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Interview // Entführungsopfer Steffen Horstmeier "Das Schlimmste war der Durst"

Sie stürmten das Camp und zogen ihn raus: Steffen Horstmeier von World Vision wurde vor zwölf Jahren im Sudan entführt und erlebte die wohl schlimmsten Tage seines Lebens. Doch anstatt aufzuhören, half er danach umso engagierter.

Von: Sebastian Nachbar

Stand: 29.09.2014

Steffen Horstmeier von World Vision | Bild: World Vision

Steffen Horstmeier (43) hilft von ganzem Herzen. Der 43-Jährige arbeitet in Amman als Büroleiter für die christliche Hilfsorganisation World Vision und führt ein Team von rund 100 Mitarbeitern. Derzeit stranden in Jordanien zahllose Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien, die großen Flüchtlingslager im Land wachsen immer weiter. Da wird World Vision dringend gebraucht. Sein Job als Teamleiter bindet Steffen Horstmeier meistens an seinen Bürostuhl in Amman.

Doch das war nicht immer so. Vor zwölf Jahren, da lag Horstmeiers Einsatzort mitten im Bürgerkrieg im heutigen Südsudan. Zwei Nächte vor seiner Abreise stürmte eine Rebellengruppe das Camp von World Vision und schoss wild um sich. Ein Mitarbeiter wurde getroffen, Steffen Horstmeier wurde entführt. Mit ruhiger Stimme erzählt er, was damals passiert ist.

Steffen Horstmeier: Als die Schießerei losging, versteckte ich mich unter meiner Matratze. Das ist natürlich Quatsch, sie schlitzten sofort das Zelt auf und zogen mich raus. Dann war mir klar: Jetzt wird’s ernst. Auf dem Weg aus dem Camp wollte ich mich auf der Toilette verstecken, so weit kam es aber nicht. Sofort wurde ich mit Waffengewalt weitergestoßen, raus aus dem Camp. Ich war barfuß, genauso wie sie. Ihre Füße haben das ausgehalten, meine nicht. Ich konnte kaum laufen. Aber einer von ihnen hatte meine Schuhe geklaut und über seine Schulter gehängt. Ich habe ihnen klargemacht, dass das meine Schuhe sind und ich mit ihnen viel besser laufen könnte. Er gab sie mir zurück. Das machte mir klar, dass sie mich nicht nach ein paar Kilometern umbringen wollen. Trotzdem bekam ich ohne Socken in den Schuhen furchtbare Blasen.

PULS: Woran dachtest du im Moment der Entführung?

Ich dachte: Auf keinen Fall Widerstand leisten. Der Mann mit der Waffe hat immer Recht. Sich in so einem Moment zu wehren, ist eher Hollywood. In der Realität ist das unmöglich.

Wie ging es weiter?

Wir sind die ganze Nacht gelaufen und haben uns bei Tag im hohen Gras versteckt. Abends ging es dann weiter. Am Ende der zweiten Nacht ging es mir richtig dreckig. Ich hatte während der ganzen Zeit nichts getrunken. Sogar meine Zunge ist angeschwollen. Und wenn das passiert, das wusste ich aus dem Sicherheitstraining, dann ist man so dehydriert, dass es richtig ernst wird.

Das war das Schlimmste, der Durst?

Ja, das hätte mir richtig Schaden können. Wer weiß, was die mit mir gemacht hätten, wenn ich kollabiert wäre. Die hätten mich ja nicht weitertragen können.

Wie ging es weiter?

Glücklicherweise kamen wir in ein Dorf, wo sie eine befreundete Gruppe kannten. Dort gab es einen Brunnen und ich konnte Wasser trinken. Mir ging es sofort besser. In der dritten Nacht sind wir wieder losgelaufen. Gegen Morgen stießen wir dann auf einen Außenposten der gegnerischen Fraktion. Plötzlich ging es hin und her. Die meisten der Entführer rannten weg und die Gegner kamen auf mich zu. Glücklicherweise haben sie auch im Dunkeln erkannt, dass ich kein Südsudanese bin. Sie haben mich ins nächste Dorf mitgenommen, das wiederum unter ihrer Kontrolle war. Ich war wieder frei.

Hattest du Angst?

Aber sicher. Vor allem am Anfang. Mir war klar, dass diese Leute nicht zurechnungsfähig sind. Die waren bei dem Angriff vor lauter Hunger sehr aggressiv und vollgepumpt mit Adrenalin. Später hat sich das dann gelegt und mir wurde klar, dass die mich nicht einfach erschießen wollen. Aber es gab immer wieder brenzlige Situationen. Gerade als mich die andere Fraktion wieder übernommen hat, hätte es auch ganz anders ausgehen können.

Wie bist du später mit der Entführung umgegangen?

