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Protestkunst Diese Performances solltet ihr gesehen haben

Ertrinkende Flüchtlinge, Umweltverschmutzung, Gentrifizierung: Um auf Probleme aufmerksam zu machen, überlegen sich Künstler und Aktivisten krasse, manchmal sogar schockierende Performances. Wir haben einige davon rausgesucht.

Von: Frank Seibert

Stand: 03.02.2016

Die Nachrichten sind voll von Krisen und gesellschaftlichen Problemen. Und meistens sind diese Krisen und Probleme auch noch ziemlich komplex. Da ist es schwer, Leute dafür zu begeistern. Außer, man lässt sich etwas einfallen, was Aufsehen erregt, was verstört, irritiert oder einfach nur lustig ist. Das jedenfalls glauben einige Künstler und Aktivisten – und versuchen ziemlich ernste Missstände mit ihren ganz eigenen kreativen Methoden in unser Gedächtnis zu bringen.

Mit dem Panzer auf die Waffenmesse: Space Hijackers

Versteigerung eines Panzers

Die Truppe aus Großbritannien hat sich selbst als "bunch of misfit troublemakers" oder "group of anarchitects" bezeichnet. Ihr Anliegen: Freiheiten im öffentlichen Raum werden zunehmend beschnitten, beispielsweise durch Videoüberwachung oder einer zu engen Bebauung. Über Jahre hinweg veranstaltet das Kollektiv Space Hijackers Partys in der Londoner U-Bahn, bei denen bis zu 3.000 Teilnehmer zwischen den Haltestellen raven. Eine der kuriosesten Aktionen haben die Highjackers während einer Messe – der Defence Systems & Equipment International Exhibition - im Jahre 2007 geplant. Dort werden Waffen wie normale Waren und Güter gehandelt - und das eher im Verborgenen. Also hat die Gruppe 5.000 Britische Pfund gesammelt, um sich einen Panzer zu kaufen. Und den haben sie direkt vor die Messe gefahren, um ihn dort sehr öffentlichkeitswirksam zu versteigern.

Der Nagel im Hodensack: Pjotr Pawlenski

Der russische Künstler will mit seinen Aktionen gegen den repressiven Staat demonstrieren. Dafür wickelt er sich auch mal nackt vor einem Regierungsgebäude in Stacheldraht ein oder näht sich aus Protest den Mund zu. Eine seiner krassesten Aktionen: Im November 2013 setzt er sich auf den Roten Platz in Moskau und schlägt einen langen Nagel durch seinen Hodensack in das Kopfsteinpflaster. In einer Stellungnahme hieß es: "Die Aktion kann als Metapher für die Apathie, die politische Indifferenz und den Fatalismus der modernen russischen Gesellschaft gesehen werden." Die Aktionen haben Konsequenzen im autoritären Russland: Vor Kurzem wurde Pjotr Pawlenski von den Behörden in die Psychiatrie eingewiesen.

Ein Begräbnis für Flüchtlinge in Berlin: Zentrum für politische Schönheit

"Jahr für Jahr sterben Tausende Menschen beim Versuch, Europas Grenzen zu überwinden. Die Opfer der Abschottung werden massenhaft im Hinterland südeuropäischer Staaten verscharrt. Sie tragen keine Namen. Ihre Angehörigen werden nicht ermittelt. Niemand schenkt ihnen Blumen." So steht es auf der Webseite des Zentrums für politische Schönheit, das sich selbst als "Sturmtruppe des Humanismus" bezeichnet. Für ihre Aktion "Die Toten kommen" wollen sie tote Flüchtlinge von den Außengrenzen nach Berlin holen, um sie dort würdig zu bestatten. Zunächst ist nicht klar, wie ernst sie diese Ankündigung meinen. Ein paar Tage später findet aber tatsächlich ein Begräbnis statt. Kurz darauf gibt es eine Demo – der "Marsch der Entschlossenen". Dabei stürmen Hunderte den Rasenplatz vor dem Bundestag und buddeln Gräber aus. So entsteht, zumindest kurzfristig, ein Friedhofsfeld.

Schmierige Kampagne: Peng-Kollektiv

Beim "Science Slam" des Ölkonzerns Shell sollen junge Wissenschaftler ihre Ideen für eine bessere Welt präsentieren. Eine perfekte Gelegenheit, den Konzern bloß zu stellen, denken die Aktivisten des Peng Kollektivs aus Berlin. Deshalb bewerben sie sich mit einer eher unscheinbaren Maschine, die CO2 aus Autoabgasen filtern soll. Bei der öffentlichen Präsentation passiert aber genau das Gegenteil: anstatt zu reinigen, spritzen aus dem Metallkasten dutzende Liter einer dunkelbraunen, ölartigen Flüssigkeit in den Saal. Eine Inszenierung, um auf die Risiken und Umweltauswirkungen der Ölförderung aufmerksam zu machen.

