Jetzt Location Dave

Info David Orobosa Omoregie aus London nennt sich ganz einfach Dave. "Location" (2019) befindet sich auf seinem Debutalbum "Psychodrama", auf dem er sich mit Beziehungen, Depressionen, Rassismus und häuslicher Gewalt auseinander setzt.


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Interview // Reporterin Nadia Kailouli "Es ist nicht naiv zu glauben, dass man was verändern kann"

Die Organisation "SOS Méditerranée" rettet Flüchtlinge aus Seenot. Mit dabei: Reporterin Nadia Kailouli. Im Interview erzählt sie, was sie dort täglich erlebt und wie sie damit umgeht, wenn wieder einmal Tote auf den Booten sind.

Von: Christoph Gurk

Stand: 26.04.2016

Als sich im Fernsehen und in den Zeitungen die Bilder von toten Flüchtlingen häufen, beschließt Nadia Kailouli, dass sie nicht mehr nur zuschauen will. Nadias Eltern stammen selbst aus Marokko, sie ist in Deutschland geboren, hat beim BR die Sendung "Südwild" moderiert und arbeitet heute als Moderatorin und Reporterin. Seit Mitte April ist sie mit einem Kameramann auf der "Aquarius" und begleitet dort für drei Wochen die Helfer von "SOS Méditerranée" bei ihrer Arbeit. Sie will genau hinschauen - und herausfinden, was die Helfer und die Flüchtlinge antreibt.

PULS: Du bist seit Mitte April an Bord der "Aquarius" und begleitest die Helfer von "SOS Méditerranée" mit der Kamera. Wo genau seid ihr gerade?

Nadia Kailouli: Im Moment sind wir noch in Trapani, einer Stadt auf Sizilien. In einer Stunde legen wir aber wieder ab, fahren ins Mittelmeer, in Richtung libysche Küste.

Euer Ziel ist es, Flüchtlinge in Seenot zu retten. Wie läuft so eine Rettungsaktion ab?

Wir sind immer ungefähr 20 Seemeilen vor der libyschen Küste unterwegs. Mit Ferngläsern halten wir Ausschau nach Booten. Gleichzeitig informiert uns die Rettungsleitstelle in Rom über Flüchtlingsboote in Seenot. Das heißt, wir kriegen ein Fax, in dem steht, wo wir hin sollen. Wenn man das in Seenot geratene Schiff gefunden hat, fährt das Rettungsteam mit Schwimmwesten zu dem Flüchtlingsboot.

Was für ein Bild bietet sich einem, wen man ein Boot mit Flüchtlingen mitten im Mittelmeer findet?

Nadia Kailouli

Die Menschen müssen erstmal beruhigt werden. Oft sind sie in Panik, sie waren über Stunden im offenen Meer unterwegs. Bei der letzten Aktion hatte das Boot auch schon unglaublich viel Luft verloren, die Menschen haben um ihr Leben geschrien. Es sind oft Plastikboote, die einfach nicht dafür gemacht sind, um damit raus aufs Mittelmeer zu fahren. Ich bin das erste Mal für so lange Zeit auf dem Mittelmeer und ich sehe das Wasser jetzt mit ganz anderen Augen. Um dich herum ist nur Wasser und du siehst nichts. Teilweise stehe ich hier an der Reling und denke mir: Mein Gott, wie hält man es nur in so einem Boot da draußen auf dem Meer aus? Das tut schon weh, wenn man dann auf einmal dieses Plastikboot sieht, mit Menschen, die nur Freiheit und Frieden wollen.

Immer wieder berichten Helfer davon, dass auf den Schiffen auch Tote sind. Wie gehst du mit dem um, was du siehst?

Bei der letzten Rettungsaktion wurden sechs Tote auf dem Boot gefunden. Ich persönlich habe entschieden, dass ich das nicht sehen will und habe mich um die gekümmert, die wir gerettet haben. Aber dann stehst du da und ein junger Mann fragt dich die ganze Zeit: "Madam, my sister, my sister?" Und du weißt: "Wenn du deine Schwester hier nicht gesehen hast, dann ist sie tot." Das ist hart. Aber es zeigt auch, wie wichtig es ist, dass man diese humanitäre Arbeit leistet. Dass man alles versucht, Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

Was können wir hier tun, um die Arbeit von "SOS Méditerranée" zu unterstützen?

Erst einmal: spenden. "SOS Méditerranée" wird rein auf Spendenbasis organisiert. Das heißt, jeder, der was machen will, kann spenden. Ansonsten: Jeder kann seine Sichtweise ein bisschen verändern. Ich lese oft Kommentare, in denen es heißt: "Wir können die nicht alle aufnehmen" oder "Die wollen alle nach Deutschland und dann wird Deutschland zu Afrika". Diese Sichtweise muss man ändern. Wenn diese Menschen die Möglichkeit hätten, in ihren Ländern friedlich zu leben, würden sie das tun. Sie träumen nicht von einem schicken Haus und davon, mal wieder Urlaub zu machen. Sie wollen einfach Freiheit und Frieden. Seit ich hier bin, habe ich das Gefühl, es ist nicht naiv zu glauben, dass man etwas verändern kann.


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