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An der Grenze festgenommen Wie eine Münchnerin unter Schleuserverdacht geriet

Sie wollte nur nach Hause fahren. Doch der Weg von Wien nach München wurde für eine junge Psychologin zum Horrortrip. An der deutsch-österreichischen Grenze wurde sie von der Polizei als mutmaßliche Schleuserin festgenommen.

Von: Peter Hirsch

Stand: 25.09.2015

aufgehalten | Bild: BR

PULS: Alexandra, du warst neulich auf dem Rückweg von Wien nach München in einer Mitfahrgelegenheit. Dabei hat der Fahrer einen Umweg gewählt, weil wegen den widerbegonnenen Grenzkontrollen vor Passau ein riesiger Stau zu erwarten war. Was ist euch dann zugestoßen?

Alexandra Z.: Ich war mit der Mitfahrgelegenheit unterwegs und auf dem Weg haben wir einen Mann und eine Frau aufgegabelt. Es war total dunkel und neblig und wir waren auf einer sehr kurvigen Bergstraße unterwegs. Sie standen mitten auf der Straße und wir haben dann beschlossen, sie ein Stück dorthin mitzunehmen, wo es nicht mehr so gefährlich ist. Denn wir hätten sie selber fast übersehen. Sie saßen kurz bei uns im Auto und dann haben wir festgestellt, dass es sich um syrische Flüchtlinge handelt. Da haben wir auch ein bisschen Angst bekommen und wollten sie lieber wieder aussteigen lassen, bevor uns etwas angehängt werden könnte. Wir sind dann ein Stück weitergefahren zu einem kleinen Rastplatz, wo wir kurz Pause gemacht und überlegt haben, wie wir nun vorgehen sollen. Die beiden Syrer haben wir an dem Rastplatz rausgelassen und während wir weiter überlegt haben, sind sie schon weiter gelaufen. Also kamen sie schon vor uns zu einer Polizeisperre in der Nähe. Wir sind dann auch dort hingegangen um nachzufragen, was denn jetzt mit den Flüchtlingen passiert. Wir wollten uns einfach informieren. Die Polizei hat uns aber überhaupt nicht zugehört. Die beiden Syrer waren ja schon vor uns bei der Polizei und hatten ihnen bereits erzählt, dass wir sie ein Stück mitgenommen hätten. Und daraus hat die Polizei geschlossen, dass wir sie über die Grenze begleitet haben. Das war der Vorwurf.

Was wir gar nicht bemerkt haben: Wir waren in der Zwischenzeit tatsächlich über die Grenze gelaufen. Das Schild hatten wir in der Dunkelheit nicht gesehen, unter anderem, weil uns mit Taschenlampen ins Gesicht geleuchtet wurde. Wir standen also fünf Meter weit in Deutschland drin und durften auch nicht zurück zum Auto, das etwa 50 Meter weit weg stand. Ich hatte gar nichts dabei, nur eine dünne Jacke, und die haben uns da erstmal ein paar Stunden in der Kälte stehen lassen.

Das war in Wegscheid, in der Nähe von Passau. Dort gibt es einen Grenzübergang, der eigentlich seit vielen Jahren stillgelegt ist. Und ihr musstet da mitten in der Nacht mit den Polizisten in der Kälte stehen?

Genau, mit den Polizisten und einigen Flüchtlingen, die im Laufe der Nacht aufgegriffen worden sind.

Haben die Beamten euch wenigstens erklärt, wie es jetzt weitergeht?

Sie haben uns erklärt, was uns vorgeworfen wird. Und sie meinten, wir würden jetzt zu einer Dienststelle gebracht, damit wir eine Aussage machen können. Dann war Schichtwechsel und es vergingen etwa zwei bis drei Stunden. Zuerst hieß es, wir sollen mit den Flüchtlingen in die Erstaufnahmeeinrichtung fahren. Als sie gemerkt haben, dass wir keine Schleuser sind, wollten sie uns doch direkt mit in die Dienststelle nehmen. Da sind wir dann auch hingefahren, wurden aber an ein Transportkommando übergeben. In dem Moment fand dann auch ein Sprachwechsel statt: Über Funk hieß es immer "Wir haben hier mutmaßliche Schleuser" und als wir übergeben wurden, waren wir auf einmal "die drei Schleuser". Ich habe mich auch beschwert und habe gesagt, wir wären höchstens "mutmaßliche Schleuser".

Wo kamt ihr dann hin?

Wir kamen zu den Schleusern und Flüchtlingen in die Registrierungsstelle für Flüchtlinge in Passau in einer Art Lagerhalle.

Wurden die Schleuser und die Flüchtlinge dort gleich behandelt?

Die haben uns in einen Container zu den Schleusern gesteckt. Als wir ankamen, waren da schon fünf Männer drin. Bis ihnen aufgefallen ist, dass sie mich und meine Freundin vielleicht nicht zu den Männern stecken sollten. Also haben sie aus Absperrgitter für uns eine Art Käfig gebaut, aber mitten in der Halle drin. Danach haben sie uns in einen anderen Container gebracht und uns komplett nackt ausgezogen und durchsucht, um zu schauen, ob wir irgendwelche Waffen dabei haben. Insgesamt waren wir weitere elf oder zwölf Stunden in dieser Aufnahmeeinrichtung.

Hast du in dieser Zeit mal gefragt, ob du mit irgendjemandem Kontakt aufnehmen darfst?

Ja klar, wir haben mehrfach darum gebeten, dass wir den Arbeitgeber und die Familie informieren können und auch einen Anwalt einschalten wollen. Aber sie meinten, wir seien vorläufig festgenommen und hätten da kein Recht darauf. Ein Polizist sagte: "Sie haben jetzt hier überhaupt nichts zu sagen, euch Schleuserpack sperren wir sowieso für fünf Jahre weg."

Irgendwann war aber wieder ein Schichtwechsel und uns wurde erlaubt zu telefonieren. So konnten wir einen befreundeten Anwalt kontaktieren. Der hat über die Kanzlei die Bundespolizei informiert und ab da ging es total schnell: Es kamen zwei Beamte von der Bundespolizei, sie haben unsere Aussage aufgenommen. Die Staatsanwaltschaft meinte dann noch, sie würden keine Anklage gegen uns erheben. Und innerhalb von zehn Minuten waren wir wieder draußen.

Wirst du dich jetzt beschweren?

Ja klar, ich konnte durch den Vorfall ja auch nicht in die Arbeit. Verdienstausfall werde ich also auf jeden Fall einklagen. Außerdem war nach der Aktion auch unser Autoschlüssel verschwunden und wir mussten wieder drei Stunden warten. 

Da bleibt letztlich vor allem der Eindruck, dass die Polizeibeamten im Grenzgebiet hoffnungslos überfordert sind, oder?

Es war definitiv eine Überforderung, man muss aber auch dazu sagen, dass einige Polizisten uns gegenüber sehr verständnisvoll waren. Andere waren sehr respektlos. Das hing sehr von der Persönlichkeit der Polizisten ab.

Stellungnahme der Bundespolizei

Für die eingesetzten Beamten am Grenzübergang Wegscheid war der Tatverdacht insofern gegeben, als gemeinsam mit Frau Z. 33 Migranten den Grenzübergang erreichten. Für die Beamten wirkte es, als ob Frau Z. die Migranten anleitete und ihnen so zum Grenzübertritt verhalf. Im Laufe der weiteren Ermittlungen bestätigte sich der Tatverdacht nicht.


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