Demonstrieren, ohne vor Ort zu sein: No somos delito

Was tut man, wenn ein Gesetz einem verbietet, direkt vor Regierungsgebäuden zu demonstrieren – unter Androhung hoher Geldstrafen? Einen ziemlich kreativen Weg zu protestieren, ohne wirklich vor Ort zu sein, haben die spanischen Aktivisten von "No somos delito" ("Wir sind kein Verbrechen") gefunden: Sie haben einen holografischen Protestzug an die Mauern des Parlaments in Madrid geworfen. Einige Tage zuvor konnte man sein Gesicht per Webcam auf einer Seite hochladen. Rund 2.000 virtuelle Demonstranten haben mitgemacht - und so das Gesetz kritisiert.

Renovierung statt Neubau: Goldgrund Immobilien

Jeder, der schon einmal in München eine Wohnung gesucht hat, kennt das: Warteschlangen vor der Tür bei Besichtigungen, überzogene Ansprüche der Vermieter und vor allem zu viel Geld für zu wenig Platz. Hohe Preise können die Vermieter vor allem dann verlangen, wenn sie ein Haus nicht sanieren, sondern durch einen Neubau ersetzen. Dabei spielt es oft keine Rolle, ob das alte Gebäude nicht eigentlich noch in Ordnung war. Um das zu verdeutlichen, haben sich Kreative aus München zur fiktiven Baufirma Goldgrund Immobilien zusammengeschlossen. In einer Guerilla-Aktion haben sie sich als Affen verkleidet in einem - laut Stadt baufälligen - Haus eine Wohnung saniert. Mit dabei waren auch Prominente wie Keno von Moop Mama, die Sportfreunde Stiller und Mehmet Scholl.

Der öffentliche Druck: Frankfurter Hauptschule

Gentrifizierung gibt es nicht nur in München, sondern überall in Deutschland. Um gegen die Aufwertung der Taunusstraße im Frankfurter Bahnhofsviertel – und die damit verbundene Verdrängung der Drogensüchtigen - zu demonstrieren, will sich die Gruppe Frankfurter Hauptschule in sechs Performances unter dem Motto "Im Windschatten des Niedergangs" live einen Heroin-Schuss setzen. Der Stadtrat nennt die Atkion "krank", das Kulturamt streicht der Künstlergruppe die finanzielle Förderung und die Galerie sagt die Performace ab. Die Frankfurter Hauptschule zieht die umstrittene Aktion trotzdem durch. Allerdings nicht im Bahnhofsviertel, sondern aus Protest gegen die Stadt vor dem Haupteingang des Frankfurter Römers.

Werbung, die keine ist: Dies Irae

Die Gruppe ist bekannt für ihre Adbusting-Kampagnen. Adbusting setzt sich zusammen aus den Wörtern ad, der englischen Kurzform für Werbung, und bust, was soviel heißt wie zerschlagen oder zerstören. Dies Irae hat sich darauf spezialisiert, Werbeplakate zu faken, ohne sie dabei gefälscht aussehen zu lassen. So suchen sie beispielsweise für die Modekette "H&N" neue "Sklaven", die sich in den Sweatshops dieser Welt ausbeuten lassen. Bekannteste Aktion ist aber eine Plakat-Serie in Freital. In der sächsischen Stadt gibt es Ende 2015 immer wieder Demos gegen ein geplantes Flüchtlingswohnheim. Die Antwort von Dies Irae: Plakate wie "Nazis essen heimlich Falafel" oder "Hirn einschalten - Rassismus ausschalten".


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Wanda, Dienstag, 09.Februar 2016, 17:00 Uhr

6. Performances !

Scheint wohl nicht Viele zu interessieren, Herr Seibert.
Was sagt uns das ? Stampft diese "Initiativen"ein ! Kosten nur unsere Fernseh- und Rundfunkgebühren...

Wanda, Sonntag, 07.Februar 2016, 16:56 Uhr

5. Protest-Kunst(?)

- solltet Ihr gesehen haben ? Ihr ? Wen meinen Sie damit ? Jeder Simpl kann das was er produziert oder fabriziert ohne Probleme zur Kunst erklären. Muss man also nicht unbedingt gesehen haben...
Zum Glück darf darüber was Kunst ist immer noch diskutiert werden.

Michael D., Sonntag, 07.Februar 2016, 14:07 Uhr

4. Sowas kommt von sowas...

Das kommt davon, wenn junge Leute, die "kaum hinter den Ohren trocken sind", zu Redakteuren ernannt werden und Einfluss auf Öffentlich-Rechtliche nehmen können. Vielleicht muss man Sie daran erinnern, dass die Gebühren aber von mehrheitlich älteren Mediennutzern aufgebracht werden müssen.

Südsachse, Donnerstag, 04.Februar 2016, 22:58 Uhr

3. Schade - dass es die DDR nicht mehr gibt - Erich wäre stolz auf euch!

Wie kann in einem so hervorragend regierten Bundesland nur so eine linke Medien-Kaste ihren Müll verbreiten? Widerlich.

Altdemokrat, Donnerstag, 04.Februar 2016, 22:54 Uhr

2. Des Irrsinns höchste Blüte!

Sowas kommt davon, wenn in den Redaktionen immer mehr Linksextreme Einfluss haben.