Klimawandel, Flüchtlingskrise und #MeToo Wie wird dieses Jahrzehnt in die Geschichte eingehen?

Die 10er Jahre haben vor allem gezeigt, wie viel Macht einzelne und junge Menschen haben, sagt Geschichtsprofessor Stefan Zahlmann. Im Interview erzählt er, wie und womit das letzte Jahrzehnt in die Geschichte eingehen wird.

Von: Hannah Heinzinger

Stand: 18.12.2019 | Archiv

10 Jahre Rückblick | Bild: BR

Mit 2019 geht nicht nur ein Jahr, sondern ein ganzes Jahrzehnt zu Ende. Das bedeutet: so wie wir heute Witze über die 80er und ihre Klamotten machen oder den Style der 90er feiern, werden Menschen in der Zukunft auch irgendwann über die 10er Jahre sprechen. Aber wie? Stefan Zahlmann ist Historiker und Professor für Geschichte an der Universität Wien. Er beschäftigt sich also berufsbedingt mit der Deutung vergangener Jahrzehnte. Im Interview verrät er, warum jede Dekade auf ihre Art schlimm ist und was die 10er Jahre so besonders macht.

PULS: Prof. Zahlmann, welche einschneidenden Ereignisse haben diese Dekade geprägt?

Stefan Zahlmann: Mit Fukushima hat das Jahrzehnt schon mal schlecht angefangen - und dann zeigten sich viele Dinge, die man sehr negativ bewerten kann: Flüchtlingskrise, Populismus, Klimaerwärmung. Aber es zeigten sich auch viele Dinge, die man positiv bewerten kann: Flüchtlingskrise, Populismus und Klimaerwärmung. Am Populismus gibt es natürlich nichts Positives, aber was ich erkennen kann, ist, dass es mehr Leute gibt, die gegen populistische Lösungen sind, als dafür. Das ist eine ziemlich interessante Entwicklung, die sich über Jahre hinweg gezeigt hat und jetzt im Kampf gegen die Klimaerwärmung ihren Höhepunkt findet.

Wenn Sie sich für ein Ereignis oder eine Person entscheiden müssten, wer oder was hat die 10er Jahre für Sie am stärksten beeinflusst?

Prof. Stefan Zahlmann

Für mich ist Greta Thunberg die bedeutendste Person dieser Dekade. Dass ein kleines Mädchen es schafft, dass sich alle Welt über sie aufregt - da muss sie eine Menge richtigmachen. Ich finde es ist ein Skandal, dass alte Leute erklären, wie junge Leute zu leben haben. Ich bin alt genug, dass ich sagen kann: Mit etwas Glück komme ich um die schlimmsten Konsequenzen des Klimawandels herum. Aber die Enkelkinder von Greta Thunberg werden in einer Welt leben, die vom Klimawandel gezeichnet ist. Ich finde es super, dass ein Mädchen angstfrei diesen ganzen alten Leuten erklärt, dass sie Unfug erzählen. Das ist mutig und intelligent. Für mich ist sie ein Symbol: Es geht weiter und junge Leute werden es schaffen.

Wie schätzen Sie gerade die Rolle junger Menschen und Bewegungen in dieser Dekade ein?

Diese Dekade zeigt zum Glück, dass die Macht der großen, alten, weißen Männer vorbei ist. Sie ist natürlich noch nicht wirklich vorbei, aber die mit der Macht einhergehende Ansprüche, die lange als selbstverständlich galten, sind vorbei. Das zeigt zum Beispiel #MeToo: Dass man nicht bereit sein muss, sich von einem Menschen, der über einem steht, anfassen zu lassen, wenn man das nicht möchte. Es erodiert ein Verständnis von gesellschaftlicher Macht, das viel zu lange akzeptiert wurde. Alter ist dabei ein relativ problematischer Aspekt. Mit Obama fing das Jahrzehnt relativ gut an, er war ein junger, afroamerikanischer Präsident. Da konnte man sich noch nicht vorstellen, dass Populisten es nochmal schaffen für ein paar Jahre die Welt in den Griff zu bekommen.

Dass Trump auf Obama folgen wird, war damals zunächst undenkbar. Und Trump ist ein gruseliger, alter Mann wie er im Buche steht, mit all den grauenhaften Aspekten wie Sexismus und Wahnvorstellungen, die manche alten Männer so mitbringen. Ich glaube aber, die politische Bewegung weltweit und die Möglichkeiten junger Menschen, sich zu vernetzen und ihre Meinung zu artikulieren, ist in diesem Jahrzehnt ziemlich offensichtlich geworden. Die jungen Leute sind sehr motiviert, denn sie haben begriffen, dass die Zukunft ereignisoffen ist - also, dass viele Leute tatsächlich etwas verändert können. Und sie haben kein Interesse mehr daran, sich von über dem Rentenalter stehenden alten Männern erklären zu lassen, was sie in 30 Jahren zu erwarten haben.