Ich war bei einem Bundeswehrpsychologen, den World Vision mir verordnet hatte. Der nette Herr hat mir auch ein paar Tipps gegeben. Aber er war völlig überrascht, dass ich überhaupt wusste, in welchem Land ich war und wie ich mich überhaupt mit diesen Leuten identifizieren konnte. Das ist wohl bei Bundeswehrsoldaten normalerweise nicht der Fall, wenn sie im Auslandseinsatz sind. Ein Glück war, dass ich danach nie wirklich Angst hatte. Ich habe eher darüber nachgedacht, ob ich mich richtig verhalten habe. Und was noch alles hätte passieren können. Ich habe überlegt: Wo habe ich Glück gehabt? Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen? Trauma hatte ich bisher keines davon. Aber das kann immer noch kommen. Man kann ein Leben lang Alpträume oder Phobien entwickeln. Das ist bei mir bisher nicht passiert und ich hoffe, dass das so bleibt.

Was ist passiert, dass humanitäre Helfer immer häufiger angegriffen werden? Früher galten sie als unantastbar.

Das stammt noch aus den Anfangszeiten des Roten Kreuzes und geht immer mehr zurück. Einfach deshalb, weil die Kriegsparteien auch eines verstanden haben: Es ist für sie im Konflikt von Vorteil, wenn sie die Hilfe selbst in die Hand nehmen oder uns Helfer instrumentalisieren. Sprich uns sagen: Füttert nur diese Leute und nicht die Leute da drüben. Um das bei Hilfsorganisationen durchzusetzen, sind Entführungen Teil ihrer Drangsalierungen.

Große Hilfsorganisationen

Rotkreuzbewegung

Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung setzt sich weltweit für den Schutz von Opfern in bewaffneten Konflikten ein. Sie besteht aus den nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, der Internationalen Föderation und dem Rotkreuzkomitee. Das Komittee und die Föderation überwachen und koordinieren die Einsätze, die nationalen Gesellschaften helfen vor Ort.

Oxfam

Das internationale Bündnis setzt sich aus 17 Organisationen zusammen, die sich gemeinsam im Kampf gegen Armut engagieren. Zusammen mit lokalen Partnern vor Ort setzt sich Oxfam zum Beispiel dafür ein, dass der arme Teil der Bevölkerung ein Mitspracherecht bekommt. Oxfam kämpft für gleiche Rechte von Männern und Frauen und erstrebt eine gerechte Verteilung von Ländereien und Bodenschätzen.

Ärzte ohne Grenzen (MSF)

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières) arbeitet in über 70 Ländern weltweit. Sie unterstützt Regionen, die nach einer Naturkatastrophe oder aus politischen Gründen keine medizinische Versorgung haben. Menschen werden unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe, Religion oder politischen Orientierung behandelt. Médecins sans frontières lebt zu 90 Prozent von Spenden.

World Vision

World Vision International ist eine internationale, christliche Nichtregierungs-Organisation, die vor allem Bildungs- und Lobbyarbeit betreibt. Ihr bekanntestes Programm sind Kinderpatenschaften, bei denen Kindern und ihren Familien unabhängig von Religion, Geschlecht und Ethnie finanziell unter die Arme gegriffen wird.

CARE

Die international operierende Organisation CARE hat sich dem Kampf gegen Armut verschrieben. Sie leistet humanitäre Hilfe nach Naturkatastrophen und politischen Krisen, hat aber auch ein eigenes Bildungs-, Ernährungs- und Gesundheitsprogramm. Wie Oxfam macht sich auch CARE für Mädchen und Frauen stark, weil die Organisation daran glaubt, dass gebildete und selbstbewusste Frauen ein Weg aus der Armut sind.

Warum hast du den Job als humanitärer Helfer nach der Entführung nicht hingeschmissen?

Mein Idealismus hat dadurch wenig gelitten. Mir wurde klar, wie unglaublich dreckig es selbst den Entführern geht. Warum sie das taten, hatte ganz klar mit der Armut zu tun. Darum muss man etwas dagegen tun.

Und wenn die Opferzahl unter humanitären Helfern weiter steigt?

Dann muss man sich fragen, in wieweit man humanitäre Hilfe durchführen kann. So schlimm das dann ist. Daneben muss die internationale Gemeinschaft aufwachen und humanitäre Helfer besser schützen. Angriffe auf sie haben ganz schlimme Folgen für alle Parteien. Wer auch immer das tut, muss zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Luftangriffe auf die sogenannte IS-Miliz sind ja bereits eine Folge auf die brutale Enthauptung des britischen Flüchtlingshelfers David Haines. Können sie wirklich etwas bewirken?

Wenn eine Fraktion so offen humanitäre Helfer und andere Menschen drangsaliert, hat sie irgendwann keinen Rückhalt mehr. Und das ist etwas, was jede Kriegspartei braucht.


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