach war es dann auch vorbei. Es hatte also wirklich nicht die Zugkraft wie dieses Schmähgedicht.

Das war ja vermutlich schon erstmal ein Schock für euch. Habt ihr nach diesem Vorfall dann jedes Titelblatt dreimal geprüft?

Ja, na klar! Ich stand kurz vorm Rausschmiss und das gibt einem schon zu denken. Man denkt, man macht ein Witzchen und das entpuppt sich dann als mittlere Katastrophe. Wir sind natürlich nachher schon ein bisschen vorsichtiger mit solchen Dingen umgegangen und haben uns zweimal überlegt, ob das jetzt geht oder nicht. Wir haben aber in der Folge auch auf nichts verzichtet.

Jetzt mit Blick auf Jan Böhmermann: Was würdest du der deutschen Satire raten, was man aus diesem Fall lernen soll?

Cool bleiben, weitermachen, sich nicht so beeindrucken lassen! Ich könnte mir vorstellen, die Folgen für die Redaktion von Böhmermann sind wahrscheinlich heikel. Wahrscheinlich sitzt da jetzt immer so ein Typ vom ZDF mit drin und sagt: "Nein! Das können wir nicht machen." Das könnte natürlich passieren. Aber ansonsten würde ich der deutschen Satire im Allgemeinen wünschen, dass sie ein wenig schärfer wäre. Dieses komische Polit-Kabarett ist ja bei uns ziemlich zahnlos und da hat Böhmermann ziemlich den Finger die Wunde gelegt. Man muss natürlich noch eines ergänzen: Damals, als ich die Geschichte beim SZ-Magazin gemacht habe - das ist ja schon ewig her - gab es noch kein Facebook. Die mediale Aufregung war bei Weitem nicht so groß wie heute. Ohne soziale Medien wäre das bei Böhmermann auch nicht so hochgekocht.


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