War das Jahrzehnt also auch ein Wendepunkt?

Ja, meiner Ansicht nach schon. Ich war bis jetzt von allen Jahresrückblicken immer enttäuscht: Nichts von dem, was dort erzählt wird, ist mir in Erinnerung geblieben – oder zumindest nur sehr wenig. Das liegt daran, dass viele Ereignisse nur in den Medien stattfinden und mit meinem eigenen Leben nichts zu tun haben. Dieses Jahrzehnt zeigt aber, dass viele Dinge, die in den Medien behandelt wurden, auch bei den Menschen in den Köpfen angekommen sind. Ich glaube, dass viele junge Leute begreifen, dass Geschehnisse wie die sogenannte "Flüchtlingskrise" nur die Spitze des Eisbergs sind. Und viele Leute wie selbstverständlich angefangen haben zu helfen und so gemerkt haben, dass die einfachen Lösungen von Populisten eben keine Lösung sind, sondern das Problem komplexer.

Welche einzelnen Aspekte oder Ereignisse dieses Jahrzehnts werden es also in die Geschichtsbücher der Zukunft schaffen?

Die Themen Klimaerwärmung, Flüchtlingskrise und Populismus werden es schaffen. Weil sie eben nicht nur in den Medien, sondern in den realen Lebenswelten der Menschen stattfinden. Auf spezielle Ereignissen kann man das immer irgendwie festlegen, aber in ein paar Jahren müsste ich meine Antwort dann zurücknehmen. Denn es handelt sich einfach um größere Phänomene. Wenn wir in ein paar Jahrzehnten auf diese Dekade zurückblicken, kann es auch sein, dass wir ganz andere Dinge spannend finden. Zum Beispiel, dass wir jetzt ein drittes Geschlecht haben – beziehungsweise noch viel mehr. Das Aufbrechen von binären Geschlechtsstrukturen wurde in dieser Dekade erstmals amtlich bestätigt und findet Eingang in die lebensweltliche Praxis. Vielleicht ist das in 20 Jahren, wenn wir alle ökologischen und sozialen Probleme gelöst haben, die viel entscheidendere Wendung gewesen.

Was können wir denn aus der Dekade mitnehmen oder lernen?

Man kann aus der Vergangenheit nichts lernen, das sage ich als Historiker. Wenn wir aus der Vergangenheit lernen könnten, dann hätten wir die Probleme, die wir haben, gar nicht. Der Mensch ist ein zu kurzlebiges und zu kurzdenkendes Wesen, das glaubt mit Bauchgefühl und gesundem Menschenverstand entscheiden zu können. Die Vergangenheit ist eine Konstruktion der Gegenwart – und das ist einfach nichts, aus dem man für die Zukunft lernen kann.

Wer oder was beeinflusst eigentlich, an was wir uns von der Vergangenheit erinnern oder was wir als wichtige Ereignisse der Geschichte wahrnehmen?

Das sind heutzutage nicht mehr nur die Medien, wie das lange geglaubt wurde, sondern immer mehr die individuellen Lebenswelten. Medienkonsum wird immer stärker individuell und biografischer ausgerichtet und wird nicht mehr durch feste Sendungen oder Formate strukturiert. Es wird immer mehr das Medium genutzt, das einem Antworten auf die Fragen gibt, die einen gerade persönlich bewegen. Das ist leider zunehmend nicht mehr das klassisches Fernsehen und der Rundfunk. Es ist auch nicht mehr die Wissenschaft. Deswegen werden Menschen in Zukunft wahrscheinlich mehr auf private und persönliche Ereignisse zurückschauen, die für sie besonders waren. Ich glaube, dass man digitale Biografien entwickeln wird, Link-Listen die Bedeutung haben, Bookmarks, die man wie Bücher durschauen kann. Facebook erinnert einen ja heute schon an persönliche Erinnerungen vor fünf oder acht Jahren.

Oft hat man das Gefühl, alles wird immer nur schlimmer und eine Krise jagt die andere. Ist das wirklich so?

Ich finde, es ist immer schlimm. Es gibt nie eine Dekade wo junge Leute sagen: "Super, jetzt haben wir mal zehn Jahre Pause, alles wird jetzt gut." Jede Dekade ist für sich genommen eine Herausforderung. Schlimm ist immer eine Bewertung. Dekaden sind ja auch eine Konstruktion, sie existiert nur, weil wir darüber sprechen. Insofern ist diese Dekade genau wie alle anderen. Es ist immer so, dass man glaubt, dass es jetzt besonders dramatisch ist. Das ist so seit Menschen über ihr Leben nachdenken. Die Vergangenheit wird immer schöner und die Gegenwart und die Zukunft stellen einen immer vor neue Herausforderungen. Aber ich glaube, in dieser Dekade hat man erkannt, dass durch individuelles Handeln große kollektive Probleme gelöst werden können.

Sendung: PULS am 19.12.2019